E-Book, Deutsch, Band 2.1, 396 Seiten
Reihe: Die Vielwelten-Trilogie
Die Vielwelten-Trilogie
E-Book, Deutsch, Band 2.1, 396 Seiten
Reihe: Die Vielwelten-Trilogie
ISBN: 978-3-7568-7660-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maria Hermann wurde 1984 in Freiburg im Breisgau geboren und entdeckte früh ihre Begeisterung für das Kreative und Künstlerische. Mit zwanzig Jahren zog es sie nach Hamburg, um dort acht Jahre lang als Schauspielerin am Theater zu arbeiten. 2008 hatte sie die Idee zu Tala und die vergessenen Tore, dem ersten Band der Vielwelten- Trilogie, welchen sie in den darauffolgenden Jahren neben ihrer Bühnentätigkeit zu Papier brachte. Seit 2012 lebt Maria wieder in ihrer Heimat im Schwarzwald. Dort hat sie 2019 ihr Psychologie-Studium an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg abgeschlossen und arbeitet derzeit an den Fortsetzungen der Vielwelten-Saga.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Arun
Angst trieb ihn vorwärts. Immer schneller rannte er über die mächtigen Äste der Baumstraßen von Angal Fén. Dieser Teil der Hohen Wälder war ihm vertraut. Als Kind war er oft wie eine Baumechse um die dicken Äste gelaufen, hatte sich kopfüber von deren Unterseite baumeln lassen und war die großen Stammwände emporgeklettert - bis in die hohen Wipfel der mächtigen Riesen. Doch heute war alles anders … Aruns Füße bewegten sich wie von selbst und berührten kaum die Rinde der schwebenden Baumstraße. Auch die tiefen Abgründe zwischen den gigantischen Baumriesen konnten den jungen Sermiramis nicht aufhalten. Kam er an eine Kluft, drehte sich sein sehniger Körper geschmeidig zur Seite und er flog mit einem kräftigen Sprung über das Hindernis hinweg. Die Wucht der Landung ließ Arun jedes Mal tief in die Knie gehen, doch sobald er sich auf der glatten Rinde eines tiefer gelegenen Astes wieder aufgerichtet hatte, rannten seine braunen, nackten Füße unbeirrt weiter. Gedanken schwirrten in seinem Kopf wie lästige Insekten. Auf seiner Reise vom Lande Phanes zurück in die Hohen Wälder der Solodeen hatte ihn eine erschreckende Botschaft erreicht: Seine Mutter war schwer krank. Sie sei vergiftet worden, so hatte ihm der Harzhändler aus Fessart versichert. Nervös biss Arun die Zähne zusammen. Niemand webte den Schutz vor den giftbringenden Schatten so außergewöhnlich gut wie seine Mutter. Riss der Schutz ein, war man verloren. Die goldenen Sternenstrahlen, die wie Lichtpfeile die Wipfel der Hohen Wälder durchdrangen, kündigten den Wechsel der Zeiten an und spiegelten sich auf Aruns hellbraun schimmernder Haut. Die mächtigen Baumstämme der Stillen Wälder standen stumm in grünblauem Zwielicht, wie versunkene Säulen am Grunde eines tiefen Ozeans. Dichte, feuchtwarme Luft benetzte das Moos auf den breiten Aststraßen und verfing sich in Aruns dunkelbraunem, zu einem langen Zopf geflochtenen Haar. Der geschwungene Jagdbogen und der Köcher mit den bunten Federpfeilen schlugen im Takt seiner Schritte gegen seinen nackten Rücken. Schon bald würde sich das Wipfeltal der Kokonstadt vor ihm öffnen, seiner alten Heimat, der er den Rücken gekehrt hatte, als er fast noch ein Kind gewesen war. Flüchtig tauchten die zornesroten Augen seines Vaters gleich Irrlichtern in seiner Erinnerung auf. Ein Stich durchdrang Aruns Brust und er versuchte, das Bild aus seinem Kopf zu verscheuchen, wie eine hartnäckige Fliege, die er doch nicht loswurde. Jetzt erreichte er die Ausläufer der Baumstraßen des Fén. Das Blätterdickicht lichtete sich und gab den Blick auf das weite Tal frei, in welchem an den Ästen der Bäume die Kokonhäuser in seidigem Weiß schimmerten. Manche der Behausungen sahen aus wie leuchtende Tautropfen, andere wie schwebende Spiralmuscheln. Die unzähligen glitzernden Sternenlampions, die die Stadt erhellten, spiegelten sich in Aruns hellgrün-goldenen Augen wider, als er seinen Blick über das Wipfeltal schweifen ließ. Zarte Seidenkokons schmiegten sich an Terrassen, die die Formen von Blättern nachzeichneten, und zwischen ihnen schlängelten sich endlose Wendeltreppen an den Stämmen der Bäume entlang. Kokonstadt war eine der anmutigsten Städte der Hohen Wälder und die Anmut war, nach dem Edelmut, eine der wichtigsten Tugenden der Sermiramis. Arun griff nach einer der freihängenden Kletterpflanzen und schwang sich mit deren Hilfe von einer Ranke zur nächsten die Ausläufer des Tales entlang, bis er an einer Terrasse auf der mittleren Ebene der Stadt angelangt war. Ohne anzuhalten hastete er die große Wendeltreppe hinauf zu den Hohen Häusern der Wächter. Die feuchte Luft kündigte bereits den Regenschlaf an und so begegnete ihm kaum jemand auf seinem Weg in die Krone der Stadt. Mit einem letzten kraftvollen Sprung erreichte Arun einen Platz, dessen gewölbter Boden an die Formen von vom Wind aufgewirbelten Blättern erinnerte. Im selben Moment trat einer der ehrwürdigen Wächter aus dem Kokonhaus, welches sich in der Mitte des Platzes wie eine Muschel spiralförmig gen Himmel erhob. Es war Hundendral, der auf der Stirn den hellen Kristall trug, der ihn als den Führer der Wächter auszeichnete. Das Haar hatte er straff nach oben gebunden und sein seidenes Gewand wehte hinter ihm her, als er mit erhobenem Kinn und ernster Miene auf Arun zuschritt. Die Haut des Wächters war glatt und für die Haut eines Sermiramis ungewöhnlich hell. Scharf traten die Knochen an Kinn und Wangen heraus, was seinem Gesicht etwas Herrisches verlieh. „Du bist hier nicht erwünscht, Arun Neventél!