Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-451-82573-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Auswahl dieser und weiterer Texte hat Esther Dischereit in Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren zusammengestellt. Daraus entsteht eine beeindruckende Dokumentation des Anschlags mit besonderem Augenmerk auf die juristische und öffentliche Verarbeitung sowie das Erleben der Betroffenen.
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1.9.2020
Aus Zeugenaussage von Rabbiner Jeremy Borovitz
Ich glaube auch weiterhin an jüdisches Leben in diesem Land
8. Hauptverhandlungstag am 1. September 2020 Zeugenvernehmung von Nebenkläger und Rabbiner Jeremy Appelbaum Borovitz1 [Die Vorsitzende begrüßt den Zeugen Rabbiner Jeremy Borovitz und belehrt ihn im Hinblick auf seine Wahrheitspflicht. Der Zeuge Rabbiner Jeremy Borovitz spricht Englisch, weshalb ihm die Fragen von einer Dolmetscherin ins Englische übersetzt werden. Seine Antworten werden ins Deutsche übersetzt.] Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Wie lauten Ihre Personalien. Ihr Vorname? Hier steht Jeremy Appelbaum? Ist das ein Doppelname? Rabbiner Borovitz: Appelbaum ist der Name meiner Mutter und sie ist Feministin. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Wie soll ich Sie ansprechen? Rabbiner Jeremy Borovitz: Normalerweise bin ich ganz zufrieden, wenn ich Jeremy oder Mr. Borovitz genannt werde, aber angesichts der Umstände wäre Rabbiner Borovitz angemessen. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Nimmt man da Herr davor? Rabbiner Jeremy Borovitz: [Auf Deutsch] Rabbiner Borovitz ist perfekt. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Sie sind über Ihre Anwältin zu laden? Rabbiner Jeremy Borovitz: Ja. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Wie alt sind Sie? Rabbiner Jeremy Borovitz: [Auf Deutsch] 33. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Welchen Beruf haben Sie? Rabbiner Jeremy Borovitz: Ich bin Rabbiner. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Sind Sie mit dem Angeklagten verwandt oder verschwägert? Rabbiner Jeremy Borovitz: Ich glaube nicht. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Berichten Sie uns doch bitte über Ihre Erinnerungen und Ihre Eindrücke vom 9. Oktober! Rabbiner Jeremy Borovitz: Meine Frau und ich sind in einem Projekt namens „Base Berlin“. Meine Frau ist auch Rabbinerin, sie ist für die nächste Woche geladen. Jom Kippur ist der höchste Feiertag im Judentum. Sie haben vorher gesagt, dass Sie Katholikin sind. Jom Kippur ist so etwas wie Ostern oder Weihnachten bei Ihnen, da sind die Kirchen auch etwas voller. Und so ist es auch an Jom Kippur, da sind die Synagogen immer voll. Wir dachten uns, anstelle jetzt in einer überfüllten Gemeinde in Berlin zu feiern, können wir ein wenig nach außerhalb fahren und so auch ein bisschen Energie in die Gemeinde hineintragen. Wir haben beschlossen, nach Halle zu kommen aufgrund einer Verbindung, die wir zu dem Kantor R. der Gemeinde in Halle haben, der hoffentlich auch bald gehört wird. Der lokale Rabbiner und der Gemeindevorsteher waren von der Idee begeistert. Wir sind mit einer Gruppe von ca. 20 Leuten aus Berlin gekommen. Ich möchte noch hinzufügen, dass Jom Kippur mein Lieblingsfeiertag ist und nicht nur das, er ist auch mein liebster Tag des ganzen Jahres. Es ist ein machtvoller Tag des Denkens, Gebets, Innehaltens. Ich