E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: Romana
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Reihe: Romana
ISBN: 978-3-86494-047-7
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Harris wurde im Süden von Wales geboren und ist im Laufe ihres Lebens sehr viel gereist. Für vier Jahre lebte sie mit ihrem Mann in Westafrika, wo auch ihre Tochter zur Welt kam. Heute lebt die Familie (mit insgesamt zwei Kindern) in Deutschland. Sehr oft lässt sie ihre Geschichten an Orten spielen, die sie von ihren Reisen kennt. So viele schöne Winkel der Welt hat sie gesehen, aber am meisten beeindruckt haben Anne Australien und Hong Kong. Wie die meisten Autoren liebt Anne Harris das Lesen und Schreiben seit ihrer Kindheit. Von dem Tag an, an dem ihre Mutter ihr erlaubte, allein in die Bücherei zu gehen, war Anne meistens dort zu finden. Ihre Lieblingsautoren waren (und sind) Jane Austen, die Bronte-Schwestern, Georgette Heyer und Mary Stewart. Noch heute liest Anne alle möglichen Genre, Thriller, Biografien, Abenteuerromane, Klassiker und Romances. Abgesehen von der Literatur liebt sie das Tanzen und Boule - letzteres ist auch körperlich nicht so herausfordernd und herrlich entspannend ... Anne Harris hat schon in Dritte-Welt-Projekten geholfen, als Übersetzerin gearbeitet, Sprachen unterrichtet und im Verlag Jobs übernommen - unter anderem beim Herausgeben von deutschen Ausgaben. Doch jetzt verbringt sie ihre Zeit hauptsächlich damit zu schreiben und freut sich, dass sie damit eine Ausrede hat, die Hausarbeit zu ignorieren!
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. KAPITEL Emma hängte ihren Mantel auf und blickte niedergeschlagen auf die vielen Bücherwagen. Auf ihnen stapelten sich Unmengen an Büchern und warteten darauf, zurück in die Regale sortiert zu werden. Als Margaret den Posten der Chefbibliothekarin bekommen hatte, hatte Emma schon geahnt, dass es kompliziert werden würde. Sie waren beide in der engeren Auswahl gewesen, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass Margaret nachtragend sein würde. Es war eine knappe Entscheidung zugunsten Margarets gewesen, und diese nutzte ihre Position nun schamlos aus und machte Emma das Leben schwer, wo es nur ging. Janette, die andere Bibliothekarin, hatte so getan, als ob sie sich über Margarets Beförderung freue. Diese dankte es ihr, indem sie Emma provozierte und ihr Aufgaben zuwies, die eigentlich von Janette erledigt werden sollten. Als Emma fragte, warum sie nun auch noch Janettes Arbeit übernehmen musste, bekam sie lediglich die Antwort, Janette sollte Margaret unterstützen. Emma entschied sich nach einer neuen Stelle zu suchen – die Lage hier würde sich nicht verbessern. Es hätte auch keinen Sinn, sich zu beschweren. Ihre Vorgesetzten würden annehmen, sie nörgle herum, weil sie keine Beförderung bekommen hatte. Sie liebte ihre Arbeit, und sie würde sie vermissen – auch die Menschen, mit denen sie zu tun hatte. Einige Stammkunden der Bibliothek kamen immer mal wieder auf einen Plausch, obwohl sie nichts ausleihen wollten. Jobs für jemanden mit ihrer Qualifikation waren nicht gerade zahlreich gesät. Sie hatte sich schon für einige Stellen in der Umgebung beworben. Die meisten davon waren zwar nicht für eine ausgebildete Bibliothekarin zugeschnitten, aber immerhin für Tätigkeiten, bei denen sie ihre Fähigkeiten nutzen konnte. Sie betrachtete die Bücherstapel und gab sich einen Ruck. Ihr dichtes kastanienbraunes Haar umspielte ihre schmalen Schultern, während sie auf den Bücherwagen zusteuerte. Es gab keinen Grund, sich Sorgen zu machen oder sich zu ärgern. Sie würde versuchen optimistisch zu sein und hoffen, dass sich bald etwas Neues ergab. Ihren