Wissenschaftsgeschichte
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-8312-5606-8
Verlag: Komplett-Media
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Drei hochspannende Vorlesungen von Ernst Peter Fischer.
DIE UNBELEHRBARKEIT DES MENSCHEN
Die Evolution hat Menschen lernfähig gemacht. Aber können wir alles lernen? Wie können wir mit Katastrophen umgehen, die sich lautlos und langsam vor unseren Augen vollziehen (Wirtschaftswachstum, Klimaschutz)? Was tun wir, wenn die Rationalität versagt?
WISSEN UND GLAUBEN
Tatsächlich liegt die Kraft unserer Kultur im Wechselspiel von Wissen und Glauben, da beide für sich allein an den ihnen innewohnenden Paradoxien scheitern. Wissen ohne Glauben ist wertlos, Glauben ohne Wissen ist hilflos. Wissen und Glauben zusammen sind erregend und tragfähig.
DIE NACHTSEITE DER WISSENSCHAFT
Wissenschaft scheint rational und systematisch an ihr Ziel zu kommen. Aber das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Revolutionäre Neuerungen kommen nicht logisch zustande. Sie zeigen sich in den Forschern als Offenbarungen und lösen "heilige Rasereien" oder mystische Erfahrungen in ihnen aus.
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DIE UNBELEHRBARKEIT DES MENSCHEN
Evolutionäre Schranken im globalen Zeitalter Die Evolution hat Menschen lernfähig gemacht. Aber können wir alles lernen? Oder bleiben wir in Situationen unbelehrbar, auf die uns unsere Entwicklungsgeschichte nicht vorbereitet hat? Wir wissen, daß wir zu viele Menschen auf dem Planeten sind, und ändern doch nichts an unserem Kinderwunsch. Wie können wir mit Katastrophen umgehen, die sich lautlos und langsam vor unseren Augen vollziehen? Wie können wir lernen, auf kurzfristige Erfolge (Wirtschaftswachstum) zugunsten langfristiger Ziele (Klimaschutz) zu verzichten? Was tun wir, wenn die Rationalität versagt? Das 20. Jahrhundert hat in der Naturwissenschaft eine merkwürdige Entwicklung mit sich gebracht. Man hat ja nach dem erfolgreichen 19. Jahrhundert gedacht, dass im 20. Jahrhundert die Wissenschaft alles erfasst, alles ergreift und alles vollendet. Stattdessen hat man bemerkt, dass die wesentliche Vorsilbe des 20. Jahrhunderts die Vorsilbe ‚un‘ ist. Erst wurde eine Unstetigkeit in der Natur entdeckt, dann wurde eine Unbestimmtheit in der atomaren Wirklichkeit gefunden, dann wurde sogar eine Unentscheidbarkeit bei mathematischen Gesetzen entdeckt, dann wurde eine Ungenauigkeit in der Logik als grundlegend verstanden und dann ist sogar noch – das ist das Stichwort der Chaosforschung – eine Unvorhersagbarkeit in die ganze Natur hineingekommen. Ich möchte heute dieser Unsitte ein weiteres Beispiel hinzufügen. Ich möchte die Frage erörtern, ob trotz aller Wissenschaft, trotz aller Fähigkeit der menschlichen Gesellschaft, über Naturwissenschaft die Wirklichkeit oder das Natürliche kennen zu lernen, trotz unserer Fähigkeit, über die Dinge etwas zu lernen, nicht zum Schluss etwas übrig bleibt, was uns gefährdet. Das ist das, was ich die Unbelehrbarkeit des Menschen nenne. Es könnte sein, dass die Evolution uns nicht in die Lage versetzt, wirklich das zu lernen, was wir benötigen, um im globalen Maßstab überleben zu können. Insofern ist es eine spannende Frage, ob der Mensch trotz aller Lernfähigkeit im Hinblick auf seinen evolutionären Ursprung unbelehrbar bleibt. Die Überproduktion der Natur
