Warum der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat
E-Book, Deutsch, 240 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 190 mm
ISBN: 978-3-374-06917-0
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Während die Welt immer religiöser wird, befindet sich das Christentum in Europa im Niedergang. Die evangelischen und katholischen Kirchen haben nur noch ein Minimalchristentum im Angebot. Daher rollt eine mächtige Säkularisierungswelle über Deutschland und reißt mit sich fort, was nicht in Christus verankert ist.
Die Krise der Kirchen eröffnet aber auch unglaubliche Chancen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für einen kritischen und ehrlichen Blick auf unsere ererbte Vorstellung von Kirche und Glauben – und auf unsere typisch deutsche Theologie!
- Reformen genügen nicht: Warum wir einen missionarischen Aufbruch brauchen
- Was können wir von den aufstrebenden Kirchen auf anderen Kontinenten lernen?
- Wie lautet der Auftrag Christi in einer sich wandelnden Welt?
- Zwölf Leitsätze der Hoffnung: Was sich jetzt in den Gemeinden ändern muss
- Die pointierte Analyse eines Praktikers mit 35-jähriger missionarischer Erfahrung
Wie können wir Menschen für Kirche und Glauben faszinieren?
Alexander Garth ist ein unkonventioneller Pfarrer, der selbst schon Gemeinden gegründet hat. Indem er globale religiöse Entwicklungen analysiert und der deutschen Realität gegenüberstellt, stößt er eine dringend notwendige Diskussion an. Wie unterscheiden sich die Gotteserfahrungen weltweit? Gibt es ein Erfolgsrezept für gut besuchte Gottesdienste? Was haben christliche Mission und eine Rückbesinnung auf den biblischen Jesus damit zu tun?
Mit seiner Streitschrift fordert er nicht nur radikale Veränderungen in der evangelischen und katholischen Kirche. Er liefert auch ganz konkrete Ansätze und zeigt, was jetzt geschehen muss, damit der christliche Glauben in Deutschland wieder die Menschen begeistert!
Autoren/Hrsg.
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2. VON EINER VERFOLGTEN RELIGION ZUR STAATSRELIGION
Als das Christentum eine revolutionäre Alternative war
Das Christentum war nicht immer eine privilegierte und staatlich gestützte Religion, zu der fast ausnahmslos jeder gehörte. In vielen Teilen der Welt formieren sich die Kirchen recht ansehnlich unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Sie sind oft eine Minderheit und sie agieren als religiöse Player auf einem freien religiösen Markt, auf dem es viele andere Mitspieler gibt. Das Christentum startete als absonderliche jüdische Sekte am Ostrand des römischen Reiches. Die neue Religion wuchs kontinuierlich trotz zeitweiliger Verfolgungen und vieler Widerstände. Wir nähern uns heute Bedingungen, die den damaligen ziemlich ähnlich sind. Nach der Trennung von Staat und Kirche in Europa, dem Entstehen eines freien religiösen Marktes und einem gesellschaftlichen Klima, das dem Christentum gegenüber nicht mehr so wohlgesonnen ist, gibt es eine Reihe von Parallelen zu den Verhältnissen, wie wir sie in der Zeit vorfinden, als das Christentum noch eine unterprivilegierte und verfolgte Minderheit war. Das bedeutet, wir müssen in den Grundstrukturen wieder Kirche Jesu bauen wie zur vorkonstantinischen Zeit. Daher gewinnen die Fragen an Bedeutung: Was können wir lernen von der wachsenden Kirche der ersten drei Jahrhunderte? Worin liegen die Gründe ihres Erfolgs? Was könnte auch heute funktionieren? Ich möchte Sie daher mitnehmen auf eine kleine Reise in die ersten drei Jahrhunderte. Die Dynamik des Christentums in dieser ersten Zeit sorgt bis heute für Verwunderung und Ratlosigkeit. Ich stelle mir vor, ich wäre im Jahre 60 der Beauftragte