Cernohuby | Fundbüro der Finsternis | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Cernohuby Fundbüro der Finsternis

Kann Spuren von Grauen enthalten

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-95765-990-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wem ist nicht schon einmal ein Gegenstand in die Hände gefallen, der faszinierte? Aufgrund seines Alters, seiner Form, seines Werts oder seines mysteriösen Hintergrundes. Aber nicht jeder Fund bringt seinem Finder Glück. Ist es Aberglaube oder nur ein schlechtes Omen? Sind es spirituelle Überreste des Vorbesitzers? Oder ist es gar ein Fluch? In den Geschichten dieser Anthologie müssen die Protagonisten lernen, mit einem magischen Kompass umzugehen, werden mit tödlichen Pflanzen konfrontiert, tragen mystische Masken und lernen die wahren Tücken der Zeit kennen. Diese und viele weitere grauenhafte Begegnungen mit dem Unbekannten sind an einem Ort versammelt, der nun von Ihnen entdeckt werden kann: dem Fundbüro der Finsternis. Das Titelbild stammt von Andreas Schwietzke. Ein Geschichtenweberprojekt ...

Wer ist dieser Stefan Cernohuby? Nun, das hängt davon ab, wie man fragt. Legt man Wert auf Zahlen, Daten und Fakten, wurde er 1982 in Wien geboren. Er studierte dort Elektronik und begab sich danach auf ein Weißwurst-Brezen-Obazda-Abenteuer nach München. Und ja, er war beruflich erfolgreich, denn die Autos von BWM fahren noch heute. Und auch wenn er als bekannter Bierverweigerer nie zum größten Oktoberfest-Liebhaber wurde, lohnte sich das Intermezzo, denn in München lernte Stefan seine heutige Frau kennen. Zurück in Wien hat sich seitdem einiges verändert. Stefan ist mittlerweile verheiratet und Vater zweier Kinder.
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Bettina Ferbus: Das Geheimnis der Frisierkommode
      »Ist sie nicht schön?« Anna strich mit den Fingern über das cremeweiß lackierte Holz und folgte dem perfekten Oval des Spiegels. Michael nickte, obwohl er die Frisierkommode schrecklich altmodisch fand. Aus welchem Jahrhundert stammte sie? Der Antiquitätenhändler hatte es ihm gesagt, aber Michael hatte die Jahreszahl wenige Minuten später bereits wieder vergessen. »Ich bin so froh, dass wir auch den Schemel gekauft haben. So etwas bekommt man heutzutage gar nicht mehr. Ich werde ihn neu polstern und beziehen lassen. Was hältst du von burgunderrotem Samt?« Michael nickte und tat so, als würde ihn die Farbe des Bezugs tatsächlich interessieren. Dabei gefiel ihm der Schemel genauso wenig wie die Frisierkommode. Aber er konnte seiner Frau nichts mehr abschlagen. Nicht seit dieser Sache mit Thomas. Wenigstens bestand Anna nicht darauf, auch noch das dazu gehörende Bett zu kaufen.   Kaum hatte die Frisierkommode im Schlafzimmer Einzug gehalten, nahm Anna immer öfter davor Platz. Zuerst dachte sich Michael nichts dabei. Es war eben ein neues Spielzeug. Im Gegenteil – er hoffte, wenn sie sich öfter im Spiegel sah, würde sie mehr auf ihr Äußeres achten und wieder zu der gepflegten, attraktiven Frau werden, die ihn durch acht Jahre seines Lebens begleitet hatte. Anfangs schien es auch so. Anna ging zum Friseur. Sie kaufte sich ein neues Kleid und schminkte sich wieder. Auch der Frisierkommode wollte sie neuen Glanz verleihen. Sie holte sich bei einem Restaurator Tipps, wie sie die kleinen Schäden, die der Zahn der Zeit auf dem Möbelstück hinterlassen hatte, am besten beheben konnte. Eines Tages sah Michael sie jedoch, wie sie mit verzücktem Lächeln in den Spiegel starrte. Die Farbe auf dem Pinsel in ihrer Hand trocknete. Der Riss im Lack, den sie hatte ausbessern wollen, war vergessen. »Tommy«, sagte sie leise. Die linke Hand war nach dem Spiegel ausgestreckt und berührte sanft das glatte Glas. »Thomas ist tot, Anna.