“ Arun zuckte zusammen, obwohl er diese demütigende Anrede bereits einige Male hatte ertragen müssen. Er straffte die Schultern und antwortete kühl, die höflichen Begrüßungsformen der Sermiramis willentlich außer Acht lassend: „Ich muss zu meiner Mutter! Wie geht es ihr?“ „Es geht ihr nicht gut und deine Anwesenheit wird das Übrige dazu tun. Njendal hat deinetwegen schon zu viel gelitten. Du hast hier nichts zu suchen. Kehr‘ zurück zu deinen geächteten Freunden, mit denen du deinen niederen Geschäften nachgehst!“ Hundendrals scharfkantiges Gesicht zeigte keinerlei Regung, doch in seiner Stimme schwang tiefer Hass. Arun presste die Lippen zusammen und schüttelte so bestimmt den Kopf, dass sein langer Zopf über die vom langen Lauf zitternden Muskeln seines Oberkörpers schwang. „Sie ist meine Mutter!“, stieß er flehend hervor. Aber Hundendrals Augen blieben hart. „Lass‘ mich zu ihr!“ Laut schallte Aruns Stimme durch das stille Tal, als er sich mit ganzer Kraft gegen den großen Mann warf. Dieser war stärker, als der jugendliche Waldkrieger geglaubt hatte, und stieß ihn so grob zurück, dass Arun unter der Wucht des Stoßes zurückstrauchelte, bis sein linker Fuß über den Rand der Ebene rutschte. Schwindel erfasste ihn und sein Magen krampfte sich zusammen. Im letzten Moment fing er sich und warf sich nach vorne. In einer sich aufbäumenden Hilflosigkeit fasste er nach hinten und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Auf das, was er jetzt tat, stand die Todesstrafe - und doch spannte sich sein Bogen in entschlossener Anmut. „Ich MUSS zu meiner Mutter und du wirst mich nicht aufhalten!“, stieß er hervor, die Bogensehne und die bunten Federn seines Pfeiles an den Mundwinkel gepresst. Im selben Augenblick strich ein feiner Lufthauch über seine Wange und im Eingang des Hohen Hauses erschien Seranja, eine der alten Wächterinnen, die Arun als Kind oft bei der Hand genommen und ihm mit flüsternder Stimme von den Geheimnissen des Waldes erzählt hatte. Wenn Seranja lachte, dann glaubte man, den heiseren Schrei eines Feuervogels zu hören, vermengt mit dem hellen Plätschern sanft fallender Regentropfen. Langsam, als würde sie den Boden mit jedem Schritt ganz in sich aufnehmen, ging die alte Wächterin auf Arun zu, legte eine Hand auf seinen Bogen und die andere auf seinen Arm. „Komm‘, Arun“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Deine Mutter erwartet dich. Sie hat bereits nach dir gefragt.“ Hundendral sah Seranja scharf an, wagte aber nicht, ihr zu widersprechen. Langsam ließ Arun den Bogen sinken, warf seinem Widersacher einen letzten, bitteren Blick zu und rannte dann an den beiden vorbei in das Haus der Wächter. Er lief durch die gewundenen Gänge in den hinteren Teil des Spiralhauses, wo die Kranken untergebracht wurden, und als er in den weißgetünchten, tropfenförmigen Raum mit den seidenen Vorhängen trat, fand er seine Mutter schlafend und mit zusammengefalteten Händen. Unruhig flackerten Njendals Lider und ihre hohe Stirn war von Schweiß bedeckt. Der ausgestoßene Sermiramis sank neben dem Krankenbett auf den Boden und ließ den Kopf auf die Hände seiner Mutter sinken. „Verzeih‘ mir, Mutter. Verzeih‘ mir.“ Hinter ihm betrat Seranja den Raum. Ihr silbernes Haar war mit goldenen Blättern aus gehärtetem Harz zusammengesteckt und ihre bernsteinfarbenen Augen musterten sorgenvoll die Kranke. „Hohes Fieber peinigt ihren Körper. Sie hat alle Symptome der Vergiftung.“ Ungläubig hob Arun den Kopf. „Wie kann das sein? Wie kann eine Wächterin wie Njendal vergiftet werden? Sie beherrscht den Schutzzauber wie keine andere!“ „Glaub‘ mir, Arun, das frage ich mich mit jedem Atemzug. Aber Hundendral ist sich vollkommen sicher. Er hat schon viele Vergiftungen gesehen …“ „Hundendral!“ Arun spuckte den Namen aus wie eine verdorbene Frucht - was nochmals ein grober Verstoß gegen die Gebräuche seines Volkes war. Doch Seranja nahm es gelassen. „Lange habe ich über die Krankheit deiner Mutter geschwiegen und Rat bei den Sternen gesucht, aber ich komme zu keiner anderen Erklärung.“ Die Wächterin wirkte entmutigt und ihr sanftes Gesicht war voller Trauer. In diesem Augenblick öffnete Njendal mit...