des Kaisers für religiöse Angelegenheiten. Nero, so der berüchtigte Imperator, will wissen, was es mit den Christen auf sich hat und ob sie eine Gefahr für das Reich darstellen? Ich sage ihm, dass die Christen eine krude jüdische Sekte sind, entstanden irgendwo am Ostrand des Imperiums. Ihr Gott ist ein jüdischer Handwerker und religiöser Fanatiker, der vor dreißig Jahren gekreuzigt wurde. Seine Anhängerschaft besteht aus ein paar ungebildeten Juden. Also, lieber Nero, vergiss diese ärmliche Sekte. Sie hat keine Bedeutung und gleich gar keine Zukunft. Entgegen dieser Prognose wuchs die junge christliche Bewegung aber rasant und durchdrang das gesamte Römische Reich innerhalb von drei Generationen. Sie wurde verpönt, verboten, verfolgt, doch ihre Anhängerschaft nahm zu und erreichte Menschen von armen Sklaven bis hin zu Angehörigen des Kaiserhauses – und das ohne Kirchen, ohne große Gebäude, ohne öffentliche Gottesdienste, ohne Großveranstaltungen in den Stadien, ohne missionarische Straßeneinsätze auf den Plätzen der Metropolen. Was war das Geheimnis ihres Wachstums? Ganze Abteilungen von Theologen, Historikern und Religionssoziologen versuchen den Gründen auf die Spur zu kommen. Das Resultat? Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt darin, wie diese frühen Christen lebten und glaubten. Das soll hier in zehn Faktoren für das Wachstum der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten zusammengefasst werden:6 Erstens: Sie glaubten, dass nur Jesus Christus der Weg zu Gott ist. Wer sein Leben auf Jesus baut, der hat die Vergebung seiner Sünden und das ewige Leben. Das ist zusammengefasst in dem urchristlichen Symbol des Fisches. In der damaligen griechischen Weltsprache ICHTHYS: Iesous Christos THeou Yios Sotär (Jesus Christus Gottes Sohn Retter). Religiös war die römische Antike eine bunte Mischung aus allen möglichen Religionen, Götterkulten und orientalischen Mysterien. Der Glaube an die launischen, selbstsüchtigen und oft auch bösartigen Götter der Antike wurde kaum noch ernst genommen und stand im Widerspruch zum christlichen Glauben. Die heidnischen Götter wurden zwar verehrt, doch nicht aus Liebe, sondern um deren Gunst zu erwerben und deren Zorn abzuwehren. Der Gott des Christentums hingegen ist ein gütiger Vater. Im Zentrum des Glaubens steht die Liebe zu Jesus und zu allen Menschen. Die Exklusivität des Glaubens und die totale Unterschiedenheit zur antiken Götterwelt machte das Christentum attraktiv und anstößig. Zweitens: Es dauerte nicht lange, bis regional die ersten Verfolgungen der jungen Kirche stattfanden. Die entzündeten sich zumeist daran, dass die Christen sich weigerten, dem Kaiser zu opfern und ihn damit als Gott zu verehren. Meistens waren es die christlichen Leiter, die öffentlich, manchmal nach schwerer Folter, hingerichtet wurden. Es beeindruckte, dass diese Christen lieber in den Tod gingen, als ihrem Glauben abzuschwören. Später kam es vereinzelt auch zu grausamen Massenhinrichtungen. Unter dem Johlen der Menge wurden Christen in den Stadien von wilden Tieren gefressen oder von Gladiatoren getötet. Singend und betend erlitten die Glaubenszeugen das Martyrium. Aber für jeden in der Arena Getöteten gab es Dutzende in den Reihen der Zuschauer, die von der Glaubensfestigkeit der Opfer berührt wurden und den christlichen Glauben annahmen. Christen gingen demütig, geduldig und mitunter sogar freudig für ihren Glauben in den Tod. Das faszinierte und überzeugte viele Menschen. Die Treue zu Jesus in den Zeiten der Verfolgung ist ein wichtiger Faktor für das Wachstum der frühen Kirche. Drittens: Der Lebensstil der Christen hob sich ab vom Lebensstil der Nichtchristen. Das zeigte