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Hose | Bleibt Menschen! | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Hose Bleibt Menschen!

Plädoyer für eine emphatische Gesellschaft

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-7365-0667-1
Verlag: Vier Türme
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In einer Gegenwart, die an vielen Stellen unmenschlich oder entmenschlicht erscheint, fordert Burkhard Hose in seinem neuen Buch nicht weniger als das Eintreten für eine radikale Humanität. Diskriminierung von Minderheiten, die zunehmende Entrechtung Geflüchteter, Hatespeech in sozialen Netzwerken, aber auch das Erstarken rechtsradikaler Kräfte in Deutschland verlangen nach einer grundlegenden Neuausrichtung. Der Autor setzt sich für eine "Zeitenwende" ein, in der es darum geht, sich persönlich für mehr Empathie zu entscheiden und gesellschaftlich Mitmenschlichkeit an die erste Stelle zu setzen – um jeden Preis. Dabei orientiert er sich an der Botschaft Jesu, der den einzelnen Menschen mit all seinen Brüchen und mit seiner Würde in den Mittelpunkt stellte. Was es heißt, in dieser Spur einfach Mensch zu bleiben und entschiedener mitmenschlich zu leben, zeigt Burkhard Hose in diesem Buch und bezieht dabei immer wieder persönliche Erfahrungen aus seinem zivilgesellschaftlichen Engagement für Geflüchtete und gegen Diskriminierung und aus seiner Arbeit mit Studierenden mit ein.
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KAPITEL 1
SICHTBAR Alan Kurdi war ein zwei Jahre alter kurdischer Junge, der mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet war und am 2. September 2015 tot an der türkischen Küste gefunden wurde. Er ist ertrunken – wie so viele Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Sein kleiner Körper wurde an den Strand nahe Bodrum geschwemmt. Neben Alan verloren auch sein fünfjähriger Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna ihr Leben. Nur der Vater Abdullah überlebte. Ein Kind liegt tot am Strand. Eine kurze blaue Hose, ein rotes T-Shirt, sein Gesicht im nassen Sand, von sanften Wellen umspült. Das Bild des auf dem Bauch liegenden kleinen Jungen wurde eine Zeit lang zur grausamen Ikone des Versagens europäischer Flüchtlingspolitik und zum Symbolbild für das Leid, das diese Politik so vielen Menschen zufügt. Bis auf den heutigen Tag ist das so. Unverändert. Aber es ist viel unsichtbarer geworden. Nicht nur, weil es nicht mehr die Cover vieler Zeitschriften ziert. Eines der Schiffe der privaten Seenotrettungsorganisation »Sea-Eye« bekam 2019 den Namen »Alan Kurdi«. Der Junge sollte nicht vergessen werden und zumindest in dem Bemühen derer, die in Privatinitiative Menschen retten und damit immer wieder in Konflikt mit staatlicher Gewalt geraten, in Erinnerung bleiben. Auf ihrer Website erinnert die Seenotrettungsorganisation daran, dass Abdullah Kurdi am 10. Februar 2019 das Schiff auf den Namen seines jüngsten Sohnes taufte und erklärte, wofür dieser Name steht: »Der Schiffsname erinnerte daran, was wirklich zählt: Menschenleben retten.« Bis die »Alan Kurdi« 2021 außer Dienst gestellt wurde, konnten in zwölf Einsätzen 927 Menschen aus Seenot gerettet werden. Das Bild des kleinen Alan Kurdi stammt von der türkischen Fotojournalistin Nilüfer Demir. Sie hat es um sechs Uhr morgens aufgenommen. Ein Kind, das eigentlich noch sein ganzes Leben vor sich hatte – ertrunken. Als sei mit ihm nicht nur ein einzelnes kostbares Leben ausgelöscht worden, sondern die Humanität gestorben. Die Aufnahme ist eine Zumutung für all jene, die versuchen, Fassbomben, islamistischen Terror und Fluchttote auf Statistiken zu reduzieren, oder sich hinter Begriffen wie »Dublin-Abkommen« und »Königsteiner Schlüssel« verstecken. Dass in den vergangenen 25 Jahren bis zu 50.000 Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken sind, ist unfassbar. Die