habe mich sehr auf diesen Tag gefreut. Wir sind in Halle am 8. Oktober angekommen. Wir haben ein Auto gemietet und haben viel koscheres Essen mitgebracht. Es ist so, dass Jom Kippur 25 bzw. 26 Stunden Fasten bedeutet. Wir haben das Essen mitgebracht, um am Ende das Fasten zu brechen. Ich bin mit zwei Freunden, meiner Frau und meiner Tochter gefahren. Auch meine Frau und meine Tochter waren im Auto. Alles ging gut am Anfang. Wir wurden herzlich aufgenommen von der lokalen Gemeinde. Wir hatten eine sehr positive Erfahrung. Am nächsten Morgen begann der Gottesdienst recht früh. Einige Personen haben schon vor dem Gottesdienst an einer Meditation teilgenommen. Ich weiß nicht mehr die genaue Zeit, wann der Gottesdienst am nächsten Morgen begann, es war aber sehr früh. Vorsitzende Richterin Ursula Mertens: Sie hatten gerade auch angedeutet, dass Sie uns auch noch einmal einen kurzen Abriss über den Feiertag Jom Kippur geben könnten, damit wir nachvollziehen können, warum das so ein besonderer Feiertag ist. Rabbiner Jeremy Borovitz: Jom Kippur ist das Ende eines zehntägigen Zeitraums der Buße und der Reue. Dieser Zeitraum beginnt mit dem jüdischen Neujahr – also Rosch ha-Schana – und nach der jüdischen Tradition endet diese Zehntagesfrist mit der Entscheidung Gottes über das Schicksal im nächsten Jahr. In einem Teil der jüdischen Literatur wird geschrieben, dass das Schicksal an Rosch ha-Schana in das Buch des Lebens geschrieben wird und an Jom Kippur wird es besiegelt. In vielerlei Weise ist Jom Kippur auch ein wichtiger Meilenstein für das kommende Jahr. Die Emotionen, die man an diesem Tag hat, trägt man in das nächste Jahr hinein. Ein Großteil der Liturgie bezieht sich auch auf das zukünftige Leben. Für mich persönlich gesprochen, werde ich diese Liturgie in Zukunft anders wahrnehmen als bisher. Jom Kippur ist auch eine Zeit des Nachdenkens über das vergangene Jahr, des In-sich-Gehens und der Planung in die Zukunft. Frage von Richter Becker: Ich kenne das von Shabbat, dass der schon am Vorabend losgeht. Ist das auch hier so? Rabbiner Jeremy Borovitz: Ja, das ist korrekt. In der jüdischen Kultur beginnt der Tag immer am Vorabend. Das steht im ersten Buch Genesis. Da ist der Abend vor dem Tag erwähnt, sodass der neue Tag immer mit dem Sonnenuntergang beginnt, so steht es im Buch. Es war dann so, dass wir am 8. Oktober die letzte Mahlzeit so zwischen 16 und 17 Uhr eingenommen haben. Wir haben dann gefastet bis zum Ende des nächsten Tages. Jom Kippur beginnt mit einem speziellen Gebet, das an diesem Tag von dem Kantor wunderbar gesungen worden ist. Im Prinzip geht es darum, dass die Vergangenheit vergangen ist und die Zukunft beginnt. Am nächsten Morgen war es dann so, dass gegen 7:30 Uhr unsere Babysitterin aus Berlin eingetroffen ist. Es ist so, dass unser Kind 15 Monate alt ist und es ständige Aufmerksamkeit braucht. An dieser Stelle möchte ich auch anmerken, dass wir vor Beginn des Feiertags unsere Telefone abgeschaltet und unser Geld auch nicht mitgenommen haben. Meine Frau, meine Tochter und ich sind in der Synagoge geblieben und haben dort übernachtet. Der Hintergrund waren religiösen Vorschriften im Zusammenhang mit dem Feiertag und der Umstand, dass unsere Tochter eingeschlafen ist. Die Babysitterin kam um 10:30 Uhr. Ich hatte dem Wachmann gesagt, dass sie kommt. Unsere Tochter wurde von der Babysitterin dann mit nach draußen genommen