Roman
E-Book, Deutsch, 408 Seiten
ISBN: 978-3-7407-3942-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan Frey wurde 1952 in Wangen bei Olten geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre und Wanderjahren durch Industrie und Dienstleistung erlernte er das Metier des Journalisten. Der Autor ist seit Anfang der siebziger Jahre publizistisch tätig und engagiert sich aktiv in Projekten für Kultur, Umwelt und Entwicklung. Zusammen mit dem Fotografen Christian Gerber Reportage-Reise nach Kuba. Zehn Jahre im Dienste einer global tätigen Natur- und Umweltschutzorganisation, danach unabhängiger Berater in Kommunikationsprojekten. 1987 erste Reise nach Madagaskar, wo er seither zahlreiche Projekte initiierte. Das Wichtigste: seit 2003 entwickelte und realisierte er Projekte für die Elektrifizierung von Dörfern im Norden der Insel. Veröffentlichungen in Zeitungen und in der Sammlung "Spiegelungen der Macht", 2010 Knapp-Verlag Olten. 2013 erschienen "Blätter aus dem Tropenwald", Kurzgeschichten aus Madagaskar, Knapp-Verlag. 2014 der Roman "Die Befreiung - eine Liebe auf Madagaskar." Von der Kolonie zur Befreiung und zurück. 2017 Der satirische Roman "Der Abgang - Bericht aus einer nahen Zeit". Unveröffentlichte Kriminalromane. Der Autor lebt in Olten (Schweiz) und in Diego-Suarez (Madagaskar).
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In Wiederkehrs Haus in Bünzen, auf einem noch ganz dem Bauernstand verpflichteten, die Strohflechterei nur als Nebenerwerb betreibenden Hof, herrschte schon zu früher Morgenstunde, noch bei Kerzenlicht, Aufregung in der feuchtkalten Küche. Der Ofen wollte nur zögernd Wärme verbreiten, nachdem er die Nacht hindurch bis zu einer schwach glimmenden Glut heruntergebrannt war. Die Milch blieb auf dem Herd länger kalt als sonst und die zehn Teller standen leer auf dem Tisch, weil die Rösti - Speck gab es nur für den zusammen mit dem erstgeborenen Sohn Hans-Rudolf und seinen mit ihm im Stall mit den Tieren beschäftigten Vater Rudolf – noch nicht parat war. Trotzdem war es eher eine fröhliche Aufregung. Die Küche war mit quirligem Leben erfüllt und die sechs Kleinen beobachteten von ihrer Eckbank aus das hektische Treiben. Anna-Katharina, die älteste Tochter, sollte zur längsten Reise einer Wiederkehr aufbrechen. Eine Reise, zu der noch am Vorabend in der Stube nebenan der Herr Pfarrer Hauser mittels eines eindringlichen Gebetes vor versammelter Familie seinen Segen erteilt hatte. Die siebzehn-, bald achtzehnjährige Anne-Käthi - wie sie alle nannten-, musste so vor dem in der unbekannten Groß-Stadt an jeder Hausecke, in jeder Gasse und auf jedem Platz lauernden Bösen bewahrt und deshalb dem Schutz des Allmächtigen anheim gestellt werden. Gerne hätte er seinerzeit die Tochter der streng gläubigen Familie in einem Kloster untergebracht. Der zweitgeborenen Tochter ohne Anspruch auf den Hof - und angesichts der weitherum grassierenden Armut mit schlechten Aussichten auf eine ‚gute’ Heirat - fühlte er sich, wie gegenüber der ganzen streng gläubigen Wiederkehr-Sippe, in der Pflicht. Aber die Wirren um die Klosteraufhebung im Aargau, die am Ende zwar zur Wiederzulassung von vier Frauenklöstern geführt hatten, dauerten zu lange, das kluge und bildhübsche Mädchen entwuchs der Primarschule, besuchte die Sekundarschule – was für ein Mädchen seines Standes schon eine Ausnahme war - und dann war es irgendwann zu spät für den Eintritt in eine