E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
Roman
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Reihe: Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-42907-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Monate in der hippen Metropole Shanghai - für die meisten 16-jährigen wäre das ein Traum. Mulan hingegen sieht ihren Aufenthalt bei der chinesischen Verwandtschaft mit sehr gemischten Gefühlen. Als Tochter eines Deutschen und einer Chinesin tut sich die Münchnerin mit ihrem fernöstlichen Erbe schwer, besonders seit es mit der Mutter nur noch Streit gibt, weil Mulan sich weigert, mit ihr chinesisch zu sprechen und die Schrift zu lernen.
Doch als sie ihre chinesische Familie kennenlernt, vor allem ihre Großmutter, erwacht die Neugierde am mütterlichen Erbe. Unschuldig am Lerneifer ist sicher auch nicht Nianshen. Denn wie sollen die beiden Liebenden sich texten, wenn Mulan nicht lesen und schreiben kann?
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1
Mulan wurde durch ein sanftes Rütteln an der Schulter geweckt. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war. Vor ihr stand eine Stewardess und hielt ihr mit einer Zange einen gerollten Waschlappen hin. Aha, im Flugzeug. Dann war sie also doch noch eingeschlafen. Während der endlos langen Nacht hatte sie immer wieder auf die Uhr geschaut, deren Zeiger einfach nicht vorankamen. Der winzige Flieger auf dem Display im Vordersitz hatte sich quälend langsam über die riesige Landmasse Richtung Osten bewegt. Sie rappelte sich aus ihrer unbequemen Schlafposition hoch und entwirrte die langen Beine. Als sie nach dem Waschlappen griff, wäre sie fast zurückgezuckt, das Ding war feucht und heiß. Wozu sollte das gut sein? Sie tat es den anderen nach und legte sich das Tuch aufs Gesicht. Wunderbar! Genüsslich sog sie das leichte Menthol-Aroma ein, eine Wohltat für die brennenden Augen, die trockene Nase, die gespannte Haut. Einen Moment lang blieb sie so, in ihren Sitz zurückgelehnt, geschützt vor dem grellen Licht, das jetzt die Kabine durchflutete. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Um die halbe Welt fliegen, zu unbekannten Menschen, die zwar zur Familie gehörten, ihr aber fremder nicht hätten sein können. In eine Stadt mit 12 Millionen Einwohnern – 12 Millionen Chinesen! Sie rubbelte sich kräftig Gesicht und Hände, aber die Panik ließ sich nicht wegwischen. Und das alles wegen des ständigen Zoffs mit Mama. Nein, nicht nur deshalb. Sie würde ihren Eltern beweisen, dass sie allein zurechtkam. Entschlossen fasste Mulan das lange schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, den sie auf dem Kopf zu einem lockeren Knoten drehte und mit zwei Stäbchen feststeckte. Die »Staberl-Frisur«, wie ihre Freundinnen daheim in München das nannten. »Allzeit bereit, falls ein leckerer Happen des Weges kommt«, zogen sie Mulan gern auf. Gleich darauf wurde ein Frühstückstablett auf ihr Klapptischchen geschoben. Mulan stocherte lustlos in dem pappigen Rührei. Ihr Magen schlief noch, war derzeit an Nahrung nicht interessiert. Welche Zeit war hier eigentlich? Mulan schob die Jalousie an ihrem Fensterchen hoch. Von draußen sprang sie ein knallblauer Himmel an. Sie warf einen Blick auf das Display und stellte fest, dass es da, wo sie bald ankommen würden, bereits Nachmittag war. Auf dem dreizehnstündigen Flug durch mehrere Zeitzonen hatten sie sich um acht Stunden vorgearbeitet. Mulan stellte ihre Uhr. »Immer vorwärtsdenken, nicht an der alten Zeit festhalten, dann kommst du leichter über den Jetlag hinweg.