Roman
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8997-6
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
PETRA HARTLIEB wurde 1967 in München geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und Geschichte und arbeitete danach als Pressereferentin und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. 2004 übernahm sie eine Wiener Traditionsbuchhandlung. Davon erzählen ihre Bestseller >Meine wundervolle Buchhandlung< und >Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung<. Bei DuMont erschienen außerdem >Wenn es Frühling wird in Wien<, >Sommer in Wien< und >Herbst in Wien<.
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DIE SCHUHE WAREN mindestens eine Nummer zu klein. Marie musste ganz vorsichtig gehen, damit sie nicht stolperte. Vor allem der Teppich bereitete ihr Schwierigkeiten und sie konnte gar nicht anders, als sich an Oskars Arm festzuhalten. Das Mieder war viel zu eng, sie war so ein Ding gar nicht gewöhnt. Die Köchin hatte sie reingeschnürt und dreimal nachgefragt, ob sie sicher sei, sich das antun zu wollen. »Ja, zieh fest zu, ich will wie eine feine Dame ausschauen.«
Hoffentlich wurde ihr nicht schwindlig, schließlich konnte sie die Schnüre alleine nicht lockern.
Oskar schritt über die große, mit rotem Teppich ausgelegte Treppe, als wäre das alles völlig normal für ihn. Das riesige Stiegenhaus, die vielen Gemälde, die Marmorstufen, all das schien ihn nicht wirklich zu beeindrucken.
Nachdem ein Herr in einer schwarzen Livree ihre Karten abgerissen hatte, führte Oskar sie in den Zuschauerraum des k. k. Hofburgtheaters. Er schien zu spüren, wie der Raum auf Marie wirkte, knapp hinter dem Einlass blieb er stehen und beobachtete sie, wie sie sich mit offenem Mund und großen Augen umblickte. Die mit rotem Samt bezogenen Sessel, die üppig verzierten Logen, die vielen Lichter überall und der riesige Kristallluster in der Mitte des Saals. So einen Prunk hatte sie, das Mädchen vom Land, noch nie gesehen.
»Verzeihen Sie, Sie können hier nicht stehen.«
»Pardon, darf ich bitte durch?«
»Gestatten?«
Die beiden wurden von den anderen Gästen ins Innere des Raumes geschubst und Marie hielt die abgerissenen Karten fest in der Hand. Oskar hatte darauf bestanden, dass sie sie an der Tür vorzeigte, obwohl Marie ihm den Umschlag bereits in der Tramway in die Hand hatte drücken wollen.
»Das sind deine Karten. Du hast sie geschenkt bekommen und du nimmst mich freundlicherweise mit. Also behältst du die Karten auch.«
Seitdem hielt Marie die beiden kleinen Papierstreifen fest in der Hand. Nur als sie kontrolliert und abgerissen wurden, ließ sie sie kurz los.
»Wo sind unsere Plätze?« Oskar hielt ihre Hand immer noch fest.
»Ich weiß es nicht.« Marie sprach ganz leise.
»Du musst auf die Karten schauen, da steht’s.«
Mein Gott, wie dumm sie sich vorkam. Ein dummes, kleines Kindermädchen vom Land, das Dame spielen wollte. Und ins Theater ging. Wahrscheinlich hatten die feinen Leut’ sie alle längst bemerkt und tratschten über sie. Rasch las sie vor: »Fünfte Reihe, Platz sechs und sieben.«
»So teure Plätze hatte ich noch nie!« Oskar zog sie begeistert weiter und sie suchten die fünfte Reihe.
Marie war froh, als sie sich setzen konnte, die Schuhe drückten unangenehm und durch das enge Mieder war sie doch ein wenig kurzatmig.
»Und?« Oskar strahlte sie an, als würde das alles ihm gehören und er es ihr stolz präsentieren.
