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E-Book, Deutsch, Band 6582, 188 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Croitoru Die Hisbollah

Irans Schattenarmee vor den Toren Israels

E-Book, Deutsch, Band 6582, 188 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-82910-9
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die vom Iran hochgerüstete «Partei Gottes» ist im Libanon fast unbemerkt zu einem politischen, sozialen und militärischen Machtfaktor angewachsen, der die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten verschiebt und Israel ernsthaft bedroht. Der bekannte Nahost-Experte Joseph Croitoru beschreibt in dieser ersten Gesamtdarstellung der Hisbollah, wie der Iran seit den 1980er Jahren diesen Stützpunkt auf der «Achse des Widerstands» ausgebaut hat und warum der Konflikt mit Israel seit dem 7. Oktober 2023 immer weiter eskaliert.
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2. Die Schiiten des Libanon
Selbstbewusstsein und panarabische Solidarität Die Schiiten bilden nach den Sunniten, wenn auch nur mit rund 10 Prozent, die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft im Islam. Ihr Ursprung wurzelt im Streit um die Nachfolge des Propheten Muhammad. Obwohl sein Vetter und Schwiegersohn Ali als die rechte Hand des islamischen Religionsstifters galt, wurde nach dessen Tod nicht Ali zum Kalifen (arabisch: Nachfolger) ernannt, sondern ein anderer Vertrauter des Propheten, sein Schwiegervater Abu Bakr. Anders als Ali, der zu Muhammads ersten Anhängern gehörte, stammte Abu Bakr aus dem mekkanischen Umayya-Clan, der den Islam ursprünglich abgelehnt hatte. Als er starb, folgte auf ihn Umar, den Abu Bakr als Nachfolger bestimmt haben soll. Nach dem Ableben Umars kam es in der islamischen Gemeinde zur Spaltung, als die von Ali repräsentierten Muslime der ersten Stunde sich weigerten, die Wahl des ebenfalls dem Umayya-Clan angehörenden Uthman zum neuen Kalifen anzuerkennen. Im Zuge der anschließenden Auseinandersetzungen wurde nach der Ermordung Uthmans (656) Ali zum vierten Kalifen bestimmt. Seine nur fünf Jahre währende Herrschaft, die er von der Stadt Kufa am Euphrat aus über die muslimische Gemeinde ausübte, war umstritten und von gewalttätigen Konflikten mit dem Lager seines Gegenspielers Muawiya geprägt. Der mächtige Statthalter der Provinz Syrien, der von Damaskus aus den Herrschaftsanspruch der Umayya-Familie erhob, ließ sich 660 in Jerusalem als Kalif huldigen. Als Ali im Jahr darauf in Kufa ermordet wurde und dessen Anhänger seinen ältesten Sohn Hasan zum Kalifen ausriefen, marschierte Muawiya mit seinen Truppen in den Irak ein und konnte Hasan schließlich zum Verzicht auf das Amt bewegen. Hasan erklärte sich auch nach Muawiyas Tod 680 damit einverstanden, dass dessen Sohn Yazid das Kalifat für sich beanspruchte. Der alte Streit schien damit beigelegt. Doch war eine kleine Gruppe von Alis Anhängerschaft nicht bereit, Yazids Herrschaft anzuerkennen. Von ihr ermuntert, machte sich Alis zweiter Sohn Husein mit einer kleinen Schar von Getreuen auf den Weg von Medina nach Kufa, um dort das Kalifat zu übernehmen. Das Unterfangen fand jedoch ein jähes Ende, als Husein und seine Gefährten von Yazids übermächtigen Truppen in der Schlacht von Kerbela im Zentralirak vernichtend geschlagen wurden.[1] Da die Schiiten – Schia bedeutet Partei und steht für die Partei Alis – auch den nachfolgenden sunnitischen Kalifen ihre Anerkennung verweigerten, wurden sie wiederholt verfolgt. Innerhalb der Schia kam es zu mehreren Spaltungen, die zur Entstehung von drei Hauptglaubensgemeinschaften führten. Sie unterscheiden sich durch die Zahl der Imame, der religiös-politischen Anführer, denen sie folgen – fünf, sieben oder zwölf – und die von den Schiiten teilweise in gottähnliche Höhe emporgehoben werden. Dazu zählen allen voran Ali und seine Söhne. Die Zwölferschia, der größte Zweig, wurde 1512 im safawidischen Persien zur Staatsreligion, was sie auch im modernen Iran blieb. Dort und im Irak, wo sich auch ihre wichtigsten heiligen Stätten befinden, leben die meisten Zwölferschiiten. Auch die Schiiten des Libanon gehören mehrheitlich dieser Strömung an. Sie stellen heute, nachdem sie dort etwa bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nach den Sunniten die zweitgrößte muslimische Gemeinschaft waren, zahlenmäßig die Mehrheit der Muslime im Zedernstaat – schätzungsweise rund 35 Prozent der Gesamtbevölkerung von etwa 5,5 Millionen. Auch wenn bis heute nicht geklärt ist, wie und wann genau die Schiiten ins Land kamen, so ist ihre Präsenz dort doch spätestens ab dem 10. Jahrhundert belegt. Das Gebiet, wie auch Syrien, Palästina und Transjordan, wurde damals in Teilen sowohl von den in Ägypten ansässigen Fatimiden als auch den persischen Buyiden beherrscht, die Siebener- bzw. Zwölferschiiten waren. Diese als «Goldene Ära» der Schia in der Region bezeichnete Epoche endete freilich, als in den nächsten Jahrhunderten sunnitische Herrscher, darunter auch die Mamlucken, die Kontrolle über das Gebiet und seine Bevölkerung übernahmen und die dort ansässigen Schiiten unterdrückten und vertrieben. Ein Großteil von ihnen zog sich nach Dschabal Amil, den heutigen Südlibanon, und teilweise auch in die Bekaa-Ebene zurück, wo sie seither lebten.