Roman
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-95732-240-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Naira Gelaschwili wurde 1947 in Ostgeorgien geboren, seit 1954 lebt sie in Tiflis. Sie studierte an der Staatlichen Universität Tbilisi Germanistik. Von 1975 bis 1981 lehrte sie an der Tbilisser Universität, 1982 bis 1990 war sie Redakteurin und Übersetzerin im Staatlichen Übersetzerkollegium. Sie gründete 1993 das Zentrum für kulturellen Austausch 'Das Kaukasische Haus' in Tiflis, das sie bis vor wenigen Jahren leitete. Von 1992 bis 1994 war sie Beraterin des georgischen Präsidenten für Kulturpolitik und nationale Minderheiten. Sie publizierte zahlreiche Romane und Erzählungen und wurde mehrfach ausgezeichnet. Auf deutsch erschien von ihr das Buch 'Georgien - ein Paradies in Trümmern' (1993), zudem gab sie georgische Erzählungen des 20. Jahrhunderts heraus.
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Das Jahr 1960. Winter
Die ganze Nacht schneit es. Die ganze Nacht. Riesige Schneeflocken rieseln langsam wie Gedanken herunter. Langsame Gedanken. Kniend auf dem Bett. In die Decke eingehüllt. Mit den Ellbogen auf das Fensterbrett gelehnt. Die Stirn an die Scheibe gedrückt. Verzaubert vom Schneegestöber. Erstarrt und zugleich aufgeregt. Also: Aufgeregt erstarrt. So schaust du auf den Schnee. »Unser erster Schnee. Unser erster Schnee.« Euer Schnee? Ja, aber was habt ihr gemeinsam, Nia? Außer der Muchadsestraße und euren Häusern, die eure Augen sehen? Hat Er dich überhaupt irgendwann bemerkt? Vielleicht hat Er dich nur so, vom Fenster her erblickt oder von seinem Balkon, achtlos, und dann auf jemanden oder auf etwas, einen Hund, ein Auto oder auf den Regen den Blick geworfen … Und warum sieht Er nicht diesem Schneien zu? Wie kann Er jetzt schlafen? Welch ein Glück wäre das, diesen Schnee zusammen anzuschauen! Schauen und schauen, endlos, nebeneinander mit den Ellbogen auf dem Fensterbrett, ohne gemeinsame Decke, beide für sich in ihrer Decke warm! Und mit den Decken eng aneinander. Zusehends steigt der Schnee an auf Seinem Balkon. Vielleicht schippt Er morgen den Schnee hinunter. Das soll Er tun! Es ist schwer einzuschlafen, wenn draußen Helle herrscht … Im Morgengrauen öffnet sie die Augen, ihr Herz beginnt wieder, schnell zu klopfen: Es schneit immer noch! Sie weiß nicht, wen sie damit erfreuen soll! Wie schön wäre es, wäre ihr kleiner Bruder schon wach, sie könnte ihn zu sich holen und sie könnten den Schnee zusammen anschauen. Aber nein! Nur für Ihn möchte sie dieses überwältigende Schneegestöber. Es treibt sie umher und sie findet keine Ruhe. Ihre Unruhe ist kaum auszuhalten. Nur die Erwachsenen können das wahrscheinlich ertragen. Sie kommt nicht dagegen an. Ach, das Parkett ist kalt! Du darfst kein Licht machen. Zieh dich leise an. Der Flur … der flauschige, rosafarbene Mantel. Ich sehe das noch. Ich denke noch daran. Nimm ihn leise vom Haken. Warme Gummistiefel. Pst! Unter den Mänteln steht ein kleiner Holzstuhl. Zieh ihn heraus, setz dich darauf und stecke deine Füsse in die Stiefel hinein. Vorsicht. Hinter dieser Tür schläft doch dein älterer Bruder. Pst, dreh den