Ein Megan Crespi-Krimi
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-99012-943-2
Verlag: Hollitzer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Megan Crespi-Krimi
In einem Antiquitätenladen in Austin, Texas, entdeckt Megan Crespi eine besondere Büste: der junge Brahms ohne Bart. Ob es ein Werk der deutsch-amerikanischen Bildhauerin Elisabet Ney ist, die in Austin ein prachtvolles Haus bewohnte und vermutlich mit Johannes Brahms, ganz sicher jedoch mit dessen Freund, dem Virtuosen Joseph Joachim, bekannt war?
Das ist nur die erste einer ganzen Reihe von Fragen, die Megan in Brahms’ Geburtsstadt Hamburg und in die Elbphilharmonie führen. Währenddessen rumort es in Wien, Brahms’ langjähriger Wahlheimat, bis es im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins zu einem Giftanschlag auf die junge Dirigentin Agatha Endlich kommt, den sie nur knapp überlebt. Megan und der Wiener Hauptkommissar Decker tappen zunächst im Dunklen, doch bei einem Besuch von Brahms’ Lieblingsplätzen in Bad Ischl und Mürzzuschlag findet Megan die Lösung.
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30 So, jetzt war sie bereit, den wertvollen Brief zu öffnen, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag. Ein Brief von Johannes Brahms an Elisabet Ney! Das war eigentlich unglaublich und doch lag er hier vor ihr. Sie streifte ein Paar Latexhandschuhe über und hielt die Museumskamera bereit. Gerade als sie den Umschlag anhob, erregte ein seltsames Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Grundgütiger! Das war der Rauchmelder des Museums! Hatte ihn der Hausmeister gehört? Da wurde fiel ihr ein, dass sie am Schließtag ganz allein im Museum war. Der Brief entglitt ihren Händen, als sie unvermittelt aufsprang. Jacquelyn rannte auf den Gang direkt in Richtung des großen Ausstellungsraums. Der Alarm wurde lauter und schien durch ihren Körper zu pulsieren. Und jetzt roch sie auch noch Rauch! Kam er von oben? Sollte sie hochrennen und nachsehen? Oder sollte sie die Feuerwehr anrufen? Wo war ihr Mobiltelefon? Oh je, zurück ins Büro. Aber Moment, der Rauchmelder des Museums wurde doch überwacht, also sollte die Feuerwehr schon alarmiert und auf dem Weg sein. In der Zwischenzeit könnte sie nach oben laufen und nachsehen, was den Alarm auslöste. Hatte sie selbst vielleicht etwas auf dem Dachboden vergessen, das sich entzündet hatte? Nein, außer der Trittleiter hatte sie nichts bei sich gehabt. Und die war aus Aluminium. Dann sah sie es. Eine Rauchwolke strömte aus der Garderobe! Vorsichtig bewegte sie sich darauf zu und zur gleichen Zeit fuhr auch die Feuerwehr mit heulender Sirene vor dem Museum vor. Jacquelyn rannte zum Eingang, riss die Tür auf und winkte den Feuerwehrmann herbei. Ein weiterer Feuerwehrmann stand neben dem Fahrzeug bereit. „Hier, hier! Hier drinnen brennt etwas!“, rief sie. Der Feuerwehrmann rannte an ihr vorbei zu der Stelle, auf die sie zeigte, und betrat die Garderobe. Er warf einen Blick hinein und sprang zurück. „Hank!“, rief er, „wir haben hier ein kleines Hoverboard-Problem. Bring das ABC mit.“ Hank kam sofort mit einem Handfeuerlöscher angerannt und begann, das Hoverboard zu besprühen. Es hatte sich noch nicht entzündet. Nach ein paar Minuten hatte sich der Rauch verzogen. „Bitte, was ist ein Hoverboard?