»Es ist … es ist … überwältigend.«
»Ja, das stimmt. Ich kann mich so gut daran erinnern, wie ich das erste Mal hier war.«
»Wann war das?«
»Ich weiß es genau. Ich war siebzehn. Herr Stock hat mir die Karte zum Geburtstag geschenkt, allerdings Stehplatz. Nicht so nobel wie dein erster Theaterbesuch.«
»Tja, ich kann’s mir ja leisten«, lachte Marie, die sich inzwischen ein wenig entspannt hatte. Die Theaterkarten, die der Herr Doktor ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, kosteten fast so viel, wie sie in einem Monat in seinem Haushalt als Kindermädchen verdiente.
»Ja, du bist eine feine Dame und ich nur ein einfacher Buchhändler, da hab ich richtig Glück, dass du mich mitnimmst.«
Inzwischen hatten alle ihre Plätze eingenommen, nur hier und da huschten noch ein paar Menschen durch die Gänge, ein Klingeln ertönte und Oskar drückte ihre Hand und flüsterte: »Pst. Es geht los.«
Marie war wie gebannt. Sie sog die Bilder in sich auf, versuchte jede Szene zu verstehen und gleichzeitig dachte sie immer wieder an ihren Dienstherrn, aus dessen Feder diese Worte geflossen waren. Es war schier unvorstellbar: All das, was sie hier auf der Bühne sah, war zuerst im Kopf des Herrn Doktor Schnitzler gewesen, dann hatten es diese wunderbaren Menschen da vorne auswendig gelernt und erzählten es jetzt für sie. Ja, Marie hatte das Gefühl, dass die Bleibtreu und der Korff diese Sätze nur für sie sprachen, sie vergaß die Menschen rundherum. Sogar, dass Oskar neben ihr saß, war ihr gar nicht mehr bewusst, und als hinter ihr ein älterer Herr einen Hustenanfall bekam, schreckte sie hoch und drehte sich vorwurfsvoll um.
Sie war hellwach und hatte die Augen weit geöffnet. Sie wollte nichts verpassen, jedes Wort, jede kleine Geste nahm sie in sich auf und hoffte, sich alles für immer merken zu können.
Dabei war der Tag sehr lang gewesen und am frühen Abend war sie so müde gewesen, dass sie Angst gehabt hatte, sie würde im Theater einschlafen, sobald die Lichter ausgingen.
Lili war bereits um halb sechs hellwach und Marie hatte große Mühe, die aufgeweckte Zweijährige ruhig zu halten. Die gnädige Frau war immer sehr grantig, wenn sie zu früh geweckt wurde, und nachdem Marie aus dem Arbeitszimmer des Herrn Doktor spätnachts noch Licht gesehen hatte, nahm sie an, dass auch er noch schlief. Marie war ebenfalls viel zu spät eingeschlafen. Ständig hatte sie an den bevorstehenden Theaterbesuch und an Oskar gedacht. Einmal war sie mitten in der Nacht aufgestanden und hatte kontrolliert, ob die beiden Theaterkarten noch auf der Kommode lagen.
Diese beiden Karten für das k. k. Hofburgtheater waren das Kostbarste, das Marie jemals besessen hatte. Als ihr der Herr Doktor diesen Umschlag zu Weihnachten in die Hand gedrückt und Heini sie genötigt hatte, das Kuvert vor ihrer aller Augen zu öffnen, hatte sie zu weinen begonnen, weil sie so glücklich gewesen war. Lili war auf einen Sessel geklettert und hatte Marie mit ihrer kleinen, klebrigen Hand die Tränen weggewischt und der neunjährige Heini hatte sich fast ein wenig über Maries Gefühlsausbruch erschrocken.
Heute waren die Kinder trotz der morgendlichen Dunkelheit früh aufgestanden. Heinrich war in gedrückter Stimmung, weil seine Eltern für ein paar Tage nach Salzburg reisten, die gnädige Frau war übellaunig, schimpfte beim Kofferpacken ständig mit dem Dienstmädchen, ja sogar die gutmütige Anna, die in der Küche den Herrschaften eine kleine Jause für die Reise bereitete, war grantig.