[2] Die Osmanen übten in den Schiitengebieten bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts meist keine direkte Herrschaft aus, sondern ließen von lokalen Clans und Stammesführern Steuern eintreiben. Sie standen an der Spitze der sozialen Hierarchie, gefolgt von islamischen Rechtsgelehrten unterschiedlicher Herkunft und der unteren, meist bäuerlichen Schicht. Mit der späteren Etablierung der osmanischen Bürokratie konnten die mächtigen Familien ihren Einfluss durch die Übernahme staatlicher Verwaltungsposten zunächst ausbauen. Gegen Ende des Jahrhunderts machte ihnen aber eine aufstrebende neue Schicht von Händlern und Unternehmern, die Zu’ama (arabisch: Anführer), ihre Position streitig. Sie verflochten sich ähnlich mit der osmanischen Verwaltung und gaben in politischer wie auch kultureller Hinsicht bald den Ton an. Auch im Mandatsstaat Großlibanon konnten die Zu’ama ihre Vormachtstellung unter den Schiiten, die erst 1926 als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt wurden, weiter aufrechterhalten und dank des Proporzsystems sogar ausbauen. Geschickt verstanden sie es, sich durch die Mobilisierung ihrer lokalen Klientel als Vertreter ihrer Glaubensgemeinschaft ins Parlament wählen zu lassen. Je mehr jedoch ihre politische wie materielle Macht wuchs, umso tiefer wurde die Kluft zwischen ihnen und der ärmeren, vorwiegend auf dem Land, aber auch in den südlichen Küstenstädten lebenden schiitischen Bevölkerung. Auch in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit blieb diese wirtschaftlich und kulturell rückständig, da die peripheren Gebiete im Vergleich zu Beirut und dem christlich dominierten Norden von der libanesischen Regierung immer stiefmütterlich behandelt wurden. Die führenden schiitischen Clans des südlichen Dschabal Amil und der Bekaa-Ebene, deren politische Positionierung sich jeweils nach der gerade herrschenden geopolitischen Großwetterlage im Nahen Osten richtete, gingen nicht nur zeitweise Bündnisse untereinander ein. Sie versuchten auch, die schiitischen Geistlichen, die Ulema, an sich zu binden und möglichst zu kontrollieren. Allerdings überschnitten sich die Interessen der beiden Elitengruppen nicht immer, und ihr Verhältnis zum Osmanischen Reich wie auch zum nachfolgenden französischen Mandatsstaat schwankte zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Eindeutige Sympathien zeigten aber beide für die palästinensische Nationalbewegung schon seit deren Anfängen. So unterstützten der in Dschabal Amil in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tonangebende südlibanesische Clan-Führer Ahmad al-As’ad (1902–?1961) und der ihm nahestehende Rechtsgelehrte Abd al-Husein Scharaf ad-Din (1872–?1957) den von 1936 bis 1939 dauernden großen arabischen Aufstand gegen die britische Mandatsherrschaft. Auch sprachen sich beide Schiitenführer gegen die Gründung des Staates Israel aus, und al-As’ad brach nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1948 alle seine Beziehungen zu Juden in Palästina, denen er auch Land aus seinen dortigen Besitzungen verkauft hatte, ab. In der Suezkrise forderte die schiitische Gemeinde weitgehend geschlossen den Abbruch der Beziehungen des Libanon zu Frankreich und Großbritannien, die zusammen mit Israel gegen Ägypten in den Krieg zogen.[3] Nicht nur diese Einstellung zum israelisch-arabischen Konflikt verband die libanesischen Schiiten mit ihren Glaubensbrüdern im Irak und Iran. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts, als Dschabal Amil zum wichtigsten schiitischen Gelehrtenzentrum avancierte, bauten sie untereinander ein eigenes weitverzweigtes Beziehungsnetz auf.[4] Dank der über die Jahrhunderte unterhaltenen Verbindungen konnten sich auch in moderner Zeit libanesische Schiiten bei prominenten schiitischen Geistlichen an den religiösen Universitäten in Nadschaf und Kerbela im Irak und in der Stadt Ghom in Iran ausbilden lassen. Der Lebensweg des Rechtsgelehrten Abd al-Husein Scharaf ad-Din spiegelt exemplarisch diese Wechselbeziehungen. Er wurde 1873 in der irakischen Stadt Kadhimiyeh geboren, wohin die Familie aus...


Joseph Croitoru, Historiker, Journalist und Buchautor, schreibt für die deutschsprachige Presse und den Rundfunk u.a. über den Nahostkonflikt, jüdische und islamische Geschichte sowie religiösen Fundamentalismus. Bei C.H.Beck erschien von ihm zuletzt "Die Hamas. Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel" (3. Aflg. 2024). Joseph Croitoru wurde 2021 mit dem Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann- Stiftung ausgezeichnet.


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