sich z. B. auch daran, dass die Christen nicht teilnahmen an den Gladiatorenfestspielen und anderen makabren oder perversen Volksbelustigungen. Der alternative Lebensstil der Christen fiel auf. Er brachte ihnen einerseits den Ruf moralischer Tadellosigkeit ein, andererseits aber auch Hass und Verachtung. Viertens: Die antike Gesellschaft war streng in Klassen eingeteilt. Ganz unten standen die Sklaven. Sie waren absolut rechtlos und wurden brutal ausgebeutet als »sprechende Werkzeuge«, als billige Arbeitstiere und sexuelle Lustspender. Unter den freien Bürgern unterschied man sehr genau zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Armen und Reichen, Mächtigen und Machtlosen. Ganz anders bei den Christen. Wenn sie sich versammelten – oft bei begüterten Gemeindemitgliedern, die ein Haus hatten, vielleicht sogar mit Pool –, saßen arm und reich beieinander, einfältig und klug, Mann und Frau, Sklave und Herr, schäbig und vornehm gewandet. Sie feierten das heilige Abendmahl, beteten Jesus an und priesen ihn mit Liedern und Gebeten, in Latein und in Zungen. Sie waren versammelt als Gottes Familie, zu Brüdern und Schwestern vereint durch den einen Herrn und Erlöser Jesus Christus, dem Lebendigen und Auferstandenen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, was das für eine revolutionäre Provokation in der damaligen Sklaven- und Ständegesellschaft war. Und es zeugte von der Macht des Glaubens, dass so unterschiedliche, teils abweisend oder gar feindlich zueinander stehende Menschen zu einer Gemeinschaft der Liebe zusammengeschweißt wurden. Fünftens: Christen zeichnete eine hohe Wertschätzung menschlichen Lebens aus. Deshalb betrachteten sie Abtreibung und Kindstötung als Sünde. Das unterschied sie von ihrer heidnischen Umwelt. Da war es ganz normal, dass man ungewollte Babys aussetzte, um sich ihrer zu entledigen. Die Römer warfen sie in den Tiber. Das war übliche Praxis. In den Augen der Christen hingegen waren Kinder ein Gottesgeschenk. Sie sorgten deshalb nicht nur für die eigenen, sondern zogen oft fremde Kinder mit auf, als ob es die eigenen wären. Das sprach sich herum, weshalb man oft Babys auf den Schwellen von christlichen Häusern fand. Mancher Heide sagte sich: »Wenn ich mich schon nicht um mein Baby kümmern kann, so tun es wenigstens die Christen.« Christliche Familien hatten daher oft viele Kinder. Die Religionssoziologie konstatiert, dass es nicht nur Bekehrungen waren, die zum Wachstum der frühen Kirche führten, sondern auch der Faktor des biologischen Wachstums. Sechstens: Die frühe Kirche setzte sich von Anfang an für die Armen ein. Schon in der Jerusalemer Urgemeinde wurden sieben Diakone berufen mit der Aufgabe, sich um die Armen zu kümmern. Zum Engagement der frühen Christen gehörte nicht nur das Geben von Almosen und die klassische Armenfürsorge, sie sammelten auch Gelder, um Gefangene und Sklaven freizukaufen. Manche verkauften sich sogar selbst in die Sklaverei, um anderen die Freiheit zu ermöglichen. So schrieb Clemens, Bischof von Rom, am Ende des 1. Jahrhunderts: »Wir wissen von vielen bei uns, die sich selbst in Ketten überliefert haben, um andere zu erlösen. Viele haben sich selbst in Sklaverei gegeben, und mit ihrem Kaufpreis haben sie andere gespeist.« Im 3. Jahrhundert organisierte der Bischof von Karthago eine Kollekte zum Freikauf von Sklaven. Welchen Eindruck der Einsatz für die Armen auf die Heiden machte, verrät ein Brief des Kaisers Julian. Der Christengegner schrieb um das Jahr 355: »Die gottlosen Galiläer ernähren außer ihren eigenen Armen auch noch die unsrigen. Die unsrigen aber ermangeln offenbar unserer Fürsorge.« Siebentens: Die neuere Religionssoziologie...