“, fragte Jacquelyn. „Es ist eine Art Skateboard, Ma’am, ein selbstbalancierendes, fußgroßes Untergestell mit zwei motorisierten Rädern, das der Fahrer steuert, indem er sich nach vorne oder hinten lehnt. Es wird mit einem Lithium-Akku betrieben und kann überhitzen, Funken schlagen, Feuer fangen und explodieren. Irgendein Jugendlicher wird es hier drin vergessen haben. Diese verdammten Dinger gehören verboten.“ „Da kann ich nur zustimmen“, sagte die Museumsdirektorin erleichtert, als sie die Tür hinter den abfahrenden Feuerwehrleuten schloss. Du liebe Zeit! Der Brahms-Brief! Warte, nein, ganz ruhig, dachte sie. Im Büro ist er gut aufgehoben, dem Himmel sei Dank. 31 Wie versprochen bewirtete Frau Salem Mario Intagliatore und seine beiden Gäste mit einem köstlichen Mittagessen und die Unterhaltung bei Tisch verlief angeregt und informativ. Natürlich drehten sich die Gespräche um den Diebstahl der Gipsbüste des bärtigen Brahms und um den seltsamen anonymen Auftrag, der den Anstoß für das Werk gegeben hatte. Erneut fragte Intagliatore, ob Megan mit ihren vielen Kontakten nicht vielleicht doch einen amerikanischen Brahms-Forscher kenne, irgendeinen fanatischen Sammler von Brahmsiana vielleicht, und wieder musste sie nach einigem Nachdenken erklären, dass ihr dazu wirklich niemand einfiel. Dann kam er unvermittelt auf ein ganz anderes Thema zu sprechen. „Sagen Sie, Professoressa, ist es wahr, dass Brahms als kleiner Junge sogar in Hamburger Hafenbordellen Klavier spielen musste, um Geld für den Unterhalt seiner Familie zu verdienen?“ „Ja, das ist leider wahr, und das prägte natürlich seine Einstellung zu Frauen für den Rest seines Lebens. Er musste auf schäbigen Klimperkästen in den Spelunken des Rotlichtviertels unten am Hamburger Hafen spielen, wo sich Matrosen und Sexarbeiterinnen bis heute ein Stelldichein geben. Man muss sich das nur einmal vor Augen halten! Er war gerade einmal vierzehn Jahre alt und wurde Zeuge aller möglichen Obszönitäten und womöglich nicht selten selbst zum Objekt diverser Begierden. Fritz, seinem zwei Jahre jüngeren Bruder – eigentlich Friedrich – erging es nicht viel besser. Beide hatten das perfekte Gehör und auch Fritz wurde Pianist. Er war kein schlechter Musiker und komponierte auch, aber an seinen genialen Bruder kam er nicht heran. Als Erwachsener musste er sich sogar als „der falsche Brahms“ bezeichnen lassen. Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlte?“ „Ist er auch in Wien gelandet?“, fragte Tönnies. „Oh, nein. Fritz ergriff die Flucht vor dem Ruhm seines Bruders Johannes. Im Alter von zweiunddreißig Jahren emigrierte er nach Venezuela und verdingte sich als Organist in Caracas. Doch zwei Jahre später kehrte er nach Hause zurück und wurde Klavierlehrer hier in Hamburg. Außerdem komponierte er nun ernsthaft, eine gewaltige Sinfonie in d-Moll, die von den Kritikern Die Endlose genannt wurde. Und dann eine zweite, die er so sehr reduzierte, dass sie den Beinamen Die Allerkleinste erhielt, weil sie so schlicht in Thema und Orchestrierung war. Eine Komposition, die sich jedoch durchsetzte, war ein Klavierkonzert, das er mit dem witzigen Titel Leichtes Konzert für kompetenten Klavierlehrer und Orchester schrieb.“ „Ach herrje, was für eine Geschichte!“, lachte Tönnies. „Aber ist das alles wirklich wahr?“ Er wusste, dass Megan der Schalk im Nacken saß. „Tja! Schau doch selbst nach,“ sagte sie mit einem Augenwinkern, „Wahr ist jedenfalls, dass er, als er mit nur einundfünfzig Jahren an Syphilis starb, alles, was er besaß, seinem Bruder Johannes hinterließ, obwohl sie keinen Kontakt mehr zueinander hatten.