Hall | Was würde Aristoteles sagen? | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 336 Seiten

Hall Was würde Aristoteles sagen?

Zehn philosophische Lektionen für das Glücklichsein -

E-Book, Deutsch, 336 Seiten

ISBN: 978-3-641-21400-5
Verlag: Siedler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zeitlose Weisheiten für ungewöhnliche Zeiten: Wie Aristoteles Ideen uns glücklicher machen können
Aristoteles war der erste Philosoph, der Glück als Zustand einer inneren Zufriedenheit beschrieben hat. Was hat dieser außergewöhnliche Denker, der sich mit der Frage nach dem guten, glücklichen und sinnerfüllten Leben beschäftigt hat, uns heute noch zu sagen? Erstaunlich viel, wie die britische Altertumsforscherin Edith Hall in ihrem klugen und unterhaltsamen Buch zeigt. In zehn Lektionen beschreibt sie handfest und lebensnah, wie die Ideen des Aristoteles uns glücklicher machen können. So kann uns seine Rezeptur für das Glücklichsein nicht nur bei der Entscheidungsfindung und der richtigen Partnerwahl helfen, sondern auch unsere Kommunikation verbessern oder unseren Umgang mit dem Tod verändern. Jeder kann sich dafür entscheiden, glücklicher zu werden - und dieses Buch ist der erste Schritt dazu.