Klosterschule. So zeigte er sich am Palmsonntag des vorigen Jahres als höchst besorgter Seelsorger und Hirte einer von drohender Gefahr umgebenen Herde, als ihm Katharina, die Mutter, am Rande der Prozession eröffnete, der Vetter zweiten Grades, Basil, Sohn eines Onkels mütterlicherseits und Fergger aus Villmergen, habe ihr angeboten, Anne-Käthi bei einer hochkarätigen und ebenso anständigen und gläubigen katholischen Handelsfamilie, bedeutende Vertreter der Wohler Strohflechterei, in Paris unterzubringen. ‚Kost und Logis gratis, dazu ein Taschengeld und die Möglichkeit, französisch zu lernen.’ habe Basil ihr angeboten. Aber so richtig ablehnend zeigte sich der Pfarrer dann auch wieder nicht. Mit gewissen Vorbehalten und nach gebührenden „Nachforschungen über unser weit gespanntes Netz im Garten des Herrn“ könne er einen derartigen Aderlass in seiner Gemeinde wohl verschmerzen. Der Familie Wiederkehr sei sicher auch gedient, „wenn ein Mund weniger am Tisch sitzt“, meinte er geradezu aufmunternd zur Wiederkehr Katharina, während er frohen Mutes seinen die Prozession säumenden Schäfchen den Segen erteilte. Und ein paar Wochen später, es ging schon gegen Fronleichnam zu, meinte er nach einer sonntäglichen Frühmesse zu Wiederkehrs: „Der Fergger-Bäsi kennt sich nicht nur in den hiesigen Fabrikantenkreisen aus, er weiß scheinbar auch, mit wem sie in Paris geschäften.“ stellte der Kirchenmann schmunzelnd fest. „Ich habe jedenfalls vom Curé der St. Eustache-Kirche – dem Benediktiner-Bruder Anselm, der aus St. Gallen stammt und übrigens Schweizerdeutsch spricht, - ganz vorzügliche Nachrichten erhalten, was die Handelsfamilie Fischer et Compagnie betrifft.“ Pfarrer Hauser, selbst ein ehemaliger Schüler im Stift Muri und noch vor dem Klosterstreit zum Benediktiner-Mönch geweiht, schilderte das Ergebnis der Recherchen seines Kirchenbruders in Paris. „Ganz feine Leute sind das, ganz feine Leute. Der Handelsmann Fischer ist vor Jahren mit einem Musterbuch an Strohgeflechten nach Paris gereist und hat dort sofortigen Erfolg erzielt. Und mit dem geschäftlichen Erfolg“, Pfarrer Hauser unterbrach seine Schilderungen durch einen vernehmlichen Atemzug, „kam auch der private und gesellschaftliche, der ihn in die besseren Kreise habe aufsteigen lassen. Heute gehört er scheint’s zu den Lieferanten der Schneider, welche die Tüllerien beliefern“, wie sich der Pfarrer aus dem Freiamt ausdrückte. Selbstredend kam Pfarrer Hauser auch auf die christliche, genauer die römisch-katholische Gesinnung von Anne-Käthis künftiger Gastfamilie zu sprechen. „Das sind ganz noble Leute. Madame Fischer ist eine De und entfernt mit der Marquise Latour Maubourg verwandt, welche wiederum unter den Hofdamen der Kaiserin eine Sonderstellung einnehmen soll. Am Sonntag sitzt die ganze Familie - Monsieur Fischer, Madame und ihre beiden halbwüchsigen Kinder, ein dreizehnjähriger Erstgeborener, seine zehnjährige Schwester und das Nesthäkchen, ein Dreijähriger, auf dem Schoss einer Kinderfrau - zuvorderst in der Kirche, immer auf denselben Plätzen, die nach ungeschriebenem Recht für sie reserviert sind. Madame sei sehr gebildet, heißt es, und halte zweimal monatlich einen Salon für Leute aus besseren Kreisen. Also alles in allem“, beschloss der Kirchenmann seinen Rapport über Anne-Käthis Gastfamilie, „eine sehr gute Adresse, an der unsere Tochter sehr viel lernen wird können. Und sie hat, wenn sie sich gut anstellt, vielleicht sogar