E-Book, Deutsch, Band 03, 380 Seiten
Reihe: Immortal-Guardians-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9324-6
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Dianne Duvall hat Englisch studiert und arbeitet in der Filmindustrie. Bereits mit ihrem ersten Roman "Immortal Guardians - Düstere Zeichen" gewann sie den Nachwuchswettbewerb der Romance Writers of America und landete einen Bestseller in den USA.
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1
Wut stieg in Bastien hoch, und der Drang zuzuschlagen wurde fast übermächtig. Fühlten sich die Vampire genauso, wenn das Virus ihre Gehirne zerfraß und ihre Impulskontrolle auslöschte? Denn in diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als dem Unsterblichen, der sich neben ihm auf dem Dach lümmelte, die Faust ins Gesicht zu rammen. »Ist dir eigentlich bewusst, wie dämlich du grinst?«, brummte Bastien, ohne die betrunkenen Studenten aus den Augen zu lassen, die mit unsicheren Schritten auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Verbindungshaus hin- und herstolperten. »Du kannst mich mal«, erwiderte Richart, während er ungerührt weiter eine SMS in sein Handy hämmerte. Bastien seufzte. Nicht mal für eine ordentliche Prügelei war dieser Trottel gut. Seit Stunden versuchte er vergeblich, den anderen Unsterblichen zu provozieren, um seinem Frust darüber Luft zu machen, dass Seth ihm einen Begleiter aufgezwungen hatte. Einen Babysitter. Einen Aufpasser. »Verdammte Unsterbliche«, knurrte er. Sie wollten ihn tot sehen, nur weil er vor fast zwei Jahrhunderten einen der ihren getötet hatte. Hm – alle außer einem, wie es aussah. »Du bist doch selbst ein Unsterblicher, du Blödmann«, bemerkte der Franzose. Machmal vermisste Bastien die Gesellschaft der Vampire. Plötzlich erhaschte er aus dem Augenwinkel ein paar Schatten, die sich nördlich vom Verbindungshaus regten. Wenn man vom Teufel sprach … Bastien beobachtete zwei augenscheinlich betrunkene junge Pärchen dabei, wie sie erst die Verandatreppe hinunterstolperten und dann den Bürgersteig entlangschwankten. Pulsierende Musik drang durch die geschlossenen Fenster und dröhnte ihm in den Ohren, während dunkle Silhouetten hinter den Vorhängen vorbeiwirbelten. Das Quartett stritt sich lallend darüber, welchen Weg es zurück zum Studentenwohnheim einschlagen sollte, einigte sich schließlich und ging los, ohne die dunklen Schatten zu bemerken, die jede ihrer Bewegungen verfolgten. Bastien öffnete den Mund, um Richart zu warnen, schloss ihn jedoch wieder, als er feststellte, dass dieser sein Handy bereits in die Gesäßtasche schob. Sie erhoben sich. Als Richart die Hand ausstreckte, um sie auf Bastiens Schulter zu legen, entzog der sich seiner Berührung und machte einen Schritt nach vorn ins Leere. Er fiel drei Stockwerke nach unten und landete fast lautlos auf dem Bürgersteig direkt vor dem Gebäude. Eine Sekunde später tauchte Richart aus dem Nichts neben ihm auf. »Du riskierst es, gesehen zu werden, wenn du das tust«, kommentierte der Franzose vorsichtig, während sie sich den Menschen und ihren Vampirschatten an die Fersen hefteten. »Ach, und beim Teleportieren ist das nicht der Fall?« Richart zuckte mit den Achseln. »Wenn sie mich sehen, dann glauben sie, dass ihre Fantasie ihnen einen Streich spielt, dass ihre Augen sie täuschen oder es am Licht liegt. Wenn sie dich sehen, denken sie, du bist ein Springer, wie aus diesem Film Jumper. Oder irgendein Student, der sich den Verstand weggesoffen hat und vorbeigekommen ist, um zu sehen, was los ist.« Richtig. Davon abgesehen war diese Diskussion ohnehin überflüssig – kein Mensch hätte sie in der Dunkelheit sehen können. Da sich der Himmel bei Sonnenuntergang zugezogen hatte, wurde der Mond von dichten Wolken verdeckt. Und die Straßenlaternen waren allesamt kaputt – entweder die Vampire hatten sie zerstört, um ungestört ihren Opfern nachzustellen, oder ein paar gelangweilte Studenten hatten sich daran zu schaffen gemacht. Bastien spitzte die Ohren, wobei er die dümmlichen Gespräche des Quartetts, den dröhnenden Bass der Verbindungsparty und das Rumpeln vorbeifahrender Autos ausblendete und sich auf das konzentrierte, was die Vampire sagten, unhörbar für menschliche Ohren. Ihr Plan schien darin zu bestehen, die beiden Männer vor den Augen der Frauen auszusaugen und zu zerstückeln und anschließend die beiden weiblichen Opfer zu quälen. Wahrscheinlich würden sie sie als Spielzeug behalten, von ihnen trinken und so lange mit ihnen Spielchen treiben, bis sie ihrer überdrüssig wurden und sich neue Opfer suchten. Als sich die Männer mit ein paar feuchten Küssen und etwas Gefummel von den beiden Frauen verabschiedeten und den Bürgersteig hinunterstolperten, wurde der Plan umgeschmissen. Die Studentinnen gingen taumelnd in die entgegengesetzte Richtung, wobei ihre Absätze auf dem Gehsteig klackerten. Nach kurzem Zögern folgten die Vampire den beiden Frauen. Bastien sah Richart an. »Willst du Beavis oder Butthead?