“ So interessant all diese Brahms-Familiengeheimnisse auch waren, Intagliatore behielt die Uhrzeit im Auge. Er hatte nicht vergessen, dass die amerikanische Professorin um sechs Uhr ihr Flugzeug erreichen musste. Bald würde sie aufbrechen wollen, doch er wollte seinen Gästen unbedingt noch in Ruhe das Atelier im Souterrain zeigen. Auf dem Weg nach unten kamen sie an Felizitas, der Haushälterin von nebenan, vorbei. Sie grüßte den Bildhauer ehrerbietig, und wich ihnen höflich aus. Sie hatte so flammend rote Wangen, dass Megan sich im Vorbeigehen kurz fragte, ob die junge Frau wohl an einer Allergie litt. Der Besuch des Ateliers von Intagliatore war für Tönnies und Megan ein besonderes Erlebnis. An der Wand hingen vier große Fotografien des bärtigen Brahms und vier Aufnahmen des fertigen Tonmodells, das der Bildhauer nach diesen Bildern angefertigt hatte. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich all dies fotografiere, Signor Intagliatore?“ Megan hatte ihre „iCamera“, wie sie ihr rotes iPhone gerne nannte, wenn sie es zum Fotografieren nutzte, bereits gezückt. „Nein, überhaupt nicht. Diese vier Aufnahmen sind der einzige Beweis dafür, dass ich die Modellierung abgeschlossen habe“, antwortete der Bildhauer bekümmert. Auf zwei langen Regalen standen etwa vierundzwanzig Porträtbüsten aus Ton sowie einige kleinere Tonfiguren. Intagliatore beobachtete seine Gäste zufrieden beim Betrachten der Exponate. „Du meine Güte, Sie haben einige der wichtigsten deutschen Kulturschaffenden des neunzehnten Jahrhunderts porträtiert, nicht wahr?“, rief Tönnies voller Bewunderung aus. Megan presste die Lippen zu einem schmalen Lächeln und sagte nichts zu der Tatsache, dass keine einzige Frau unter ihnen zu finden war. Aber nachdem sie einige der männlichen Darstellungen besprochen hatten, konnte sie es sich nicht mehr verkneifen und sprach aus, was sie dachte: „Ich frage mich, ob Sie, Signor Intagliatore, als Bildhauer nicht einmal in Versuchung gerieten, eine berühmte Kollegin Ihrer Zunft zu verewigen, eine Bildhauerin des Neunzehnten Jahrhunderts?“ Der Bildhauer des einundzwanzigsten Jahrhunderts, sah sie verdattert an. „Ich wüsste nicht, wer das sein sollte“, sagte er schließlich. „Ich denke an Elisabet Ney.“ „Wie bitte? Ney? Elisabet Ney? Es tut mir leid, aber den Namen habe ich noch nie gehört.“ Tönnies schaute ebenso verdattert. Megan überspielte ihre Enttäuschung mit ihrer nächsten Bemerkung. „Dieser Name mag Ihnen nicht viel sagen, aber ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, dass Ihnen ihre Werke bekannt sind. Zum Beispiel die Büste und das lebensgroße Standbild von König Ludwig II. im Schloss Herrenchiemsee, oder die Büsten von Arthur Schopenhauer, Otto von Bismarck, Joseph Joachim, König Georg von …“ „Dio mio, diese Werke kenne ich natürlich alle! Und die sind alle von dieser Künstlerin?“ „Ja, und es wird Sie freuen, wenn ich Ihnen sage, dass sie auch die Büste eines berühmten italienischen Landsmannes aus dem neunzehnten Jahrhundert angefertigt hat.“ „Die Büste eines Italieners?“ Beide Männer waren sprachlos. „Eines Italieners. Des Feldherrn, dem wir die Einigung Italiens verdanken.“ „Ach, du meinst Garibaldi“, antwortete Tönnies immer noch verblüfft, doch nichtsdestotrotz korrekt. „Aber natürlich!“ meldete sich Intagliatore zu Wort. „Ich wusste nicht, dass es diese Frau war, die Giuseppe Garibaldis Kopf modelliert hat.“ Megan lächelte ihr liebenswürdigstes Lächeln. „Vielleicht geht es leichter, wenn Sie statt von dieser Frau zu sprechen, ganz einfach ihren Namen nennen?“ „Ich verstehe, was Sie meinen....