« Sie drehte sich nicht zu Michael um, wandte die Augen nicht von der reflektierenden Fläche. »Kannst du ihn denn nicht sehen?« Doch Michael sah nur Annas Gesicht, sah die Sehnsucht in ihren Zügen. Er trat zu ihr, legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. »Du siehst, was du sehen möchtest. Anna, Liebling, komm zu mir in die Küche. Ich habe Kaffee gemacht. Dann können wir uns gemeinsam die Urlaubsprospekte ansehen, die ich mitgebracht habe.« »Ich möchte nicht auf Urlaub fahren.« Annas Stimme klang tonlos. »Dadurch wird Tommy auch nicht wieder lebendig.« »Aber so nah wie hier kann ich ihm nirgends sein.« »Anna, ich bitte dich! Du hast ein Leben. Wirf es nicht weg!« Da drehte sich Anna doch zu ihm um. Tränen schwammen in ihren Augen. »Welches Leben? Mein Leben ist mit Tommy in den Teich gefallen.« »Jetzt fang doch nicht wieder damit an!« Michaels Unterlippe zitterte, als er seinen Zorn mühsam zurückhielt. Er hasste diese Diskussion, die sich stets wieder im Kreis drehte. Wie oft hatte er versucht, Anna davon zu überzeugen, dass das Leben weiterging, auch wenn Eltern ihr Kind verloren. Aber sie warf ihm nur Kaltherzigkeit vor. »Du hast kein Gefühl! Du hast ihn nicht wirklich geliebt.« »Das ist nicht wahr, Anna. Das weißt du.« »Manchmal glaube ich, du hast das Tor absichtlich offen gelassen.« Dieser Vorwurf war wie ein Messer in Michaels Eingeweiden. Sein Bauch krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ganz wie an diesem fatalen Tag vor kaum sechs Monaten, als er das Tor offen vorgefunden hatte. Das Tor, durch das man jenen Bereich des Gartens betreten konnte, in dem sich der kleine Teich befand. Er war nicht tief. Wenn Michael hineinwatete, ging ihm das Wasser gerade mal bis zu den Oberschenkeln. Doch war es mehr als tief genug, dass ein Dreijähriger darin ertrinken konnte. »Der Gutachter hat gesagt, der Mechanismus war beschädigt. Ein Materialfehler. Das Schloss ist nicht eingeschnappt. Niemand kann etwas dafür.« »Wir hätten ein Vorhängeschloss nehmen sollen.« »Du hast recht, Schatz.« Michael senkte den Kopf. Sie sollte seinen Zorn nicht sehen. Aber er hasste, dass sie immer wieder damit anfing. Sie hatten diese Unterhaltung schon zu oft geführt. Er fasste nach ihrer Hand. »Komm, du musst etwas essen.« »Ich habe keinen Hunger.« »Anna, ich bitte dich. Wie viel hast du bis jetzt schon abgenommen? Keines deiner Kleider passt dir mehr.« Anna hob nur die Schultern und wandte sich wieder dem Spiegel zu. Michael ging in die Küche. Er machte Kaffee, legte Kekse auf einen Teller und ging wieder ins Schlafzimmer zu Anna, in der Hoffnung, dass der Duft ihren Appetit wecken würde. Doch sie hatte nur Augen für den Spiegel.   Anna verbrachte mit jedem verstreichenden Tag mehr Stunden vor der Frisierkommode. Sie vernachlässigte den Haushalt und sie vernachlässigte sich selbst. Es wurde noch schlimmer als in der Zeit nach Tommys Tod. Gelegentlich konnte Michael sie zwar dazu überreden, eine Kleinigkeit zu essen, aber bald war ihr die Zeit zu schade, um sich unter die Dusche zu stellen oder frische Kleider anzuziehen. Ihr Haar wurde fettig und strähnig, ihre Haut bleich und teigig. Die dunklen Ringe unter ihren Augen wurden von Tag zu Tag tiefer, denn sie wollte auch nicht mehr schlafen. War ihr der kleine