Einzelnen mit ihrer Geschichte und mit ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben verschwinden hinter der nüchternen Zahl, so erschreckend sie auch ist. Dass Menschen an den Außengrenzen Europas in riesigen Flüchtlingslagern leben oder hierzulande außerhalb der Städte in sogenannten Ankerzentren untergebracht werden, ist nur ein Teil der Strategie, sie im wörtlichen Sinn unsichtbar zu machen und damit ihr Leid zu dethematisieren. Mit zum Teil umstrittenen Aktionen, die bisweilen an die Grenze des Erträglichen und auch an die Grenze der Legalität gehen, versucht das Künstlerkollektiv »Zentrum für Politische Schönheit« auf dieses »Verunsichtbaren« aufmerksam zu machen. Die Künstler*innen setzen dabei auf schockierende Sichtbarkeit. Unter der Überschrift »Die Toten kommen« kündigten sie 2015 an, die Leichen von Menschen, die auf der Flucht gestorben und irgendwo anonym verscharrt worden waren, mithilfe derer Angehörigen und nach intensiver Recherche zu exhumieren und in der deutschen Hauptstadt unter großem Aufsehen zu bestatten. Die Aktion, die am Einschreiten der Behörden scheiterte, wollte diesen Toten eine letzte Ruhestätte schenken und ihnen ihre Würde zurückgeben. Es sei die bislang radikalste Aktion, sagte Philipp Ruch, der künstlerische Leiter des »Zentrums für Politische Schönheit«. Mit ihren umstrittenen und bisweilen aus meiner Sicht grenzüberschreitenden Aktionen versuchen sie deutlich zu machen, dass die Gesellschaft sich weniger über die Inhumanität aufregt als über das Sichtbarmachen genau dieser verlorengegangenen Mitmenschlichkeit. Dass Menschen in ihrem Menschsein sichtbar werden, um überhaupt in ihrer Würde wahrgenommen zu werden, ist nicht nur ein Thema der Kunst oder Fotografie. Gerade auch in der rassismuskritischen Forschung und in Bewegungen, in denen sich von Rassismus betroffene Menschen zusammenschließen, geht es immer wieder um das Thema Sichtbarkeit. Es gilt als besonders aufgeklärt und tolerant, wenn Menschen sagen, für sie spiele Hautfarbe keine Rolle. Sie wollen damit ausdrücken, dass sie keine Unterschiede machen. Die Mehrheit der Deutschen mit einer durchschnittlichen moralischen Gesinnung würde vermutlich die Meinung teilen, dass Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden sollen bzw. dass die Hautfarbe überhaupt keine Rolle spielen sollte. Genauso wenig wie die sexuelle Orientierung und andere Merkmale, die sich Menschen nicht aussuchen, zum Beispiel eine Behinderung oder den Geburtsort. »Aber wir sind doch alle gleich!« So reagieren vor allem weiße Menschen oft, wenn die Sprache auf Rassismus kommt. Sobald weiße Menschen und ihre Privilegien in der Gesellschaft benannt werden, scheint ihnen Gleichsein plötzlich wichtig und Hautfarbe egal zu sein. Dieser Wunsch nach »Farbenblindheit« ist für Vertreter*innen der Critical Whiteness, in Deutschland auch als Kritische Weißseinsforschung bekannt, ein typisches Argument privilegierter Weißer. Sie können es sich leisten, Unterschiede unsichtbar zu machen, weil sie in ihrem Alltag nicht erleben, dass ihre Hautfarbe Nachteile für sie bringt. Für Menschen, die in ihrem Leben immer wieder von rassistischen Diskriminierungen betroffen sind, spielt ihre Hautfarbe deshalb sehr wohl eine Rolle. Sie ist nicht egal. Daher machen sie diese auch immer wieder zum Thema. Nachdem ich im Januar 2022 mit 120 weiteren queeren Menschen in der katholischen Kirche bei der Aktion »OutInChurch« in einem gemeinsamen Coming-out an die Öffentlichkeit getreten bin, habe ich mich in der Folge oft in Gesprächssituationen wiedergefunden, die von einer ähnlichen Logik bestimmt waren. Heterosexuelle Menschen, die der allgemein gesellschaftlich akzeptierten Norm entsprechen, sagen mir, dass sie nicht verstehen, dass queere Menschen ihre sexuelle Orientierung oder ihre geschlechtliche Identität öffentlich demonstrierten und vor aller Augen