Anteil an Büchern hatte sie bereits am Freitag weggeräumt, bevor sie Feierabend gemacht hatte. Die Bücher, die nun auf dem Wagen lagen, sollten eigentlich von Janette eingeräumt werden. Allerdings hatte Margaret ihr diese Aufgabe quasi in letzter Minute zugeschoben. Emma begann sie zu sortieren. Ihre Finger bewegten sich flink, fast schon automatisch, während sie die vertraute Aufgabe erledigte. Schließlich machte sie eine kleine Pause, befüllte die Kaffeemaschine, und bald schon verbreitete sich der beruhigende Duft von frisch gebrühtem Kaffee durch die Räume. Die Bibliothek hatte noch nicht geöffnet, und Janette und Margaret waren noch nicht da. Da die Fenster über das ganze Wochenende verschlossen geblieben waren, war die Luft in den Räumen mit den hohen Decken etwas stickig. Emma schob den ersten Bücherwagen in Richtung der Hauptausleihbereiche und öffnete eine der Doppeltüren, die auf die Corn Street hinausführten. Die Luft draußen war frisch und angenehm, obwohl der Himmel voller grauer Wolken hing. Emma trödelte ein wenig herum, blickte die leere Straße hinunter und betrachtete die nicht wirklich akkurat geschnittenen Büsche im gegenüberliegenden Park. Um diese Uhrzeit war es überall noch still, nur das Lied einer Amsel erklang aus der Nähe. Sie ging zurück, und einige Minuten später hatte sie die erste Ladung an Büchern in die richtigen Regale sortiert. Nun schenkte sie sich im Büro einen frischen Kaffee ein, kam mit ihrem Becher wieder hinaus und lehnte sich an den alten, etwas in die Jahre gekommenen Schalter. Sie genoss den würzigen Geschmack des Kaffees und den stillen Moment – trotz der beklemmenden Aussichten auf das, was dieser Tag wahrscheinlich mit sich bringen würde. Gerade hatte sie ihre Tasse wieder abgestellt, um den nächsten Bücherstapel in Angriff zu nehmen, da wurde sie plötzlich von dem Geräusch schneller Schritte aufgeschreckt. Irgendjemand stürmte förmlich die Stufen der Bibliothek hinauf. Noch bevor ihr Gehirn richtig verarbeiten konnte, was geschah, eilte ein großer dunkelhaariger Mann durch den Raum. Er blickte kurz über die Schulter, während er auf sie zukam. Dicht vor ihr blieb er stehen. Er sprach atemlos: „Ich muss mich vor den Journalisten verstecken – keine Zeit für weitere Erklärungen.“ Er war etwa Mitte dreißig und sah extrem gut aus. Emma starrte ihn einen Moment lang an, bevor sie es schaffte „Wie bitte?“ zu sagen. „Wo kann ich mich verstecken?“, drängte er ungeduldig. Er kam ihr entfernt bekannt vor, aber sie konnte nicht wirklich festmachen, wo sie ihn schon einmal gesehen haben könnte. Sein Gesicht war leicht von der Sonne gebräunt, mit markanten Zügen und intensiven dunklen Augen. Seine Kleidung war für einen Kriminellen zu teuer – ohnehin eine dumme Annahme, er könnte ein Verbrecher sein. Emma handelte impulsiv und spürte, dass er weder für sie noch für jemand anderen eine Gefahr darstellte. Sie hörte, wie sich erneut Schritte näherten, und öffnete die Tür des kleinen Büros. „Hier hinein“, flüsterte sie, „und seien Sie still!“ Er benötigte keine weitere Einladung und drängte an ihr vorbei, wobei sie einen Hauch seines würzigen Aftershaves wahrnahm. Sie schloss die Tür mit der Milchglasscheibe und zog den halb beladenen Bücherwagen davor – gerade noch rechtzeitig. Einige Männer stürmten in das Gebäude, schwangen Kameras und fuchtelten mit Notizblöcken und Mikrofonen herum. Sie nahm irgendein Buch in die Hand und musste nicht vorgeben, bei dem Anblick der Journalisten, die sich gegenseitig anrempelten, erstaunt zu sein. Einige begannen den Saal mit den dicht stehenden Bücherregalen zu durchsuchen. Die meisten kamen allerdings erwartungsvoll auf sie zu und überschlugen sich fast im Kampf um ihre Aufmerksamkeit. „Wo ist er? Wohin ist er gegangen?