Edith Hall, geboren 1959, ist Professorin für Altertumswissenschaften am King's College in London und zugleich Mitgründerin des Archive of Performances of Greek and Roman Drama an der Universität Oxford. Sie verfasste mehrere Bücher zu Themen der griechischen Geschichte und Literatur, u.a. eine Kulturgeschichte von Homers »Odyssee« sowie eine Geschichte der antiken Sklaverei. 2015 erhielt sie die »Erasmus-Medaille« der Academia Europea für herausragende Verdienste um die europäische Kultur und Wissenschaft.
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KAPITEL 1 GLÜCK Zu Beginn der Eudemischen Ethik zitiert Aristoteles eine Zeile aus der Weisheitsliteratur, die in einen alten Stein auf Delos eingemeißelt ist. In der Inschrift heißt es, die drei besten Dinge im Leben seien Gerechtigkeit, Gesundheit und die Erfüllung der eigenen Wünsche. Dem widerspricht Aristoteles entschieden. Seiner Ansicht nach ist das Glück das ultimative Ziel des Lebens. Und das besteht darin, eine Aufgabe zu finden, die einem hilft, sein Potenzial auszuschöpfen und an sich zu arbeiten, um die bestmögliche Version seiner selbst zu werden. Denn jeder agiert als sein eigener Moralbeauftragter in einer vernetzten Welt, in der Partnerschaften mit anderen Menschen von großer Bedeutung sind. Von Sokrates, der Aristoteles’ Lehrer Platon unterrichtete, stammt das berühmte Zitat: »Das ungeprüfte Leben ist nicht lebenswert.« Für Aristoteles war das eine zu harte Sichtweise. Ihm war bewusst, dass viele Menschen, wenn nicht die meisten, eher unreflektiert und intuitiv durchs Leben schreiten, aber dennoch, sozusagen auf »Autopilot«, großes Glück empfinden können. Für ihn lag der Schwerpunkt eher auf dem praktischen Handeln und auf der Zukunft. Deshalb hätte seine alternative Maxime wohl gelautet: »Das ungeplante Leben wird wahrscheinlich nicht vollkommen glücklich sein.« Die aristotelische Ethik stellt das Individuum in den Mittelpunkt. Abraham Lincoln konstatierte: »Die meisten Leute sind in etwa so glücklich, wie sie es sich vorgenommen haben.« Die aristotelische Ethik setzt jedoch nicht auf den Autopiloten, sondern will jeden Menschen selbst ans Steuer seines Lebens setzen. Andere ethische Systeme legen sehr viel weniger Wert auf die moralische Handlungsfähigkeit oder die Verantwortung des Einzelnen gegenüber anderen. Mit dem ethischen Egoismus des frühneuzeitlichen Philosophen Bernard Mandeville (1670–1733) etwa hat die aristotelische Ethik zwar den Ausgangspunkt des moralisch Handelnden gemeinsam, mehr aber nicht. Mandeville empfiehlt dem Einzelnen, ganz bewusst so zu handeln, dass er seinen Eigennutzen maximiert. Stellen wir uns jemanden vor, der zehn Personen zum Kaffee einlädt, von denen zwei Veganer sind. Da vegane Sandwiches dreimal so viel kosten wie normale Schinkensandwiches, bedeutet der Kauf zweier veganer Sandwiches insgesamt weniger Essen für alle. Ein Egoist würde die Bedürfnisse aller anderen hintanstellen, sodass es von seinen persönlichen Vorlieben abhängt, ob die Veganer etwas zu essen bekommen oder nicht. Wäre er kein Veganer, würde er sicher nicht wollen, dass ein Mangel an Schinkensandwiches herrscht, nur weil er die abweichenden Vorlieben anderer bedienen muss. Wäre er hingegen Veganer, ließen ihn die Bedürfnisse der acht Fleischesser kalt, und er würde dafür sorgen, dass genügend veganes Essen vorhanden ist, und vielleicht sogar für sich selbst eine Extraportion bestellen. Utilitaristen dagegen geht es um das Glück der größten Zahl, weshalb sie die Folgen ihres Handelns in den Mittelpunkt stellen. Aus ihrer Sicht fallen zwei unglückliche Veganer nicht ins Gewicht, wenn sie dafür acht Fleischesser glücklich machen können. Zum Problem wird der Utilitarismus allerdings, wenn die Minderheiten vergleichsweise groß sind. Die Anwesenheit von, sagen wir, vier unglücklichen Veganern würde die Partylaune zweifellos trüben. Anhänger*innen Immanuel Kants heben Pflichten und Verpflichtungen hervor und sind der Überzeugung, dass es ein universelles Gesetz geben müsse, das den Anteil der verschiedenen Sandwicharten bei Kaffeekränzchen regelt. Kulturrelativisten hingegen bestreiten, dass es so etwas wie ein universelles moralisches Gesetz gibt. Für sie gehört jeder Mensch zu einer oder mehreren Gruppen, die alle ihre eigenen internen Gesetze und Bräuche haben. So existieren auf dem Planeten diverse Kulturen und Gemeinschaften, die den Verzehr von Schweinefleisch ablehnen, während andere mit Vegetarismus oder Kaffeekränzchen nicht das Geringste am Hut haben. Aristoteles hingegen würde erkennen, dass die Sandwichfrage kein abstraktes Problem ist, über das im luftleeren Raum entschieden werden kann. Er würde sich Zeit nehmen, um über das Problem nachzudenken und Pläne zu entwerfen. Er würde die Verpflegungsmöglichkeiten genauestens analysieren und sich seine Absichten bewusst machen. Wenn sich alle zehn Nachbarn willkommen und gesättigt fühlen sollen, weil es das Gemeinschaftsgefühl stärkt und neben dem individuellen auch das kollektive Glücksempfinden fördert, muss seine Entscheidung ganz auf dieses Ziel abgestimmt sein. Sie dürfte keinen der Gäste verärgern. Er würde sich mit allen beteiligten Personen, also nicht nur mit den Gästen, sondern auch mit den Caterern, kurzschließen, um das Spektrum möglicher Reaktionen zu