Zwischenrufe aus der letzten Reihe
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8376-4
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PROLOG: In der letzten Reihe Ich war zur Zweihundertjahrfeier der Humboldt- Universität zu Berlin eingeladen und hatte zugesagt. Am Eingang fragte ich die Hostess nach meinem Sitzplatz. »Nur in den beiden ersten Reihen gibt es namentlich gekennzeichnete Plätze. Ihren Namen sehe ich nicht auf meiner Liste.« Ich war irritiert. Früher hatte ich immer in der ersten Reihe gesessen. »Im Saal können Sie Platz nehmen, wo Sie wollen«, sagte sie freundlich. Der Saal war schon ziemlich voll. Ich fand einen Platz in der letzten Reihe. Die Veranstaltung war nach dem üblichen Muster gestrickt. Erst gab es ein Musikstück, dann eine Begrüßung, schließlich Reden. Die Reden führten aus, was man schon wusste oder doch zumindest hätte wissen sollen. Ehrwürdiges Gedenken, dann Lob und Dank für zahlreiche Menschen, von denen einige schon tot waren, andere noch lebten und manche sogar im Saal saßen. Es war ziemlich langweilig, fand ich in meiner letzten Reihe. Ich hatte viele Reden dieser Art gehört. Aber in der ersten Reihe war das etwas anderes. Da saß man neben jemandem, der wichtig war, wurde manchmal sogar mit dem Namen begrüßt und fotografiert und hatte während der Reden Zeit, sich zu überlegen, was man mit der Person, neben der man saß, beim anschließenden Empfang besprechen könnte. Doch in der letzten Reihe entfiel das naturgemäß. Da ich den Reden schon rein akustisch nur schwer folgen konnte und mir das wenige, was ich aufgeschnappt hatte, nicht sehr bedeutend erschien, beschäftigte ich mich mit meiner Situation. So ist es also, wenn man alt wird. Man sitzt in der letzten Reihe und stellt sich die Frage »Alter Mann, was nun?«. Es gibt ja immer noch einiges zu tun, nicht mehr so viel wie früher. Und auch aus der letzten Reihe kann man sich schließlich zu Wort melden. Das reicht doch eigentlich. Einige Zeit später war mein 85. Geburtstag. Große Veranstaltung, viele Freunde, Bekannte, Wegbegleiter, es hatte Reden gegeben. Darüber, was ich alles gemacht habe, was für ein toller Mensch und Unternehmer ich sei, wie man sich kennengelernt hatte. Manches klang fast wie ein Nachruf. Danach saßen meine Frau Heide und ich noch im Garten, lauer Sommerabend, ein Glas Rotwein brachte Nachdenklichkeit. »Schönes Fest.« Ich prostete Heide zu. »Was die guten Leute alles über mich erzählt haben. Und was mache ich jetzt?« Heide schaute mich leicht schmunzelnd an: »Ein alter Mann muss mit der Zeit gehen, sonst wird er ein alter Sack.« Das war zugegebenermaßen etwas drastisch. Aber es entsprach ihrer Art. Und recht hatte sie. Wir hatten viel miteinander erlebt. Ich habe es sogar aufgeschrieben. In zwei Büchern: »In der ersten Reihe«1, quasi eine Autobiografie bis zu meinem 50. Lebensjahr, und »Über das Alter«2, mein Gespräch mit Cato dem Älteren. Hier lautet die Widmung: Für meine Frau Heide, die mit mir alt geworden ist und mich immer daran gehindert hat, alt zu sein. Ich hätte auch schreiben können: Sie war immer eine Stütze für mich, mit ihr konnte ich über alles reden. Dass ich viel unterwegs und mit meiner Karriere beschäftigt war, störte sie nicht. Ein paar Jahre bleiben mir noch. Also muss ich, wie Heide sagt, mit der Zeit gehen. In diesem Sinne möchte ich mein Leben zu einem guten Ende bringen und meinen Nachkommen etwas Vernünftiges, Greifbares hinterlassen. Darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Aber seit März 2020 ist alles anders: Die Corona-Krise hat unsere Welt verändert. Ich sitze zu Hause in Quarantäne, kann nicht mehr ins Büro gehen oder meine Freunde besuchen. Die Kommunikation findet ausschließlich digital statt. Vor diesem Ereignis ging es nur um die Frage: Was habe ich von der Zeit, die mir bleibt, noch zu erwarten? Das wollte ich aufschreiben und aus der Sicht des 87-Jährigen kommentieren. Die Themen, mit denen ich mich vor der Krise beschäftigte, sind die gleichen geblieben. Ich schildere einiges aus meinem Leben, was mich geprägt hat, und gebe meinen Kommentar aus heutiger Sicht dazu. Und ich wende mich, gestützt auf meine Erfahrungen, den aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in der Politik zu. Wie verändern die Digitalisierung, das Internet, die Künstliche Intelligenz unsere Welt? Was ist aus dem Ehrbaren Kaufmann geworden? Was passiert in der Finanzwelt? Was bedeutet der Klimawandel für die Gesellschaft und für unser Verhalten? Und jetzt die Corona-Krise. Wie lange wird sie dauern? Verändert sich dadurch, was mir in meinen alten Tagen zu tun bleibt? Wird die Welt danach eine andere sein, wie Bundespräsident Steinmeier meint? Was ist das für eine Krise? Ich habe in meinen 87 Jahren viele Krisen erlebt. Aber sie waren alle von Menschen gemacht, sie wurden von