« Richart deutete mit dem Kinn auf den blonden Vampir. »Ich nehme Beavis.« Während sie über das Campusgelände gingen, passierten die Frauen immer wieder die Lichtkegel der Laternen, um schließlich in die Schatten uralter Eichen einzutauchen. Inzwischen steuerten sie auf den hell erleuchteten Eingang des Studentenwohnheims zu. Die Vampire pirschten sich von hinten an sie heran. Richart berührte Bastien an der Schulter. Die Welt um ihn herum versank in Dunkelheit. Er fühlte sich schwerelos, beinahe, als führe er in einem Fahrstuhl. Im nächsten Moment stand er direkt neben den Vampiren. Bastien bedachte Richart mit einem verärgerten Blick. Auch wenn er keine so heftige Abneigung gegen das Teleportieren hatte wie so manch anderer Unsterblicher, hätte er eine Vorwarnung zu schätzen gewusst. In diesem Moment sausten zwei Gestalten um die Gebäudeecke, schnappten sich die beiden Frauen und verschwanden wieder. Sie bewegten sich so schnell, dass sie zu Farbklecksen verschwammen. »Was zum Henker?«, platzte der Dunkelhaarige heraus, den Bastien Butthead getauft hatte. »Hey, die gehören uns!«, rief Beavis. Bastien sah Richart an, dessen Augen vor Wut bernsteinfarben leuchteten. »Ich kümmere mich um die Neuankömmlinge.« Beavis und Butthead wirbelten herum. Richart nickte. »Und ich sehe zu, dass ich die beiden Idioten hier loswerde.« Als die Vampire ihre Reißzähne ausfuhren, fingen ihre Augen an, durchdringend zu glühen. Bastien jagte den beiden Neuankömmlingen und ihren Opfern nach, wobei er sich so schnell bewegte, dass ein Mensch seinen Bewegungen mit bloßem Auge nicht hätte folgen können. Er verfolgte die Vampire von Chapel Hill in das benachbarte Durham, wobei die beiden Haken schlugen wie Hasen auf der Flucht. Die Jagd erforderte seine ganze Aufmerksamkeit. Wussten die beiden vorwitzigen Blutsauger, dass sie von einem Unsterblichen gejagt wurden? Oder wollten sie einfach nur die Konfrontation mit ein paar aufgebrachten Vampiren vermeiden, denen sie zwei Studentinnen vor der Nase weggeschnappt hatten? In der verlassenen Ladezone hinter einem der Gebäude, die zur Duke University gehörten, blieben sie endlich stehen. Jeder der Blutsauger hielt eine Frau fest. Die Studentinnen gaben keinen Laut von sich. Als Bastien nur wenige Zentimeter entfernt abbremste, konnte er Bissspuren an den Hälsen der beiden Frauen erkennen. Ihre Herzen schlugen noch, sie waren also noch nicht vollständig ausgesaugt. Aber die Drüsen, die sich während der Transformation über den Reißzähnen der Vampire bildeten, hatten bereits die Flüssigkeit abgesondert, die eine ähnliche Wirkung hatte wie Gamma-Hydroxybutansäure – was dazu führte, dass die beiden Frauen willenlos in den Armen der Vampire hingen, bereit, alles zu tun, was diese von ihnen verlangten. Falls sie den nächsten Tag erlebten, würden sie sich an nichts mehr erinnern. Der Vampir, der Bastien am nächsten stand, zuckte heftig zusammen, als er ihn bemerkte. Er ließ sein Opfer fallen. »Wir haben sie zuerst gesehen.« Indem er die Frau an der Bluse packte, verhinderte Bastien, dass sie zu Boden ging, dann rammte er dem Vampir die Faust ins Gesicht. Blut spritzte ihm entgegen, gleichzeitig erklang das Geräusch splitternder Knochen. Der Vampir flog nach hinten und krachte mit so viel Wucht gegen das Gebäude, dass der Backstein barst und Sand und Mörtel herunterrieselten. Vorsichtig ließ Bastien die Studentin zu Boden gleiten und stürzte sich auf den Kumpan des Vampirs, der verblüfft zugesehen hatte. Offenbar hielt er sich für besonders schlau: Er schlang den Arm fester um sein Opfer, um es als Schutzschild zu benutzen … Zumindest bis zu der Sekunde, in der Bastien ihm besagten Arm brach und den schreienden Vampir durch die Luft schleuderte, sodass die Backsteinwand um ein paar Risse reicher wurde. Bastien legte die Studentin neben ihrer Freundin ab und machte sich bereit zum Kampf, wobei er darauf achtete, möglichst viel Abstand zu den Frauen zu halten. Die Blutsauger griffen nach ihren Waffen: Jagdmesser mit gezackten Klingen und Bowiemesser, die so lang waren wie Bastiens Unterarm. Bastien zog seine Katanas und trat ihnen sorglos entgegen. Er war vor zwei Jahrhunderten geboren worden und hatte auf Wunsch seines Vaters, eines englischen Adligen, mit einem Meister des Schwertkampfs trainiert. Und selbst wenn das nicht ausgereicht hätte – die Tatsache, dass er beinahe zwei Jahre mit Seth und David trainiert hatte, den beiden ältesten und mächtigsten Unsterblichen auf der Erde, tat ihr Übriges. Der blonde Blutsauger fluchte, ein ängstlicher Ausdruck trat in seine leuchtenden blauen Augen. »Das ist ein Unsterblicher Wächter!« Einen Moment lang dachte Bastien, dass der andere die Beine in die Hand nehmen und abhauen würde. Aber dann stürzte sich sein Kumpan mit einem Wutschrei in den...