eruieren. Er würde über frühere Partys nachdenken, die er selbst gegeben hat oder auf denen er zu Gast war, die Präzedenzfälle prüfen und mithilfe dieses Blicks auf die Partygeschichte sehr wahrscheinlich einen Weg finden, um das leidige Problem zu umgehen – etwa indem er anstatt der Sandwiches einfach laktosefreien Kuchen serviert, den alle mögen. Und natürlich würde er bei der Auswahl des Kuchens auch seine persönlichen Vorlieben berücksichtigen, denn Selbstverleugnung hat in einer Philosophie des Respekts gegenüber sich selbst und anderen keinen Platz. Das ethische System des Aristoteles ist vielseitig, flexibel und für die praktische Anwendung im täglichen Leben geeignet. Die meisten praktischen psychologischen Anleitungen zur Steigerung der persönlichen Zufriedenheit, wie sie etwa die Psychologin Sonja Lyubomirsky in ihrem Buch Glücklich sein: Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben (2018) skizziert, sind den philosophischen Empfehlungen des Aristoteles verblüffend ähnlich. Tatsächlich zitiert Lyubomirsky ihn wohlwollend. Die Leitmotive seiner Glücksphilosophie sind die Arbeit mit der vorliegenden Situation, Voraussicht, der Fokus auf die Absichten des Einzelnen, Flexibilität, gesunder Menschenverstand, individuelle Autonomie und die Beratschlagung mit anderen. Die Grundprämisse seines Glücksbegriffs ist wunderbar einfach und demokratisch: Jeder kann sich entscheiden, glücklich zu sein. Nach einer gewissen Zeit wird richtiges Handeln zur Gewohnheit, sodass man sich gut fühlt und den Geisteszustand der eudaimonia erreicht, wie Aristoteles das Glück nennt. Dieses aristotelische Streben nach eudaimonia ist zwar besonders für Agnostiker und Atheisten attraktiv, aber auch mit jeder Religion vereinbar, die die moralische Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln anerkennt und nicht davon ausgeht, dass Führung, Belohnung und Bestrafung allein einem entrückten göttlichen Wesen obliegen. Da Aristoteles selbst nicht an ein göttliches Wirken in der Welt glaubte, ist seine Anleitung zum Glücklichwerden ein in sich geschlossenes, von allen göttlichen Mächten unabhängiges System. Aristoteliker*innen erwarten weder, in irgendeiner heiligen Schrift Regeln für Kaffeekränzchen zu finden, noch rechnen sie mit göttlicher Vergeltung, sollte ihre Einladung floppen. Wenn man sich dafür entscheidet, ein überlegtes und planvolles Leben zu führen, tut man das, um sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Da die Kontrolle über das Schicksal üblicherweise einem oder mehreren göttlichen Wesen zugeschrieben wird, macht uns dieser Entschluss in gewisser Weise »gottgleich«. Der Begriff eudaimonia ist allerdings nicht so leicht zu erklären. Das Präfix eu bedeutet »gut« oder »wohl«. Der zweite Wortteil, daimonia, ist von einem Begriff mit einer ganzen Palette von Bedeutungen abgeleitet, die von göttliches Wesen, göttliche Macht oder Schutzgeist bis hin zu Schicksalsmacht oder göttliche Fügung reichen. So erlangte eudaimonia die Bedeutung Wohlbefinden oder Wohlstand, was natürlich auch Zufriedenheit mit einschließt. Aber eudaimonia ist etwas Aktiveres als »Zufriedenheit«, denn eudaimonia wird selbst »gemacht« und erfordert positiven Input. Tatsächlich ist Glück für Aristoteles Handeln (praxis). Wäre das Glück eine emotionale Veranlagung, mit der man entweder geboren wird oder nicht, dann könnte es, so Aristoteles, auch jemand besitzen, der nichts anderes tut, als zu schlafen, oder »als Pflanze vegetiert«. Aristoteles definiert Glück auch nicht über materiellen Wohlstand. Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte Demokrit, ein anderer von Aristoteles hoch geschätzter nordgriechischer Denker, vom »Glücksgefühl in der Seele« gesprochen und erklärt, dass »das Glück nicht im Besitz und nicht im Golde« liege. Wenn Aristoteles das Wort eudaimonia verwendet, meint er genau dieses »Glücksgefühl in der Seele«, wie es der Mensch in seinem Bewusstsein empfindet. Seiner Auffassung nach ist ein wacher Geist wesentlicher Bestandteil des Lebens, und er war überzeugt, dass es den meisten Menschen große Freude bereitet, Neues zu lernen und die Wunder der Welt zu bestaunen. Tatsächlich besteht das eigentliche Ziel des Lebens für ihn darin, ein tieferes, nicht nur akademisches, sondern ganzheitliches Verständnis von der Welt zu erlangen. Jeder, der in der Maximierung des Glücks den Zweck des menschlichen Daseins sieht, ist bereits auf dem besten Weg, ein Aristoteliker zu werden. Und der Weg zum Glück ist mit intensiven Gedanken über die bestmögliche Lebensführung gepflastert. Das erfordert ein bewusstes gewohnheitsmäßiges Handeln, zu dem andere Lebewesen laut Aristoteles nicht in der Lage sind. Und das auf den ersten Blick so...


Hall, Edith
Edith Hall, geboren 1959, ist Professorin für Altertumswissenschaften am King’s College in London und zugleich Mitgründerin des Archive of Performances of Greek and Roman Drama an der Universität Oxford. Sie verfasste mehrere Bücher zu Themen der griechischen Geschichte und Literatur, u.a. eine Kulturgeschichte von Homers »Odyssee« sowie eine Geschichte der antiken Sklaverei. 2015 erhielt sie die »Erasmus-Medaille« der Academia Europea für herausragende Verdienste um die europäische Kultur und Wissenschaft.


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