Schlüssel geräuschlos, öffne die schwere Eingangstür so, dass sie nicht knarrt … Halt, nimm den Spazierstock von Frau Helene mit, dort in der Ecke ist er abgestellt, pst, mach die Tür leise zu, so, jetzt hinunter … Wegen deiner Eile wirst du den Keller kaum wahrnehmen … Auf Zehenspitzen schleicht sie die Treppe hinunter, dann – in den Keller, sie läuft durch die dunklen Gänge, durch die schwere, feuchte Kellerluft und dieses Mal ganz ohne Angst bis hinauf zu diesem Weiß draußen. Sie steht. Und ringsum – das blendende, stumme, fremde Weiß. Muss sie den ersten Schritt darauf tun? Das missfällt ihr. Eins. Zwei. Drei. Die Gummistiefel sinken bis zur Hälfte ein. Mühsam ersteigt sie die Treppenstufen und gelangt auf die Hochterrasse … Drei Bäume: ob Aprikosen-, Feigen- oder Maulbeerbäume war nicht mehr zu erkennen. Der Schnee lag nicht, sondern stand auf ihren Ästen und Zweigen, wie da- und dorthin geflogene, schwarz unterstrichene weiße Zeilen. Die hohe Tanne vom benachbarten Hof. Ihre Zweige – verwandelt in riesige, weiße Tatzen. Auf den Tannenzweigen liegt gewöhnlich besonders viel Schnee. Sie konnte den Ansturm ihrer Gefühle kaum noch zügeln, wusste nicht, ob sie schreien oder weinen wollte. Sollte sie dieses so leise flimmernde Weiße mit den Lippen berühren oder mit einem Stock zerschlagen und zerstören. Der Schnee hatte sie immer begleitet. Von den ersten Lebensjahren an. Auf dem Lande. In der Stadt. Und sie war nie erstaunt gewesen. Und nie außer sich geraten. Unfassbar, was hat sie jetzt? Wenn du erstarrst. Wenn du zum ersten Mal im Leben die Schneeflockenstimme hörst. Ja, wirklich hörten ihre noch warmen Ohren dieses stille, gleichmäßige Rauschen, das sie an den Klang der Seidenraupen in der Kindheit auf dem Lande erinnerte, der von dem Nebenzimmer zu hören war, wo unzählige schneeweiße und flauschige Raupen ihre Maulbeerblätter fraßen … Sie überquerte den Hof, gelangte durch das Eisentor in die Muchadsestraße und blieb unter Seinem Balkon stehen. Sie ging noch ein paar Schritte nach vorn, kniete sich hin und legte sich mit dem Gesicht nach oben und mit ausgebreiteten Armen in den Schnee. Schneeflocken fielen ihr ins Gesicht und tauten. Sie sah sie auf ihren Wimpernspitzen hängen. Allmählich wurde ihr rosafarbener Mantel vom Schnee bedeckt … Sie blickte in den Schnee hinauf. Ihre Mutter hatte einst ein solches Schneeluftkleid: nebelfarben und mit milchigen Flocken bedeckt. »Gut ist das Schneien.« »Gut ist das Verrücktsein.« »Gut ist die Liebe.« »Gut ist das Sterben«… Denkt sie das selbst oder flüstert der Schnee es ihr ins schon kalt gewordene Ohr? Dann erhebt sie sich vorsichtig. Der Abdruck ihrer Silhouette im Schnee soll nicht verwischt werden. Sie nimmt ihren Stock aus dem Schnee und beginnt mit zitternder Hand Buchstaben zu zeichnen … Sie liegt wieder im Bett und zittert … Obwohl sie ihren Mantel im zweiten Stock gut ausgeschüttelt hatte, blieb er doch nass … Die Gummistiefel warf sie unter das Bett … Bevor Er erwacht und auf den Balkon tritt, wird der Schnee ihren Abdruck und ihr Worte wohl verwischt haben … Aber nun hat es aufgehört zu schneien … Es tagt … Die anderen, hört sie, stehen schon auf. Die Brüder jubeln: »Schnee! Schnee!