Menschen aus dem bestehenden System heraus geschaffen. Es gab Schuldige, und man fand Mittel und Wege, ihnen zu begegnen. Die Corona-Krise ist eine Krise, die von außen kommt, von der Natur geschaffen, Menschen sind an ihrer Entstehung nicht beteiligt, zumindest nicht vorsätzlich. Erst bei der Bekämpfung der Seuche tritt der Mensch in Erscheinung. Am Anfang weiß er nicht, worum es sich handelt, nur dass es sehr gefährlich, ja tödlich sein kann. Das war bei der Pest so, bei der Spanischen Grippe, bei Ebola und beim Humanen Immundefizienz-Virus, kurz HIV. So ein Virus entsteht in der Natur, deren Teil wir Menschen sind, wenn man die Welt als einen lebendigen Organismus definiert. Das Coronavirus (SARS-CoV-2) ist Teil dieses Organismus. Woher das Virus kommt, wissen wir nicht, nur dass es durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Das Virus ist für den Menschen unsichtbar. Goethe sagt: »Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren.« Meinen deshalb Gläubige wie der Weihbischof von Chur, Corona sei eine Strafe Gottes? Ist Corona der »Schwarze Schwan«, also ein Ereignis, das extrem selten, extrem wirkungsmächtig und erst hinterher erklärbar ist, wie es der Philosoph Nassim Taleb in seinem gleichnamigen Buch definiert hat?3 Eigentlich nicht, denn eine Risikoanalyse der Bundesregierung hat bereits 2012 einen Bericht vorgelegt, der »eine Pandemie mit einem Virus Modi-SARS« beschreibt. Auch Bill Gates hat 2015 von einer Virusepidemie gesprochen und gemeint: »Wir sind nicht darauf vorbereitet.« Man hätte also einiges wissen können, hat aber offensichtlich nicht hingeschaut. Hat Minister Spahn den Bericht seiner Behörde nicht gelesen? Im Fernsehen sagte er dann: »Wir haben Pandemie-Pläne, aber wir üben sie zu selten.« Nach der Krise will er das anders handhaben, nämlich mit einer »Verpflichtung, solche Pläne zu üben« sowie einer »Verpflichtung, Vorräte zu haben für solche Lagen«. Bei manchen führenden Politikern ist jetzt viel von »Krieg« die Rede. Der französische Präsident Macron spricht in einer Rede sechsmal davon, der Staatspräsident Xi redet von »Volkskrieg«, und Donald Trump sieht sich als »Wartime President«. Nur der deutsche Bundespräsident distanziert sich und meint, die Pandemie sei kein Krieg, denn keine einzige Nation kämpfe gegen eine andere. Corona sei eine gemeinsame Herausforderung, die nach Solidarität unter den Nationen verlange. Jetzt gibt es viele Experten, die ihre Meinung zur Corona-Krise verkünden, Virologen, Epidemiologen, Immunologen, Soziologen und Philosophen. Besonders gefragt sind die Virologen. Die Neue Zürcher Zeitung spricht sogar von »der Stunde der Starvirologen«. Ein Beispiel dafür ist Christian Drosten von der Charité, gefragt in vielen Talkshows und Podcasts. Und was sagt er zum Thema Masken? Einmal postet er eine Anleitung zum Selbstbau, kurz vorher erklärte er, das Tragen einer Maske sei für den Normalbürger unnötig, denn wissenschaftlich sei nicht erwiesen, dass sie irgendeinen Nutzen hat oder Schutz bietet. Auch andere Virologen ändern ihre Meinung oder gelangen zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Verständlich, denn man weiß einfach zu wenig über Covid-19. Aber die Politik muss Entscheidungen treffen, und deshalb lässt sie sich beraten, wohl wissend, dass der Rat auf unsicheren Fakten beruht. Ich frage bei der Firma Dürr nach, wie man dort handelt. »Wir arbeiten fast normal, natürlich unter Berücksichtigung strengster Hygienevorschriften.« Das beruhigt mich einigermaßen. Ich halte es mit Steven Pinker, Professor für Psychologie an der Harvard Universität, der auf die Frage eines Journalisten nach den langfristigen gesellschaftlichen und politischen Folgen der Pandemie antwortete: »Darauf habe ich eine klare Antwort: Das meiste, was nun gesagt und geschrieben wird, wird sich als falsch herausstellen.« Der Mensch wird die Seuche bekämpfen, sie in den Griff bekommen, wie es salopp heißt. Wie viel der Staat und wie viel die Wissenschaft dazu beitragen, wird sich herausstellen. In vielen Ländern wurde das gesellschaftliche Leben auf null heruntergefahren, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Wie lang halten die Menschen einen solchen Stillstand aus? Ihre Bedürfnisse sind doch die gleichen wie vorher. Sie wollen essen, ein Dach über dem Kopf haben, viele wollen reich werden, alle wollen sich räumlich bewegen, Spaß haben und mit anderen Menschen zusammen sein. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen, oder wie die Heilige Schrift sagt: »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.« Man kann sich nur fragen, ob sich die Prioritäten der Menschen durch die jetzige Krise verschieben. Temporär kann das schon der Fall sein, aber die menschliche Grundkonstruktion bleibt erhalten. Das Leben geht weiter und die Wirtschaft auch....