“ Ein Reporter hielt ein großes Mikrofon vor ihr Gesicht. „Sie müssen ihn gesehen haben!“ Emma verbarg ihre Nervosität hinter Gegenfragen. „Von wem sprechen Sie? Das ist eine öffentliche Bibliothek. Nach wem suchen Sie?“ Aus den hinteren Reihen kam eine ungeduldige Stimme: „Damián Alvarez! Er war uns nur um einige Minuten voraus. Er muss hier sein!“ „Alvarez?“ Emma nahm die Neuigkeiten zur Kenntnis und stellte fest, dass sie einen Prominenten im Büro versteckte. Sie schaute angemessen verwirrt drein und verlangte nach weiteren Informationen. „Sie meinen den Golfspieler Alvarez? Du lieber Himmel! Was sollte der hier verloren haben?“ Ein Journalist in einem schäbigen Regenmantel antwortete. „Wir waren hinter ihm her, und diese Tür hier war offen.“ Er rieb sein Kinn. „Wenn er nicht hier hereingekommen ist, muss er weitergerannt sein.“ Sie setzte einen irritierten Blick auf. „Die Tür steht offen, aber ich beobachte nicht die Leute, die vorbeigehen. Ich habe zumindest niemanden gesehen.“ Was ja auch stimmte. Damián Alvarez war nicht vorbeigelaufen; sie hatte ihn ins Büro geschickt. Einer der Reporter war neugierig genug zu fragen: „Was ist da drin?“ Er deutete auf die Tür des Büros. Ein Hauch von Rosa verfärbte ihre Wangen, als Emma ihn offen anblickte. „Das ist das Büro des Bibliothekars. Es ist verschlossen, und niemand betritt es ohne Erlaubnis. Und Sie sollten auch nicht hier drin sein. Die Bibliothek hat noch nicht geöffnet.“ Ein dicklicher Journalist kratzte sich an der Wange, kaute nachdenklich auf seinem Kaugummi und murmelte. „Er muss hier sein. Die Straße verläuft schnurgerade, und die anderen Geschäfte sind noch geschlossen.“ „Was ist mit dem Park? Er könnte dort sein, oder? Wie auch immer, was hat er getan und warum verfolgen Sie ihn?“ Die Journalisten betrachteten zunächst aufmerksam Emma, dann beäugten sie sich gegenseitig misstrauisch, um dann wie eine Horde Lemminge aus der Tür und über die Straße zu stürmen. Die wenigen, die in der Hoffnung, eine sensationelle Entdeckung zu machen, durch die Räume gestreift waren, rannten ihren Kollegen hinterher. Emma nahm ihren Becher und nippte an dem inzwischen lauwarmen Kaffee, während sie zusah, wie die letzten verschwanden. Sie ging durch alle Räume, um sicherzustellen, dass sie leer waren, und verschloss dann den Haupteingang. Sie war aufgeregt. Es fühlte sich an, als ob sie in einem Film mitspielte. Sie ging zum Büro, schob den Bücherwagen beiseite und öffnete schwungvoll die Tür. Ihr Besucher saß hinter dem Tisch und hielt eine Kaffeetasse in der Hand. Ein Bein hatte er lässig auf die Tischkante gelegt. Er blickte auf und schenkte ihr ein Lächeln. „Danke! Ich konnte alles mit anhören, Sie haben das sehr gut gemacht.“ Er stand auf und streckte ihr seine große Hand entgegen. „Damián Carlos Leandro Alvarez – ich stehe in Ihrer Schuld!“ Emma gab ihm ihre Hand, die in seiner verschwand. In früheren Zeiten hätte sich ein spanischer Grande genau so vorgestellt. Seine rabenschwarzen Augen funkelten. Sein markantes Kinn zeugte von einem starken Willen, und seine Augen ließen seine Ehrlichkeit erahnen. Ihre Bedenken zerstreuten sich ein wenig, obwohl sie sich an einen ziemlich negativen Zeitungsartikel erinnerte, in dem es über die Jet-Set-Kreise, denen er angehörte, und sein persönliches Verhalten ging. Sie verschränkte die Arme und fragte: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, Mr Alvarez, mir zu erklären, was all das soll?“ Er ging zur Kaffeemaschine, die leise blubbernde Geräusche von sich gab. Er war sehr groß und hatte den gut gebauten Körper eines Sportlers. Nachdem er seine Tasse noch einmal...