Helbig | Quentin Tarantino | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 113 Seiten

Reihe: FILM-KONZEPTE

Helbig Quentin Tarantino

E-Book, Deutsch, 113 Seiten

Reihe: FILM-KONZEPTE

ISBN: 978-3-96707-071-2
Verlag: edition text+kritik
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der US-amerikanische Kultregisseur Quentin Tarantino (*1963) ist, wie sein Biograf Wensley Clarkson bemerkte, der erste Regisseur in der Geschichte Hollywoods, der wie ein Rockstar behandelt wird.
Seinen schillernden Ruf hat sich Tarantino mit einem vergleichsweise schmalen Œuvre erarbeitet, das nach offizieller Zählung aus bislang neun Spielfilmen besteht. Von Beginn an verstand es der Autodidakt, der nie eine Filmschule besucht hat, Kritiker und Publikum zu polarisieren. Entgegen zahlreicher Regeln des Filmemachens und Drehbuchschreibens brachte Tarantino frischen Wind in Hollywoods Studiosystem und prägte einen seither oft kopierten Stil, für den sich der Begriff "tarantinoesk" eingebürgert hat.
Von "My best Friend's Birthday" (1987) bis zu "Once upon a time. in Hollywood" (2019) beleuchten die zehn Beiträge dieses Bands Tarantinos Stil unter verschiedenen formalen, inhaltlichen und ästhetischen Gesichtspunkten.
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Jörg Helbig MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY
Quentin Tarantinos vergessenes Filmdebüt
»Rather than spend $ 60,000 for film school, spend $ 6,000 for a movie. That’s the best film school in the whole world.«1 (Quentin Tarantino) Am Beginn von Quentin Tarantinos filmischem Œuvre steht das 1992 erschienene Gangsterdrama RESERVOIR DOGS – so stellt es sich zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung dar. Tatsächlich hatte Tarantino aber bereits Mitte der 1980er Jahre einen Film mit dem Titel MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY gedreht. Dieser Film wird in der Internet Movie Database mit dem Erscheinungsjahr 1987 gelistet,2 wurde jedoch niemals offiziell aufgeführt, und seine schiere Existenz ist vermutlich nur Personen bekannt, die sich intensiver mit dem Regisseur auseinandersetzen. Tarantino selbst hat sich dieses Films niemals gerühmt, aber immerhin hält er ihn – wie das obige Motto verrät – für einen mehr als adäquaten Ersatz für die Filmhochschule, die er nie besucht hat. Tarantinos damaliger Kumpel Craig Hamann, von dem die ursprüngliche Idee zu MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY stammte, beschrieb diesen Effekt so: »Quentin has said, and I agree, that this was our film school. We learned more doing that than if we had gone to film school.«3 In der Literatur über Tarantino fand MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY mit wenigen Ausnahmen4 bislang kaum Beachtung. Der Film wird entweder gänzlich ignoriert5 oder auf engstem Raum abgehandelt6, meist auf wenig schmeichelhafte Weise: Scholten bezeichnet ihn als »dilettantisch«7, für Kaul/Palmier ist er »qualitativ gescheitert«, ja gar ein »Desaster«8, Tom Shone spricht etwas nachsichtiger von »a mess« und attestiert dem Film zudem, dass er durch Quentin Tarantinos eindrucksvolle schauspielerische Performance gerettet wird9. Unabhängig davon, wie man die Qualität von Tarantinos Debütfilm einschätzt, bleibt festzuhalten, dass eine filmwissenschaftliche Auseinandersetzung mit MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY bislang nicht stattgefunden hat. Ein unvoreingenommener Blick auf diesen Film soll daher am Anfang dieses Bands stehen. Die Produktionsgeschichte des 1984 begonnenen Filmprojekts könnte selbst den Stoff für ein