Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7578-4093-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er erhielt 2008 den Friedrich-Glauser-Debütpreis. Bisher sind über sechzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Fürchte dich nicht (2022); Ein Teilchen im Ozean (2022); Geweihte Steine (2022); Feste Häuser (2022); Die erste Nacht des Krieges (2022); Das Jahr des Fuchses (2022); Der Sommer der verlorenen Träume (2022); Das Adventsgeheimnis (2022); Zeit der Äpfel (2022); Novemberland (2023).
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1. Kapitel:
Schafsgezwitscher Meine Seele fühlt sich heute an wie ein aufgeweichter Pappkarton, dachte Anschi, als sie mit dem Smartphone in der Hand in den Schafstall ging. Drinnen roch es nach Dung und Heu, das vielstimmige Stakkato des Gebähs und Geblöks stimmte sie ein auf die Herde. Hier standen nur die Zuchtböcke, die verletzten oder kranken Schafe, ein paar Lämmer, die sie im Herbst nicht geschlachtet hatten, und die Widerspenstigen, die die Moral der ganzen Herde untergraben würden. Die Herde der sechshundert anderen war von der Winterweide zurück und draußen in der Koppel. Sie kontrollierte die Schütten, füllte Heu, Silage oder Grünmehlpellets nach und schaute auch nach den Wasserbehältern. Es ging ihnen allen gut, sie bähten zufrieden, die Lämmer waren mächtig gewachsen über den Winter im Stall. Das sollte ich twittern, dachte sie und rief in der Liste ihre bisher geposteten Tweets ab. Im Juni vor drei Jahren hatte alles angefangen. Mit jener Nachricht, die sie noch einmal las, mit einem Schmunzeln über ihren naiven Anfangston. #schafsgezwitscher hi, ich bin anschi aus ehestetten, wanderschäferin auf der schwäbischen alb. ich führe meine 600 wollknäuel sommers über die grünen auen der alb. ich will euch einfach von meinen wanderungen erzählen und wie ich mich dabei fühle. Und jetzt waren es schon über dreihundert Tweets, eine lange Liste, und sie konnte daran ablesen, wie es ihr so ergangen war, welche Höhen und Tiefen sie durchlebt hatte. Manchmal postete sie auch kleine Naturbeobachtungen und Erlebnisse und versuchte, ein bisschen lyrisch zu werden, doch gelang ihr das nicht immer. Aber immerhin gefielen den Leuten ihre Einträge, sie hatte über tausendfünfhundert Follower, das war eine Menge. Sie hätte das vielleicht nutzen können, um Werbung zu machen, aber wenn, dann machte sie nur Werbung für ihren Hofladen, für den Direktverkauf von Wolle, Fellen, Fleisch und Schafsmilchseife. Sie trat aus dem Stall ins Freie. Das Wetter war nasskalt, es graupelte. Sie schaute sich ihre Wollknäuel an. Sie standen kurz vor der Schur, das Fell war dick und zottelig, sechshundert Merinolandschafe, deren Wolle seit ein paar Jahren wieder einen Absatzmarkt gefunden hatte. Gerade jetzt zur Schurzeit meldete sich die kleine Manufaktur Manufakt wieder bei ihnen, um neue Vorräte einzukaufen. Anschi hatte sich die Sachen angeschaut, die sie machten, modische, aber auch gediegene Kleidung aus bester Merinoqualität, nicht billig, aber nachhaltig, regional und ökologisch wertvoll. Das hatte sie in einem ihrer Tweets auch schon geschrieben. Vielleicht Schleichwerbung, aber sie sagte einfach, was sie gut fand. Die Schafe würden noch zugefüttert werden, bis das Gras der Albwiesen soweit war, eine Herde zu ernähren. Im Herbst standen die Tiere auf einer Weide bei Winterlingen, außerdem hatten sie dort die Wiesen der Bauern. Im Winter zog der Vater mit ihnen zu den Winterweiden in Oberschwaben und am Bodensee. Er übernachtete dort in einem Wohnwagen und pendelte mit dem Auto zwischen Weideplatz und Wohnwagen. Manch-mal nahm er Anschi mit, damit sie die Tour später übernehmen konnte, wenn er zu alt wäre. Aber das hatte noch Zeit, er war ja erst vierundfünfzig. Wenn der Vater mit der Herde zurück war, kamen die Tiere in den Stall und warteten, bis sie geschoren wurden. Jetzt, nach dem Winter, den sie im Freien verbracht hatten, war das Fell schön dicht und lang. Nach der Schurzeit würde es für Anschi wieder losgehen. Mitte April oder Anfang Mai würde sie ihre sechshundert Wollknäuel aus den Ställen heraus führen und zusammen mit ihren beiden Bordercollies und Madeleine, der Eselstute, losziehen auf die Wiesen der Alb, auf die Kalkmagerrasen und die Wacholderheiden. Dann standen ihr die Sommermonate bevor, in denen sie viel allein und draußen in der Natur sein würde. Darauf freute sie sich das ganze Jahr. Sie ging hinüber ins Haus, zog sich im Flur die Gummistiefel aus und schaute in die Küche, wo ihre Mutter am Kochen war. Während der Vater weg war, führten sie einen Zweifrauenhaushalt. Gemeinsam betreuten sie