« Diesen Rat hatte Papa Gregor ihr mit auf den Weg gegeben. Er war in seinem Job notgedrungen ein Vielflieger. Vorwärtsdenken. Doch stattdessen drängte sich die Erinnerung an den trotz allem Ärger so tränenreichen Abschied am Münchner Flughafen auf. Aber Moment mal. Konnte man Heimweh kriegen, bevor man überhaupt angekommen war? Reiß dich zusammen, Mulan, sagte sie sich. Jetzt bloß nicht weinerlich werden, sondern an das denken, was bevorstand: ihr chinesisches Abenteuer. »Wir befinden uns im Landeanflug auf den Internationalen Flughafen Shanghai, Pudong. Wir bitten Sie, Ihre elektronischen Geräte jetzt auszuschalten. Schnallen Sie sich an, und stellen Sie die Rücklehnen gerade«, kam die viel zu muntere Stimme der Stewardess über den Lautsprecher, zuerst auf Chinesisch, dann auf Deutsch. Mulan schreckte aus einem leichten Dämmerschlaf hoch, in den sie nach dem Bordfrühstück noch einmal gefallen war. Gott sei Dank, endlich raus aus dieser Käfighaltung. Mulan schlüpfte in die Schuhe. Unter ihr wurde jetzt rumpelnd das Fahrwerk ausgefahren. Durchs Fenster sah sie abgeerntete Felder und graue Industrieanlagen in verwegenem Winkel auf sich zukommen. Als die Maschine zu einem weiteren Schwenk ansetzte, blitzte für einen Moment das Wasser des Küstenstreifens auf. Dann kam die Welt wieder ins Lot; das Flugzeug richtete sich zur Landung aus. Sanftes Aufsetzen, kurzes Nachfedern. Mulan wollte gerade klatschen, wie sie es von den Ferienfliegern gewohnt war, die sie und ihre Eltern in den Badeurlaub gebracht hatten. Gerade noch rechtzeitig merkte sie, dass das hier nicht üblich war. In dieser Maschine saßen Geschäftsleute und andere routinierte Reisende, für die Fliegen eine normale Fortbewegungsart und kein Ferienspaß war. Wie peinlich. Plötzlich bremsten die Triebwerke mit lautem Dröhnen den Schub der Maschine ab, Mulan hob es fast aus ihrem Sitz, sie konnte die ausgestreckten Hände gleich dazu benutzen, sich gegen die Lehne des Vordersitzes zu stemmen. »Wir sind soeben auf dem Internationalen Flughafen Shanghai, Pudong, gelandet«, verkündete die Stimme der Stewardess. »Bitte bleiben Sie sitzen, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat. Captain Wang und seine Crew bedanken sich für Ihr Vertrauen. Wir hoffen, Sie bald wieder auf einem Flug der China Airline begrüßen zu dürfen.« Handys wurden gezückt, Smartphones aus dem Flugmodus geweckt, und der Sturm auf die Gepäckfächer begann, lange bevor die Maschine richtig zum Stehen gekommen war. Mulan blieb ruhig auf ihrem Fensterplatz sitzen. Sollten die anderen nur drängeln, sie hatte es nicht eilig. Was wollte sie hier? Mulan Meinhard, eine Deutsche mit chinesischem Vornamen, eine Münchnerin mit Mandelaugen, ein Halbdrache, wie ihre Mutter sie manchmal nannte. Außer ihrem Kinderchinesisch und der Fertigkeit, mit Stäbchen zu essen, verband sie nichts mit dem Heimatland ihrer Mutter. Ein Bus brachte die Passagiere in den Ankunftsbereich des Flughafengebäudes. Dort musste man erst mal Schlange stehen, um überhaupt reingelassen zu werden in dieses Land. Mulan reihte sich bei den »Foreigners« ein. Das war sie schon gewohnt: Sie war überall Ausländer. Der Mann am Einreiseschalter nahm ihren deutschen Pass, verglich mit geübtem Blick das Gesicht auf dem Bild mit dem vom Schlaf zerknautschten Original und blätterte, bis er das Visum fand. Dann fragte er sie auf Chinesisch nach dem Zweck ihres Aufenthalts. Verständnislos starrte Mulan ihn an. Den Sinn seiner chinesischen Frage ahnte sie mehr, als dass sie sie verstand. »Besuch«, stammelte sie und suchte in ihrem zeitverschobenen Hirn krampfhaft nach den richtigen Silben und den richtigen Tönen, »bei Verwandten.