Im Buch von Charles Darwin, über die Abstammung der Arten, ist vor allen Dingen eines auffällig, das Darwin auch als Erstes in seiner Theorie deutlich macht: Die Natur fällt dadurch auf, dass sie Überschuss produziert. Immer ist zu viel da. Denn, wenn die Natur nicht Überschuss und Übermengen produzieren würde, wäre ja auch jede Auswahl überflüssig. Wenn nur ein paar von uns hier herumlaufen würden, gäbe es keine Probleme. Das Problem gibt es dadurch, dass wir so viele sind und dass wir immer mehr werden, dass wir eine Überproduktion pflegen. Wir haben uns die Eigenschaft der Natur angewöhnt, einfach zu viel zu machen. Die Natur hat das Verfahren der Selektion eingeführt, um bei ihrer Wirkungsweise dafür zu sorgen, dass es nicht Übermengen werden, sondern dass nur die Angepassten, die sich an das Leben gewöhnt haben, übrig bleiben. Wir machen das dadurch, dass wir uns Ziele setzen, was ja in der Evolution nicht zu erkennen ist. Ganz wichtig: Wenn man den Gedanken der Evolution anschaut, dann offenbart sie kein Ziel. Was im Übrigen auch bedeutet, dass die Evolution keine perfekten Formen des Lebens hervorbringt, sondern immer wieder fehlerhafte. Die müssen sich natürlich in jeder Situation neu anpassen. Wir haben das ja vielleicht durch Lernfähigkeit kompensiert. Wir müssen nur schauen, wie weit diese Lernfähigkeit reicht, ob sie nicht irgendwann an ihre natürlichen Grenzen stößt. Durch ihre Evolution und dadurch, dass sie kein Ziel hat, hat die Natur natürlich auch nie etwas Fertiges. Alles, was da ist, wird sich weiterentwickeln. Es wird nicht zum Stillstand kommen. Wir versuchen, an diesem Prozess teilzuhaben, indem wir uns Ziele vorgeben und den Prozess selbst in die Hand nehmen. Gefährliches Ziel: Wachstum
Die Ziele haben wir bis jetzt nie diskutiert, sondern wir haben sie einfach nur hingenommen. Die Frage ist, ob diese Ziele tatsächlich leicht erreichbar sind. Bis jetzt hatten wir nämlich ein Ziel, das eigentlich gar keins ist. Dieses Ziel nannten wir Wachstum. Wir haben alle Neuerungen, alle Errungenschaften, alle Entwicklungen unter dieses Konzept des Wachstums gestellt. Das ökonomische Ziel, das wir vorgeben und das wir auch heute noch hören, lautet: Der Umsatz muss wachsen, der Gewinn muss wachsen, die Zahl der Autos muss wachsen, die Zahl der Produkte muss wachsen. Es muss alles wachsen, immer wieder wachsen. Wachstum ist der eigentliche Motor. Wachstum generiert Arbeitsplätze, Wachstum generiert Steuereinnahmen, Wachstum, Wachstum, Wachstum... Selbst eine doch physikalisch informierte und wissenschaftlich orientierte Bundeskanzlerin hatte es sich nicht nehmen lassen, einen Arbeitskreis ins Leben zu rufen, der ‚Innovation und Wachstum‘ hieß. Dabei wissen wir längst, dass uns Wachstum schaden kann. Wir können nicht weiter wachsen. Und selbst die alte Tante ‚FAZ’ hat in einem Artikel festgehalten, dass, wer heute noch Wachstum als Ziel vorgibt – als Wachstum der Wirtschaft, Wachstum der Umsätze – der müsste eigentlich als Selbstmordattentäter bezeichnet werden. Denn, wenn wir alle so weiter wachsen, wie wir das in den letzten 100 Jahren getan haben, dann ist der Planet „Erde“ in absehbarer Zeit restlos überfordert. Nachhaltigkeit