« Er hat das Licht angeschaltet … Man sieht, wie Er vom Schlafzimmer zur anderen Seite in die Küche geht … Es wird hell jetzt, die Sonne geht auf … Guckt Er nicht aus dem Fenster? Kommt Er nicht auf den Balkon? Guckt Er nicht hinunter zum Schnee? Bevor die Sonne ihn wegtaut? Wird Er nicht sehen, was sie Ihm gewidmet hat? Über Ihm, im dritten Stock erscheinen zwei rote Köpfe: der Erste in einem Fenster, der Zweite in einem anderen. Es sind kleine Zwillinge, deren Gesichter mit unendlich vielen Sommersprossen bedeckt sind. Dazwischen, im Balkontürfenster erscheint als Dritte die rotköpfige Mutter der Brüder. Alle drei starren auf den Schnee. – Zieh dich an! Du kommst zu spät! – ruft die Mutter, sie ruft nicht nach dem Namen, das heißt, dass sie böse ist. Soll sie bleiben! Darüber macht sie sich jetzt keine Sorgen! Mein Gott! Er erscheint auf dem Balkon! Er hat schon den Mantel an und in der Hand krallt er eine Ohrenklappenmütze. Wie verwirrt betrachtet Er die dicke Schneeschicht auf dem Balkon … Dann schiebt Er sich nach vorne und stützt sich mit den Händen auf das eiserne Geländer des Balkons, schüttelt es und der Schnee fällt hinunter. Er dreht seinen Kopf von rechts nach links. Er öffnet den Mund, atmet tief ein … dann guckt Er nach vorn, in den Hof, sieht die drei Bäume und das Hundehäuschen und zum Schluss – vor seinem Balkon den Schnee. Man sieht, dass er lacht: da unten auf dem Schnee steht mit riesigen Buchstaben geschrieben: »Ich liebe dich«. Eine menschliche Silhouette ist eingedrückt, die ein Pfeil mit diesen Worten verbindet. Der Pfeil kommt aus dem Herzen heraus. Er lacht, beugt sich nach vorn und guckt hinunter in die erste Etage. Dort wohnt eine junge Frau, ca. zwanzig Jahre alt, und wahrscheinlich denkt Er, dass diese ungewöhnliche Schneegratulation ihr gilt. Zu ihren Fenstern guckt Er überhaupt nicht. Nach kurzer Zeit kommt Er aus dem Eingang und geht. Plötzlich bleibt Er vor dem Herz-Pfeil-Abdruck stehen, schaut auf ihn und geht daran vorbei, um nichts zu zertreten. Ich sehe das. Ich entsinne mich dessen. Du bist schon zurück aus der Schule. Er aber ist nicht zu Hause. An diesem Tag kommt Er gewöhnlich später. Vielleicht kommt Er nach Einbruch der Dämmerung. Also bist du vorläufig frei. Du gehörst dir selbst. Nicht ganz, aber trotzdem … Und wenn dich die Nachbarkinder rufen, komm, gehen wir Schlitten fahren, gehst du hinunter, natürlich mit Marias Erlaubnis, die du mit in den Keller schleppst … Meckernd öffnet Maria die Kellertür und zieht seufzend den unter viel Ramsch geratenen Schlitten aus der dunklen Ecke heraus. Und solange du das an den Schlitten aufgewickelte Seil abzuwickeln versuchst, hängt Maria über einem riesigen Metallkasten und füllt zwei Eimer mit schwarz glitzernder Kohle. Dafür benutzt sie geschickt eine dort liegende kleine Eisenschaufel. »Dann werde ich sie auch noch nach oben schleppen, diese verfluchte Kohle«, sagt sie. Ein wenig Kohle bleibt trotz aller Sorgfalt auf dem Kellerboden ringsum verstreut und glitzert dort. Du läufst eilig durch den dunklen Kellertunnel mit dem an die Brust gedrückten Schlitten. Gehst zum Hof, froh,...