« Der Zollbeamte schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln und ließ seinen Stempel auf den Pass niedersausen. Jetzt war sie also in China. Bei dem Gedanken wurden Mulan die Knie weich, sie musste sich auf eine der Bänke am Rand des langen Korridors setzen. Die Welt schien auf einmal stillzustehen, um sie herum war alles auf Zeitlupe geschaltet. Sie konnte das eigene Blut in den Ohren rauschen hören, die Außengeräusche drangen wie durch Watte zu ihr. Am liebsten wäre sie ewig so sitzen geblieben im Niemandsland des Flughafens – gelandet, aber nicht angekommen. Plötzlich merkte sie, dass sie zitterte. War es Aufregung, Schlafmangel oder die Kälte hier drinnen? Trotz oder gerade wegen des strahlenden Sonnenscheins draußen war das Flughafengebäude auf winterliche Temperaturen heruntergekühlt. Mulan kramte ihren Hoodie aus dem Rucksack und zog ihn an. Schon besser. Jetzt der Koffer. Im Strom der Ankommenden ließ sie sich zur Gepäckausgabe treiben. Schon von Weitem sah sie, wie ihr riesiger grüner Schalenkoffer auf dem Gepäckkarussell einsame Kreise zog. Wie lange hatte sie auf der Bank gesessen? In den Koffer hatte sie alles hineingestopft, was ihr für einen dreimonatigen Aufenthalt nötig erschien. Aber hatte sie das Richtige eingepackt? Schließlich war sie noch nie so lange von zu Hause fort gewesen. Dazu die ganzen Geschenke für die Verwandtschaft, die Mama ihr aufgedrängt hatte. Mulan zerrte vergeblich ein paarmal am Griff, doch das Ungetüm bewegte sich nicht; ungerührt setzte es seine Fahrt auf dem Karussell fort, Mulan lief hilflos nebenher. Wieder biss die Panik zu. Wie sollte sie diesen Aufenthalt stemmen, wenn sie noch nicht mal ihren Koffer vom Band hieven konnte. Zum Glück kam ihr ein kräftiger Chinese zu Hilfe, der das Riesenteil lässig vom Band hob und vor sie hinstellte. »Xièxie«, bedankte sie sich artig. »Bú yào kèqi – Keine Ursache«, erwiderte er, ohne mit der Wimper zu zucken, und ging seiner Wege. Diesmal war sie als »echt« durchgegangen. Offenbar hatte sie die Töne richtig getroffen. Der erste gelungene Dialog in meinem Leben als Chinesin, dachte sie. Mulan straffte die Schultern und rollte mit ihrem Koffer los. Alle anderen schienen ein Ziel zu haben, steuerten mit ihren beladenen Trolleys einem Wiedersehen entgegen. Nur Mulan wusste nicht, was sie erwartete. Oder doch, natürlich, Onkel und Tante würden sie abholen, das hatte ihre Mutter alles eingefädelt. Aber das waren wildfremde Menschen. Wie sollte sie die erkennen? Was sollte sie zu ihnen sagen? Nun ließ sich die Begegnung nicht länger hinauszögern. Die Mutter hatte ihr eingebläut, wie sie die neuen Familienmitglieder, die Familie ihres jüngeren Bruders, anzureden hatte. Man nannte sie nicht einfach beim Vornamen, sondern musste die genaue Bezeichnung im komplizierten System der chinesischen Verwandtschaftsbeziehungen benutzen. Mulan wiederholte ihre Beziehungsvokabeln: Onkel und Tante mütterlicherseits hießen jiùfu und jiùma. Auch wenn Mulan genervt war von so viel ferngesteuerter Fürsorge, war sie doch froh, sich dieser riesigen Stadt nicht allein stellen zu müssen, unausgeschlafen und mit einem riesigen Koffer an den Hacken. Aber dazu...