Traditionen und Alltagsleben
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-7562-9008-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hermann-Josef Frisch, Jahrgang 1947 Studium Theologie und Sinologie zeitweilig Lehrauftrag Fachdidaktik Religion an der Universität Bonn 225 Buchveröffentlichungen inTheologie, Religionspädagogik,Religionswissenschaften mehr als 60 teilweise längere Reisen in unterschiedlichste Regionen Asiens
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Moschee in der Ortschaft Parepare, Sulawesi, Indonesien. Indonesien ist weltweit das Land mit der größten Zahl von Muslimen: Von 275 Millionen Einwohnern bekennen sich 240 Millionen zum Islam. Impressionen Mit wohl 1,8 Milliarden Anhängern ist der Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen die zweitgrößte Weltreligion und inzwischen in fast allen Völkern und Kulturen der Welt verbreitet. Obwohl die Grundlagen dieser Religion (Glaube an den einen Gott, Koran als Offenbarungsschrift, Mohammed als Prophet ...) überall gleich sind, haben sich doch im Laufe der Geschichte und aufgrund von unterschiedlichen regionalen Voraussetzungen sehr unterschiedliche Formen des Islam herausgebildet. Dies soll im Folgenden kompakt aufgezeigt werden – Impressionen des Islam in der heutigen Welt: Die vielen Gesichter des Islam
Etwa 2,5 Millionen muslimischer Pilger kommen jedes Jahr im letzten Monat des islamischen Kalenders (Dhu-l-Hidschra) zum Muslimen vorgeschriebenen Hadsch nach Mekka und umrunden in einem genau festgelegten Ritual das zentrale Heiligtum des Islam, die Kaaba. Sie sind unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem sozialen Stand alle in die gleichen weißen Pilgergewänder gehüllt, sogar Männer und Frauen in ähnlicher Form: Alle Menschen sind vor Gott gleich und die muslimische Umma (Gemeinschaft) betont diese Gleichheit aller Gläubigen zumindest bei dem Hadsch – im Alltag sieht es oft anders aus: Da gibt es zwischen den Herrschern (etwa dem saudischen Königshaus) und den Untergebenen (etwa den Arbeitern auf den vielen Baustellen der arabischen Länder) einen nicht überbrückbaren Unterschied. Dennoch ist der Hadsch für alle Muslime eine nicht wegzudiskutierende Mahnung, eine Gemeinschaft von Menschen zu organisieren, die sich als vor Gott gleich verstehen und die deshalb den gleichen Gesetzen und Regeln unterworfen sind. Dieser grundsätzlichen Einheit innnerhalb der muslimischen Umma steht nach 1400 Jahren Geschichte des Islam ein vielfältiges Bild in den unterschiedlichen Regionen gegenüber. Der Islam ist – wie auch das Christentum, der Buddhismus, der Hinduismus – eine Religion mit vielen Gesichtern. Meist blicken Menschen beim Stichwort Islam zuerst auf die arabische Halbinsel und dort auf den strengen Islam in Form des Wahhabismus, wie er seit knapp dreihundert Jahren in Saudi-Arabien gepflegt wird. In dieser Ausrichtung des Islam werden zu Recht auch viele Wurzeln eines extremen Islamismus und des daraus erwachsenden Terrors meist nach innen (innerhalb islamischer Gesellschaften), aber auch nach außen (gegen die »Ungläubigen«) gesehen. Doch umfasst das manchmal beängstigende Bild eines solch fundamentalistischkämpferischen Islam (vgl. Seite ?) keineswegs die ganze Vielfalt islamischen Glaubens. Natürlich finden sich mit Mekka und Medina zwei der wichtigsten spirituellen Zentren des Islam in Saudi-Arabien (das dritte ist Jerusalem, vgl. Seite ?), doch lagen nach der Anfangszeit unter Mohammed und den vier rechtgeleiteten Kalifen (vgl. Seite ?) die Machtzentren der großen islamischen Reiche nicht mehr dort, sondern in Damaskus, Bagdad, Kairo, Istanbul, Delhi, sodass sich allein durch den geschichtlichen Wandel ein anderes Bild bietet (vgl. Seite ?). Muslimische Pilger bei dem Hadsch in Mekka Mehr noch aber ergab sich durch die Einwurzelung des Islam in die unterschiedlichen geschichtlichen und kulturellen Kontexte anderer Weltregionen als denen des Vorderen Orients eine Vielgestaltigkeit zwar nicht in den Grundlagen des Glaubens, wohl aber in seinen Ausdrucks- und Gottesdienstformen, in seinen Ritualen, in seinen konkreten Lebensweisen, in Architektur, Kunst, Wissenschaft und anderem (vgl. ab Seite ?). Denn die größte Zahl der Muslime in der heutigen Welt lebt keineswegs im Vorderen Orient: In Saudi-Arabien gibt es 34 Millionen Muslime, im größten weithin muslimischen Staat Indonesien in Südostasien mit seinen 275 Millionen Einwohnern etwa 240 Millionen Muslime (ca. 87 %). Die Staaten mit der nächstgrößten muslimischen Bevölkerung sind Pakistan (220 Millionen Einwohner – 210 Millionen Muslime), Indien (1,4 Milliarden Einwohner, 200 Millionen Muslime) und Bangladesch (170 Millionen Einwohner, 155 Millionen Muslime), also südasiatische Länder. Erst mit Abstand folgen zwei afrikanische Länder: Nigeria (220 Millionen Einwohner, 115 Millionen Muslime) und Ägypten (105 Millionen Einwohner, 92 Millionen Muslime) – (Zahlen meist Schätzungen). Von den ca. 330 Millionen Einwohnern der USA sind nur 1 % muslimischen Glaubens, in den Staaten der EU sind es bei 448 Millionen Einwohnern etwa 2 %. In Europa sind besonders Albanien, Bosnien-Herzogowina und der Kosovo muslimisch geprägt. In Deutschland leben bei fast 83 Millionen Einwohnern etwa 4,5 Millionen Muslime (ca. 5,5 %). Die erste noch provisorische Moschee in Deutschland wurde 1915 in einem Kriegsgefangenenlager bei Wünsdorf errichtet; die erste zivile Moschee wurde 1924 in Berlin-Wilmersdorf gebaut – die Wilmersdorfer Moschee gehört der Ahmadiyya-Richtung des Islam (vgl. Seite ?) an. Heute gibt es in allen Städten Deutschlands Moscheebauten, die meist zum sunnitischen Islam gehören. Oft sind es versteckte »Hinterhofmoscheen«, doch inzwischen werden auch repräsentative Bauten errichtet wie die (türkische) DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Die meisten Muslime leben also schwerpunktmäßig in Süd– und Südostasien, auch in Zentralasien und im südsaharischen Afrika, vergleichsweise wenige (mit Ausnahme von Ägypten) im Vorderen Orient und Nordafrika. Gegenüber diesen Fakten wird aber in der Öffentlichkeit meist der strenge Islam des Vorderen Orients wahrgenommen. Doch muss man auch sagen, dass er durch die Finanzierung von Moscheebauten und die Entsendung von wahhabitischen Imamen zunehmend Einfluss auch in anderen Regionen Asiens und Afrikas gewinnt – fundamentalistische Strömungen verstärken sich, doch sie prägen keineswegs das Gesamtbild des Islam. Deshalb muss man für eine angemessene Wahrnehmung der muslimischen Religion auf die bunte Vielfalt des Islam weltweit schauen – auf seine vielen Gesichter (vgl. die Farbbilder dieses Bandes). Da finden wir die beindruckenden Lehmbauten von Moscheen in Mali, oft im westafrikanischen Bereich verbunden mit einer (eigentlich nach der strengen Lehre nicht zulässigen) Verehrung muslimischer Heiliger. Da gibt es die zentralasiatischen Medresen mit einem meist großzügig gehandhabtem Islam. Da sind Moscheebauten in chinesischem Stil bei den muslimischen Hui in China, den Nachkommen muslimischer Kaufleute aus dem 8. Jahrhundert (und mit 11 Millionen keine kleine Gruppe); ebenso viele Muslime gehören im Westen Chinas (Provinz Xinjiang) zum Minderheitenvolk der Uiguren. Insgesamt leben in China mit 30 Millionen Muslimen mehr Menschen muslimischen Glaubens als etwa in Syrien. Es gibt die etwa eine Million muslimischer Cham in Vietnam und Kambodscha, die muslimische Minderheit im Süden der meist katholischen Philippinen (vor allem auf der Insel Mindanao) mit ca. 6 Millionen Gläubigen. Von den ca. 145 Millionen Einwohnern Russlands sind etwa 14 % muslimischen Glaubens (ca. 20 Millionen, vor allem Tartaren und Baschkiren im Gebiet von Kasan und Kaukasus-Völker). Im subsaharischen Raum sind vor allem Sufi-Schulen bedeutsam, völlig anders zeigt sich dagegen die Schia in Iran (82 Millionen) und im südlichen Irak (25 Millionen Schiiten, 14 Millionen Sunniten). Es gibt im Islam die Ahmadiyya, eine im indischen Raum im 19. Jahrhundert entstandene Reformbewegung; es gibt in der Türkei die Aleviten als eigenständige Richtung des Islam mit anderen Schwerpunkten ihrer Glaubensausübung; es gibt in Syrien sogar mit den Alawiten (Nusarier) einen esoterischen Islam mit Geheimlehren (u.a. Seelenwanderung), bei dem man sich fragen muss, ob er überhaupt noch zum Islam gehört (vgl. zu den islamischen Richtungen Seite ?). Andere Richtungen des Islam sind die Ibaditen im Oman oder die schiitischen Gruppen der Ismailiten und Zaiditen. Kurzum: Der Islam baut als weltumfassende Religion zwar auf den gleichen Grundlagen auf (vgl. ab 24), zeigt aber ein vielfältiges Gesicht, sodass man bei Beschreibung und Beurteilung immer differenzieren muss, welche Richtung und Ordnung gemeint ist. Damit ähnelt er den anderen Weltreligionen, die wie Hinduismus, Buddhismus und Christentum ja ebenfalls ein äußerst unterschiedliches Gesicht zeigen: von fundamentalistischen Strömungen, die es in allen Religionen gibt (und die immer eine Plage der Menschheit sind), bis hin zu Strömungen großer Toleranz und Zugewandtheit zu den Menschen. Der Islam ist zudem missionarisch geprägt und die wohl am stärksten wachsende Weltreligion. Deshalb werden sich auch in einigen Regionen (etwa Europa) neue Formen des Islam entwickeln, die eigene Akzente bei der Umsetzung der islamischen Grundlagen in örtliche Gemeinschaften setzen werden (vgl. ab Seite ? Perspektiven). Der Islam in der heutigen Welt
Jede Gesellschaft und auch jede Religion steht beständig im Spannungsfeld von Tradition und Aufbruch, von Beharrung und Veränderung, von Vergangenheit und Zukunft. Die...