den Hofladen, arbeiteten in der Seifenproduktion und hielten die ganze Direktvermarktung am Laufen. Oft übernachtete Anschi dann auf dem Hof, in ihrem alten Jugendzimmer, und Mutter und Tochter verstanden sich prächtig. Ihre Schwester Katja wohnte mit ihrem Mann im Haus nebenan. Sie hatten einen kleinen Sohn, den Johannes, den alle nur Johnny nannten. Er war Anschis Patensohn. Manchmal halfen die beiden mit bei der vielen Arbeit, besonders in der Lammzeit, wenn sie mit der Pflege der Lämmer alle Hände voll zu tun hatten. Aber sonst war ihr Schwager Tierarzt beim Veterinäramt und verdiente die Raten für das neugebaute Haus. Von der Schäferei allein hätten sie das nicht bezahlen können. Es war also ein Familienunternehmen mit drei bis fünf Mitarbeitern, ein paar Hühnern, dem Esel und den Hunden, und irgendwo streunten noch zwei Katzen herum. Aber hier, mitten auf der Alb, streunte ja das ganze Jahr irgendetwas Vierbeiniges durch die Flur. Das »Schafsgezwitscher«, wie sie ihre Tweets nannte, war anfangs nur ein Gag gewesen. Sie hatte Lust gehabt, sich mitzuteilen. Mit der Zeit war ein echtes Promoting-Projekt daraus geworden, und die Mutter hatte schon geraten, sie solle aus den Tweets doch ein Buch machen, über das Leben einer Wanderschäferin. Aber wenn, dachte Anschi, dann schreibe ich das Ganze ausführlich. Dazu brauche ich keine Tweets. Sie setzte sich an den Küchentisch. Es duftete nach den Pfitzaufs im Backofen, und die Mutter kochte gerade das Apfelmus. Dass sie das noch immer selber macht, dachte Anschi. Wie sie da am Herd stand, schmal und drahtig und hochgewachsen, flachsblond, war sie eine lebenslustige und durchaus noch attraktive Frau. Anschi war froh, sie zur Mutter zu haben und nicht so ein dralles Albgewächs mit urschwäbischem Mundwerk. Ihre Mutter kam aus dem Norddeutschen, aus Münster. Die Liebe zu ihrem Vater hatte sie nach Süden verschlagen, und trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit der schwäbischen Mentalität hatte sie sich gut eingelebt. Aber das flotte, weltoffene Münsteraner Temperament hatte Friederike behalten. Anschi konnte sich mit ihr ebenso über Präsident Trump unterhalten wie über Gaisburger Marsch, über Onlineshops ebenso wie über Cardigans. Sie mochte ihre Mutter sehr. Sie loggte sich mit ihrem Smartphone auf Twitter ein und schrieb einen neuen Eintrag. #schafsgezwitscher meine Seele fühlt sich heute an wie aufgeweichter pappkarton. es riecht nach pfitzauf und selbst gemachtem apfelmus. die wollknäuel werden bald geschoren und schlagen sich den bauch mit pellets voll. in ihrem geblök liegt die freude auf den sommer. Sie postete es und legte das Smartphone weg. »Kann ich dir was helfen, Friederike?«, fragte sie. »Du kannst schon mal die Glasschüssel aus dem Schrank holen. Das Apfelmus ist gleich fertig.« Anschi stand auf, holte die große Glasschüssel, die wie ein Blatt gestaltet war, und stellte sie auf den Tisch. Dann fing sie an, den Küchentisch zu decken, für drei. Gabel und Dessertlöffel würden reichen. »Wo ist Alex?«, fragte die Mutter. »Papa ist nach Bernloch gefahren, zu Manufakt. Wegen der neuen Wolle für Schafswohl.« »Hoffentlich denkt er ans Mittagessen.« »Wahrscheinlich kriegt er dort wieder etwas. Du kennst ja Rosa, wie sie ihn umsorgt.« »Die soll mal vor ihrer eigenen Tür kehren«, sagte Friederike erbost. »Und nicht immer meinen Alex abspenstig machen.« »Es heißt ja: Appetit darf man sich auswärts holen, aber gegessen wird daheim!«, sagte Anschi lachend. »Also, das habe ich jetzt nicht gemeint«, sagte die Mutter und lachte auch. »Egal, das Mus ist fertig, jetzt wird gegessen.« »Hast du wieder eine Zimtstange reingetan?« »Wie immer, mein Schatz!« Sie fingen mit dem Essen an, obwohl der Vater noch nicht da war. Die Mutter betete vor dem Essen, dann hebelte sich Anschi mit dem Löffel ein Pfitzauf-Küchlein aus der Silikonbackform, tat Apfelmus darauf und kniff mit der Gabel mundgerechte Stücke ab. Als sie gerade beim Essen waren, kam der Vater. Es sah, dass sie es sich schon schmecken ließen, sagte nichts, setzte sich nur und begann wie die Anderen zu essen. »Hat alles geklappt mit Schafswohl?«, fragte Friederike. Der Vater nickte nur mit vollem Mund. »Ich dachte schon, ich muss die Dinger warmstellen. Das schmeckt nicht mehr gut. Pfitzauf muss man frisch essen.« »Mhm«, machte der Vater. »Hast du dort schon was gekriegt? Sei ehrlich!« »Mnei«, machte der Vater mit vollem Mund. »Lass ihn doch, Mama«, mischte sich Anschi ein. »Du siehst doch, dass es ihm schmeckt.« Anschi war als Erste fertig. Sie hatte zwei Pfitzauf gegessen, das reichte ihr. Sie wischte sich den Mund am Ärmel ab und griff nach ihrem...