und der Wachmann hat die Tür verschlossen. Der Tag Jom Kippur ist unterteilt in vier Gottesdienste, das Morgengebet (Schacharit) und ein zusätzliches Gebet (Mussaf). Das dauert etwa fünf bis sechs Stunden. Dann folgt eine Pause, es kommt das Nachmittagsgebet (Minchah) und anschließend das Abendgebet (Neilah), was nur an dem Tag gesprochen wird. Zwischen dem Morgengebet und dem Zusatzgebet wird aus den Thorarollen vorgelesen. Diese Thoralesungen setzen sich aus sechs Teilen zusammen. Wir waren in der Mitte des dritten Teils angelangt, als es Aufruhr um die Sicherheitskameras gab. Zu diesem Zeitpunkt haben wir auch die Explosionen draußen wahrgenommen. Ich war nicht nah genug am Bildschirm. Ich kann wenig dazu sagen, was da auf dem Bildschirm zu sehen war und was passierte, aber das Gericht hat viele Zeugen, die sicherlich dazu Aussagen machen können. Es gab viele Gespräche auf Russisch – ich verstehe die Sprache – darüber, was auf dem Bildschirm zu sehen ist. Danach hörte man so ein leichtes Ploppgeräusch, so einen Knall. Und dann sagte der Kantor, alle sollten runtergehen und diejenigen, die im oberen Bereich waren wie Frau B., sollten im hinteren Bereich bleiben. Wir gingen alle in den hinteren Bereich, eine Gruppe von Männern hat die Türen verbarrikadiert. Ich muss wirklich sagen, die sind sehr heldenhaft gewesen, sie haben sich sehr eingesetzt. Ich bin dem Kantor dankbar und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Halle für ihren Einsatz. Während der Zeit, als dann alle versuchten, sich oben in Sicherheit zu bringen, habe ich versucht, ein wenig zu beruhigen. Und habe dann auch ein bisschen zwischen oben und unten gewechselt, um zu verstehen, was vor sich ging. Ich muss sagen, ich habe in den letzten Monaten viel über Traumata gelesen. Ich erinnere mich an die Ereignisse noch ganz klar. Aber in dem Moment konnte ich nicht verstehen, was da passierte und was geschah. Es war eine Art Zwischenwelt, es passte tatsächlich zu diesem Feiertag. Auf der einen Seite waren wir diesem Risiko ausgesetzt, auf der anderen Seite haben wir es geschafft, Ruhe zu bewahren. Wie in einer Art Zwischenwelt. Und dann gab es so einen bestimmten Zeitpunkt, ich glaube, es war der Gemeindevorsteher, der gemeint hat, dass die Polizei jetzt da ist. Ich weiß auch, dass man den genauen Zeitpunkt sicher anhand der Unterlagen nachvollziehen kann. Für mich hat es sich aber als sehr lange angefühlt. Ich bin dann hoch zu den anderen und habe mitgeteilt, dass die Polizei da ist. Nachdem die Polizei gekommen war und auch auf das Insistieren des Kantors hin haben wir den Gottesdienst genau an der Stelle fortgesetzt, an der wir unterbrochen wurden, nämlich an der dritten Stelle der Thora. Ich muss sagen, es war wirklich die stärkste Erfahrung, die ich je hatte während eines Gebets. Ich muss dem Kantor dafür sehr danken. Wir haben das zusätzliche Gebet etwas später abgeschlossen, ca. eine Stunde später. Zu diesem Zeitpunkt wurden wir informiert, dass wir gleich evakuiert werden würden. Ich sollte noch hinzufügen, dass wir, nachdem die Polizei angekommen war, erst einmal geschaut haben, wo alle Mitglieder unserer Gemeinde waren, und wir haben festgestellt, dass zwei Personen aus der Gruppe fehlten. Auch haben wir uns Sorgen gemacht, wo unsere Babysitterin ist, da sie mit unserer Tochter in der Stadt war. Dann habe ich etwas getan, was ich mein ganzes Leben lang noch...