Zugang zum Hof“. Die von der Mutter weitererzählten Schilderungen des Pfarrers waberten jetzt ohne Sinn und Ordnung durch Anne-Käthis Kopf, während sie von der Stube zur Küche und von der Küche zum „Meitschi“-Zimmer im ersten Stock tigerte und wieder zurück in die Stube. Sie ergriff hier ein Kopftuch, dort eine Haarspange oder klaubte endlich die von der Mutter auf das Stubenbuffet gelegte Brosche, ein Erbstück von Großmutter Anna. Es war eine Elfenbeingemme, im Profil die in jungen Jahren während einer der häufigen Grippewellen Verblichene darstellend, deren Relief der zur Reise aufbrechenden Enkelin verblüffend ähnlich sah. Sie packte alles zusammen - das von einer Cousine geschenkte Sonntagskleid, etwas Wäsche, die auf dem letzten Monatsmarkt in Wohlen gekauften Hausschuhe für das Haus „feiner Leute“, (wie der spendierende Götti gemeint hatte), die mit einer Widmung versehene, ledergebundene Bibel, (ein Geschenk Pfarrer Hausers), und einigen Reiseproviant aus Rauchwurst, Speck und Roggenbrot - in die von einem Onkel väterlicherseits - er hatte es einmal bis nach Mailand gebracht, wo man Strohhüte studierte - geschenkte, lederne Reisetasche. Mutter Katharina versuchte zwischen dem Zubereiten des Frühstücks, dem Ruhighalten der Kleinen auf der Eckbank und dem Erteilen guter Ratschläge die Übersicht zu behalten und das Packen zu überwachen. Das mit den Ratschlägen war freilich nicht so einfach. Es musste bei Frauenangelegenheiten und Benimmregeln bleigen, die, so sah es die Mutter, ihrer Tochter überall auf der Welt nützlich sein könnten. Und sonst? Was hätte sie, die, mit einer Ausnahme - der Hochzeit einer gut verheirateten Tante in Lenzburg - nie über Villmergen, wo sie aufgewachsen war, und das Freiamt hinausgekommen war, ihrer Tochter auf den Weg nach Paris schon mitgeben können? Die Bauersfrau, die acht Kinder auf die Welt gebracht hatte, vertraute ihrer Tochter und deren Verbundenheit mit den traditionellen Werten der Familie und der Kirche. „Wenn du etwas nicht verstehst, wende dich immer an Herrn Fischer. Fragen kostet nichts und ist keine Schande. Und in moralischen Fragen gehst du zu Pfarrer Anselm, wie es unser Pfarrer empfohlen hat. Du musst mir schreiben und berichten, so oft es geht. Dann kann ich das mit Vater und Pfarrer Hauser besprechen und dir, wenn nötig, Ratschläge geben. Und du musst mir schreiben, wie die Kaiserin ist. Ob sie wirklich so schön ist, wie im Bauernkalender steht. Und ob sie Strohhüte trägt, auf denen unsere Strohschnürli und Agréments eingearbeitet sind. Und was die Leute dort essen. Und wie die Stadt ist. Und schau, dass du auf der langen Reise auch immer wieder etwas Ordentliches isst. In Straßburg holt dich ein Pfarrer aus der Münster-Pfarrei am Bahnhof ab. Du übergibst ihm den Brief von Pfarrer Hauser. Er gibt dir Kost und Logis für eine Nacht und wird dich anderntags zur rechten Zeit auf den Zug bringen. Und im Zug nicht am Fenster sitzen. Es zieht und es ist jetzt kalt und der Rauch dringt überall ein. Halte immer ein Tuch vor Nase und Mund. Die Familie Fischer hat dir den Platz in den Kutschen und Zügen reserviert. Die Wohler Verwandte der Fischers in Paris gibt dir dann noch französisches Reisegeld und natürlich die Billette, wenn du in Wohlen in die Postkutsche nach Aarau steigst. Ach ja, und hier noch dein Reisepass. Das ist dein wichtigstes Dokument. Pass gut darauf auf.“ Mutter Wiederkehr redete pausenlos auf ihre Tochter ein....