Drehbuch abgeben: Zwei Schauspielschüler (Quentin Tarantino und Chris Hamann), beide ohne nennenswerte praktische Filmerfahrung, beschließen einen Film zu drehen, mit dem sie ihr Talent beweisen und sich eine Visitenkarte für die Hollywoodstudios erarbeiten wollen. Gemeinsam schreiben sie das Drehbuch für eine Komödie. Da die beiden nicht einmal das lächerlich geringe Budget von $ 5.000 aufbringen können, muss an allen Ecken gespart werden. Die Filmcrew wird aus dem Freundes- und Bekanntenkreis rekrutiert, an den Wochenenden wird eine alte 16-mm-Bolex-Kamera ausgeliehen, in Kopieranstalten werden unbelichtete Filmreste erbettelt, und die Filmsets werden in Privatwohnungen improvisiert oder in Guerillamanier gekapert. Die beiden Amateurfilmer nehmen möglichst viele Funktionen zugleich wahr, sie sind Ko-Autoren und Ko-Produzenten und spielen selbst die beiden Hauptrollen, Tarantino betätigt sich zudem als Regisseur und Cutter. Immer, wenn das Geld ausgeht, werden die Dreharbeiten für längere Zeit unterbrochen, was nicht nur der Kontinuität abträglich ist,10 sondern auch dazu führt, dass sich die Produktion über dreieinhalb Jahre hinzieht. Als der 69-minütige Schwarz-Weiß-Film fertiggestellt ist und zum Kopieren gebracht wird, werden mehrere Filmrollen durch ein Feuer im Filmlabor zerstört, nur 36 Minuten bleiben erhalten. Daraufhin gibt Tarantino das Projekt endgültig auf.11 Wie Wensley Clarkson in seiner gründlich recherchierten Biografie Quentin Tarantino. The Man, the Myths and His Movies berichtet, scheint Tarantino mit diesen Widrigkeiten erstaunlich souverän umgegangen zu sein: »It was chaos. The young, inexperienced cast and crew hit a whole range of difficulties, from electric cables that were not long enough, to actors not showing up on time. Despite all this, Quentin kept reasonably calm throughout. He recognised the entire process as part of a learning curve that he had to experience if he was ever to go on to bigger and better things.«12 Nicht minder kurios als die Produktionsgeschichte ist die autobiografisch inspirierte Story des Films um die beiden Freunde Clarence Pool (Tarantino) und Mickey Burnett (Hamann), die beide als DJs bei dem Radiosender K-Billy arbeiten. Mickey, der vor kurzem von seiner Freundin verlassen wurde, wird, ebenso wie Clarence, am Vorabend seines 30. Geburtstags gefeuert. Grund hierfür ist ein von Clarence verschuldetes Missverständnis, das beide als drogensüchtig erscheinen lässt. Clarence, ein unerschütterlicher Optimist, möchte seinen deprimierten Kumpel aufmuntern, indem er heimlich eine Geburtstagsparty organisiert und das Callgirl Misty (Chrystal Shaw) engagiert, dem er den Schlüssel für Mickeys Wohnung gibt. Trotz der gut gemeinten Planung gerät der Abend für Mickey zu einem Alptraum. Zuhause findet er seine Ex-Freundin Pandora (Linda Kaye) vor. Zu Mickeys Freude sieht es zunächst so aus, als wolle sie wieder mit ihm zusammen sein, doch stellt sich schnell heraus, dass sie nur gekommen ist, um ihre alten Rod-Stewart-Kassetten abzuholen. Als Mickey später unter der Dusche steht, taucht plötzlich Misty auf, die ihn auffordert, ins Schlafzimmer zu kommen, sobald er fertig geduscht hat. Statt des erhofften Sex wird Mickey jedoch von Mistys afroamerikanischem Zuhälter Clifford (Al Harrell) verprügelt. Ein (sexuelles) Happy End gibt es lediglich für Clarence und Misty, die sich in dieser Nacht ineinander verlieben. Aus dem 99-seitigen Drehbuch geht hervor, dass die nicht erhalten gebliebenen Filmteile noch zahlreiche weitere Unannehmlichkeiten für Mickey beinhalteten, die direkt oder indirekt