Endlich fuhren Herr und Frau Schnitzler ab, und als sie ins Autotaxi stiegen, das sie zum Bahnhof bringen sollte, stand Marie mit Lili auf dem Arm an der Haustür. Die Kleine winkte dem schwarzen Wagen nach, bis er aus der Sternwartestraße verschwunden war. Heini war natürlich viel zu groß für so ein albernes Winken und hatte sich zu Anna in die Küche verzogen.
»So, jetzt trinken wir erst mal einen guten Kaffee!« Anna war sichtlich erleichtert, dass die Herrschaften endlich weg waren und Ruhe ins Haus einkehrte. »Heini, bist du so lieb und schaust mit der Lili ein Buch an? Ich muss noch was mit Marie besprechen.«
»Nein, ich will bei euch bleiben!« Heinrich blickte die Köchin finster an.
Die lachte nur und schob die beiden aus der Küche. Marie bewunderte sie für ihre Autorität und dafür, dass die Kinder sie einfach immer respektierten.
»Dafür spiel ich gleich mit dir Mensch-ärgere-dich-nicht«, sagte Marie, stellte zwei Kaffeetassen auf den Tisch und schloss die Tür hinter ihnen.
»Weißt du schon, was du anziehst?«
»Heute? Fürs Theater?«
»Natürlich, Herzchen. Wohl kaum fürs Mensch-ärgere-nicht-Spielen. Ach, ich bin ganz aufgeregt, ich würde da nicht hingehen, ich tät mich das nicht trauen.«
»Ja, ja, mach mir nur noch mehr Angst, ich hab eh schon die ganze Nacht kein Auge zugetan.«
»Ach, das wird schön, du wirst wie eine feine Dame aussehen und der Oskar ist ja ein galanter Bursche.«
»Ja, aber er kennt sich so gut aus mit dem Theater und ich bin ein ungebildetes Bauernmädel.«
»Er wird dich nicht abprüfen danach. Geht ihr dann eigentlich noch aus?«
»Ich glaube nicht. Das schickt sich nicht, so spät in der Nacht. Außerdem muss ich ja heim zu den Kindern.«
»Die Herrschaften sind nicht da und ich pass schon auf, dass den Kindern nichts passiert.«
Marie konnte heute nur ins Theater gehen, weil die Köchin angeboten hatte, die Kinder zu übernehmen. Sie war es auch gewesen, die die Herrschaften gefragt hatte, ob Marie für den Theaterbesuch an diesem Abend ausnahmsweise frei bekommen könne. Denn auch wenn Herr und Frau Schnitzler nicht im Haus waren, wollten sie sicher sein, dass sie sich keine Beschwerde einhandelten, wenn Marie ausging, obwohl es nicht ihr freier Abend war.
»Gehen Sie nur, meine Liebe. An diesem Tag spielt die Bleibtreu, sie ist die bessere Besetzung.« Der Doktor hatte wohlwollend genickt, als Anna ihm die Bitte vorgetragen und Marie stumm danebengestanden hatte.
Der Tag zog sich endlos dahin, draußen war es nass und kalt und die Kinder wollten das Haus nicht verlassen. Als Lili ihr Mittagsschläfchen hielt, überredete sie Heini, in seinem neuen Karl May zu lesen, und Marie legte sich für eine halbe Stunde aufs Kanapee im Kinderzimmer.
Natürlich waren beide Kinder dabei, als sie ihre Toilette machte, und als sie ihr einziges gutes Kleid anzog, sah Heinrich sie skeptisch an. »Die Kleider von der Mama sind aber irgendwie anders«, meinte er vorsichtig.
»Ja, Heini, deine Mama ist auch eine feine Dame und ich bin nur ein Kindermädchen.«
»Aber heute bist du auch eine feine Dame!« Heinrich schlang seine Arme um sie und drückte sein Gesicht in ihren Schoß. Da schossen Marie gleich wieder die Tränen in die Augen vor lauter Rührung. Was hatte sie...