Thomas früher auch in ihren Träumen begegnet, so sah sie ihn nun nur noch im Spiegel. Michael wagte kaum, zur Arbeit zu gehen. Sobald er im Büro war, konnte er nur noch an seine Frau denken. Jede Stunde rief er zu Hause an, und wenn Anna nicht abhob, verstärkten sich seine Sorgen noch. Dann waren seine Gedanken nur noch bei Anna und ihrem Spiegel. Im Geist sah er sie vor der Frisierkommode sitzen. Die Ellbogen auf dem weiß lackierten Holz abgestützt, das Kinn in die Hände gelegt. Wenn er nach Hause kam, saß sie meist tatsächlich vor dem Spiegel. Dann starrte sie mit einem verträumten Ausdruck im Gesicht auf das silberbeschichtete Glas. Sie lächelte, merkte nicht, wie spitz ihre Nase geworden war. Sie sah die Furchen um ihre Mundwinkel nicht, sah nur Thomas. Dann kam der Tag, an dem Michael selbst glaubte, ihn zu sehen. Es war, als würde er durch die Züge seiner Frau hindurch das Gesicht seines Jungen wahrnehmen. »Papa!« Michael schauderte und wendete sich ab. Doch die Stimme des Jungen verstummte nicht. Im Gegenteil. Nun hörte Thomas auch noch sein glockenhelles Lachen. Wie sehr er diesen Ton vermisst hatte. Seine Brust zog sich zusammen, er konnte kaum noch atmen, so sehr quälte ihn das Wissen, dass er sein Kind nie wieder in den Armen halten würde. Er biss sich auf die bebende Unterlippe und hoffte, dass der Schmerz die Tränen vertreiben würde, mit denen er kämpfte. Der Impuls, sich umzudrehen, um wenigstens einen kurzen Blick auf das Gesicht seines Jungen werfen zu können, wurde mit jeder verstreichenden Sekunde stärker.   Michael riss sich los und taumelte ins Wohnzimmer. Er warf sich auf die Couch, barg sein Gesicht in den Kissen. Dieser verdammte Spiegel musste weg. Er saugte Anna das Leben aus und nun hatte er es auch noch auf Michael abgesehen. Die Frisierkommode mochte aus Holz, Lack und Leim bestehen, aber sie erschien Michael in diesem Moment wie eine gierige Kreatur. Das Oval des Spiegels wandelte sich zu einem hungrigen Maul, das alle Hoffnung, alle Freude restlos verschlang. Anna verließ das Schlafzimmer nur noch selten, aber Michael war geduldig. Er wartete. »Papa«, flüsterte es aus dem Spiegel, wenn er an der Schlafzimmertür vorbei ging. Michaels Finger zuckten. Es verlangte ihn danach, die einen Spalt offen stehende Tür ganz aufzustoßen und hineinzugehen. Das sich bewegende, sprechende Abbild seines Kindes war besser als gar kein Kind. Mit Gewalt musste Michael sich dazu zwingen, auf dem Gang zu bleiben. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er presste die Fingerknöchel gegen die Augäpfel, bis grellbunte Muster Tommys Bild vertrieben und Tränen des Schmerzes unter den geschlossenen Augenlidern hervorquollen. Michael stand im Wohnzimmer vor dem offenen Kamin, als er hörte, wie Anna zur Toilette ging. Hastig schnappte er sich den Schürhaken und rannte ins Schlafzimmer. Er schlug die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel im Schloss um. »Papa! Nein!« Michael hörte nicht auf das Flehen des Kindes im Spiegel. Welcher böse Geist auch immer in diesem schrecklichen Möbelstück hausen mochte, es war nicht Thomas. Er holte aus. Eisen traf auf Glas. Sprünge zogen sich wie ein Spinnennetz über den Spiegel. »Michael! Tu das nicht!« Von draußen warf sich Anna gegen die Tür. Michael ließ den Schürhaken ein weiteres Mal niedersausen. Splitter fielen zu Boden. Doch der Großteil des Spiegels blieb an seinem Platz. Er war an der hölzernen Rückwand angeklebt. Michael schlug...


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