thematisierten. Schließlich sei das doch egal und für sie persönlich überhaupt kein Problem. Jeder solle doch nach der eigenen Fasson selig werden, aber bitte nicht bei jeder Gelegenheit darüber sprechen. Eine solche tolerant klingende Haltung können sich allerdings nur Menschen erlauben, die der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Wer selbstverständlich in ein System hineinpasst, in dem als »normal« gilt, dass es nur zwei Geschlechter gibt und Männer Frauen lieben und Frauen nur Männer, kann es sich erlauben, die eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität nicht zum Thema zu machen und in diesem Sinn »unsichtbar« zu bleiben. Diese Menschen werden ja auch nicht ständig in ihrem Menschsein infrage gestellt. Für jene, die dieser Norm nicht entsprechen und denen die Gesellschaft abverlangt, ihre Existenz zu erklären, sieht das anders aus. Nicht ich bin es, der sein Queersein zum Thema macht, sondern die gesellschaftliche Normierung redet, urteilt und bewertet meine sexuelle Orientierung. Das Coming-out in der Familie oder in der breiteren Öffentlichkeit ist nach wie vor für viele Menschen ein unerlässlicher Schritt, um selbst darüber zu bestimmen, wie sie gesehen werden wollen, und damit das eigene Menschsein zu behaupten. Das Sichtbarwerden als queerer Mensch ist ein wichtiger und für viele ein wesentlicher empowernder Schritt. Er nimmt ihnen die Angst vor Ausgrenzung, Isolation und Diskriminierung und trägt dazu bei, zu sich selbst als ganzem Menschen zu stehen, für die eigene Würde einzutreten und die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen. Personen, die offen und ehrlich mit ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität umgehen, sind Vorbilder für so viele andere queere Menschen, die sich eben noch nicht trauen, offen über ihre eigene Identität zu sprechen, oder sich vielleicht noch nicht einmal selbst akzeptiert haben. Erst wenn ein anderer in seinem Anderssein, in seiner Individualität, aber auch in seiner Not oder Verletzlichkeit sichtbar wird, besteht überhaupt die Möglichkeit, ihn als Mitmensch wahrzunehmen und anzuerkennen. Insofern ist eine Kultur der Mitmenschlichkeit immer auch eine Kultur der Sichtbarkeit oder des Gesehenwerdens. Entmenschlichung geht dagegen immer einher mit dem Unsichtbarmachen, mit der Kategorisierung einzelner Personen unter Gruppenbezeichnungen, die mit Abwertungen verbunden sind. Der US-Psychologe Arthur Aron entwickelte vor rund 20 Jahren 36 Fragen, dank deren Beantwortung sich Menschen sympathischer werden und alle anderen trennenden Barrieren wegfallen lassen. Dazu zählen Fragen wie »Haben Sie eine geheime Ahnung, woran Sie sterben werden?« oder »Erzählen Sie Ihrem Gesprächspartner von einem peinlichen Moment in Ihrem Leben«. Nach dem Fragenkatalog folgt der wichtigste Moment: Die Teilnehmenden sollen ihrem Gegenüber für vier Minuten in die Augen schauen. Das ist laut Aron der finale Eisbrecher und der Moment, in dem zwei Menschen tiefe Sympathien füreinander entwickeln und sich als Mitmenschen wahrnehmen. Diese Technik wandte 2016 Amnesty International in einem Videoexperiment an. Das Ziel: Man wollte Vorurteile zwischen Flüchtlingen und Europäer*innen abbauen und Menschen über die Grenzen schauen lassen. Zu diesem Zweck versammelte die Amnesty in einer Berliner Fabrikhalle rund ein Dutzend Menschen unterschiedlichster Altersklassen. Die Mädchen, Frauen und Männer stammten aus Belgien, Polen, Deutschland,...


Burkhard Hose begleitet als Studentenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde in Würzburg seit 2008 die Studierenden. Immer wieder setzt er sich für Randgruppen, Geflüchtete und Asylbewerber ein – u. a. im Würzburger Flüchtlingsrat, im Würzburger Bündnis für Zivilcourage oder im Ombudsrat der Stadt Würzburg gegen Diskriminierung.


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