sämtlich von Clarence verschuldet sind: Mickey wird mehrmals versehentlich k. o. geschlagen, u. a. von Clarence und einem sadistischen Polizisten; während eines handgreiflichen Streits mit Clarence fällt Mickey kopfüber in seine Geburtstagstorte; jedes Mal, wenn er unter der Dusche steht, kommt jemand herein und sieht ihn nackt; ein Schlägertyp bedroht ihn, weil er angeblich dessen 10-jährige Tochter belästigt hat usw. Kurz vor Schluss des Films setzt sich der völlig desolate Mickey neben Clarence auf die Motorhaube eines Autos und gelangt zu dem Fazit: »This has been the worst night of my life.«13 Als Wiedergutmachung schenkt ihm Clarence einen Joint und geht anschließend in eine Bar, um ein Bier zu trinken. Mickey raucht den Joint, doch als ein Blaulicht aufblitzt, bemerkt er, dass er auf der Motorhaube eines Polizeiautos sitzt … Die tragikomische Handlung um Mickey umfasst indes nur etwa ein Drittel des Films. Den weitaus größeren Raum nehmen Szenen ein, die Clarence (der ebenso wie Tarantino selbst eine notorische Quasselstrippe ist) im Dialog mit diversen Personen zeigen. Diese Szenen, für die der Mickey-Plot quasi nur den Anlass liefert, sind die filmhistorisch bedeutsameren, denn sie beinhalten den Nukleus dessen, was spätere Filme von Tarantino auszeichnen wird. Dies betrifft zunächst den hohen Dialoganteil. Alle Filme des Regisseurs gelten als dialoglastig, und MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY bildet hier keine Ausnahme. Rund 60 % des Films zeigen Clarence im Gespräch mit anderen Figuren, wobei die Rollen sehr ungleich verteilt sind: Clarence ist weniger Zuhörer als monologischer Dauerredner. Seine Gesprächspartner sind oft Figuren, die – abgesehen von Mickey und Misty – für die Handlung des Films bedeutungslos sind. Auch treibt das, was Clarence ihnen mitteilt, die Handlung nicht voran. Die Dialoge bilden quasi autonome Einheiten, ohne jedoch reiner Selbstzweck zu sein. Vielmehr öffnen sie die Fenster zu dem intertextuellen Kosmos der Popkultur, in dem sich Tarantinos Filme bewegen. Diese für Tarantinos nachfolgende Filme typische Vorgehensweise lässt sich bereits in der allerersten Szene von MY BEST FRIEND’S BIRTHDAY nachweisen, die im Aufnahmestudio des Radiosenders K-Billy spielt, wo gerade die Clarence Pool Show live gesendet wird. Anwesend sind Clarence »The Hillbilly Cat« Pool und ein Studiogast namens Lenny Otis (Rowland Wafford), der Vorsitzende des kalifornischen Eddie Cochran Fan Clubs. Clarence erzählt weitschweifig, dass er sich noch genau an den Tag erinnern könne, an dem Eddie Cochran starb, obwohl er damals erst drei Jahre alt war. Er sei an jenem Tag ohne Grund äußerst depressiv gewesen und habe beschlossen, sich umzubringen. Also habe er die Badewanne mit heißem Wasser volllaufen lassen, um sich darin mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufzuschlitzen. Dann habe er jedoch gesehen, dass im Fernsehen eine Folge der Serie THE PARTRIDGE FAMILY läuft und entschieden, sich zuvor noch die Sendung anzusehen. Die Folge sei allerdings so lustig gewesen, dass er anschließend keine Lust mehr hatte, sich umzubringen. Abgesehen von ihrer komischen Wirkung verdeutlicht diese Szene, welch enorme Bedeutung Tarantino der populären Kultur als kollektivem Referenzrahmen beimisst. Der Tod eines Popstars, hier des amerikanischen Rockabilly-Sängers Eddie Cochran (1938–1960), wird als einschneidendes Ereignis gewertet, das sich ins kollektive Gedächtnis eingräbt,14 und der Verweis auf die amerikanische Sitcom-Serie THE PARTRIDGE...


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