Jetzt stellt sich die Frage, ob wir ein neues Ziel formulieren können? Ein neues Ziel hat schon einen Namen bekommen: „Nachhaltigkeit“. Das ist ein Ausdruck, der aus dem Englischen kommt, ‚Sustainability’. Wir verstehen inzwischen, dass wir nachhaltig wirtschaften müssten. Der einfache Gedanke stammt aus dem 18. Jahrhundert. Schon damals sollte die Forstwirtschaft nachhaltig in dem Sinne wirtschaften, dass sie nicht mehr Bäume schlägt, als nachwachsen, sodass immer genügend Bäume da sind. Wie können wir aber Sustainability, die Nachhaltigkeit, erreichen? Passt das überhaupt zu unserer Natur? Unsere Natur ist evolutionärer Art. Nachhaltigkeit, die wir fordern, ist eine kulturelle Forderung. Die Frage ist, ob die Kultur, die wir fordern, mit unserer Natur verträglich ist. Darum wird es gehen. Das Problem der Nachhaltigkeit ist in aller Munde, wird in aller Öffentlichkeit diskutiert, aber zum Teil mit einer merkwürdigen Dummheit. Im März des Jahres 2009 gab es eine von vielen Konferenzen gegen den Klimawandel. Diesmal fand sie in Kopenhagen statt. In deren Verlauf hat einer der führenden Politiker Dänemarks gemeint, das wäre ja alles ganz toll, man müsste jetzt endlich etwas entschließen. Ich zitiere aus einem Zeitungsartikel vom März 2009: „Ich hoffe“, so der dänische Minister, „dass sich die ganze Welt zusammenschließt und eine Erwärmung unseres Planeten von maximal 2°C als Ziel beschließt.“ Überlegen Sie einmal, wie viel Unsinn in diesem Satz steckt. Als ob wir entscheiden könnten, wie sich der Planet aufheizt. Als ob es irgendwo eine Instanz gibt, die sozusagen 2°C festlegt. Außerdem wissen wir gar nicht, was eine Erwärmung von 2°C bedeutet. Wir haben überhaupt keine Ahnung. Aber wir formulieren das als Ziel und haben dadurch das Gefühl, dass wir etwas getan haben. Ich glaube, dass wir überhaupt nicht mit der richtigen Rationalität, mit dem richtigen Vermögen, die Entscheidungen zu treffen, ausgestattet sind. Wir behaupten nur, wir könnten das. Aber hat uns die Evolution an dieser Stelle nicht gewaltig im Stich gelassen? Können wir lernen, wie wir eigentlich mit den Problemen umgehen müssen, die auf uns zukommen? Egoismus und Altruismus
Wir müssen insgesamt verstehen, und das ist die große evolutionäre Aufgabe, wie das entsteht, was wir kooperative Sozialverbände nennen. Denn in dieser Form entscheiden wir. Der Einzelne entscheidet heute nichts mehr, wir entscheiden das in Staaten, in Institutionen. Das fängt natürlich evolutionär gesehen mit der Familie an. Und die große Frage, wie Familien entstanden sind, wie sich Sozialverbände kooperierender Art gebildet haben, ist immer noch spannend. Wie dabei moralische Verhaltensweisen entstehen – die Moral, die den Verband zusammenhält, die den Verband stark macht, um nach außen zu bestehen. Die grundlegende Idee, die die Evolutionsbiologie dabei vertritt, ist, dass der Einzelne sich bemühen sollte, egoistisch zu sein. Er muss sich selbst in seiner Gruppe um seine eigenen Vorteile bemühen. Er muss schauen, dass er sich durchsetzt, er muss schauen, dass er den großen Anteil bekommt und dass er oder sie sich möglichst vermehrt. Aber eine Gruppe ist nur dann erfolgreich, wenn es zusätzlich zu den Egoisten auch genügend Altruisten gibt, also solche, die sich für den Gesamtverband einsetzen, die eventuell ihre eigenen Ziele dem Gruppenziel unterordnen. Auf diese Weise wird eine Gruppe dann stark, wenn der egoistische Einzelne von altruistischen Anderen kooperiert wird. Die Frage ist nur, wer da wann welche Rolle übernehmen muss. Die spannende Frage ist, ob wir das heute in einer ganz neuen Gemeinschaft noch durchhalten können, diese beiden Pole des individuellen Egoismus und des kommunalen Altruismus, wo doch die ganze große Gemeinschaft das globale Dorf ist. Sind wir auf dieses globale Dorf vorbereitet? Wenn nicht, wie können wir uns in die Lage versetzen, die Probleme, die diese Globalisie-rung, diese Gesamtwelt mit sich bringt, in den Griff zu bekommen? Klar ist natürlich, dass Evolution Gruppenverbände...