E-Book, Deutsch, 332 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
2017 – 500 Jahre Reformation
E-Book, Deutsch, 332 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
ISBN: 978-3-374-04742-0
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Beiträge ermöglichen Einblicke in die wichtigen Themen und Herausforderungen, vor denen die Mitglieder der weltweiten Kirchengemeinschaft in den verschiedenen Kontexten jeden Tag stehen. Das theologische Konzept der Rechtfertigung durch Gottes Gnade und dessen Folgen für die verschiedenen Aspekte des Lebens waren die wichtigsten Leitprinzipien für die Texte, von denen jeder einzelne drei Fragen enthält, die zu weitergehender Reflexion und Diskussion im eigenen Kontext einladen.
Das Werk erscheint in vier, in einem Schuber zusammengefassten Heften und kann nur vollständig erworben werden.
Heft 1: Befreit durch Gottes Gnade – 500 Jahre Reformation
Heft 2: Erlösung – Für Geld nicht zu haben
Heft 3: Menschen – Für Geld nicht zu haben
Heft 4: Schöpfung – Für Geld nicht zu haben
[Liberated by God´s Grace. 2017 – 500 Years of Reformation]
In these four booklets, theologians from all parts of the world reflect on the main theme and three sub-themes (Liberated by God’s Grace: Salvation – Not for Sale; Human Beings – Not for Sale; Creation –Not for Sale) of the Lutheran World Federation’s commemoration of the 500th Anniversary of the Reformation. This collection of essays provides profound insights into the crucial issues and challenges daily faced by the members of the worldwide Lutheran communion in very diverse contexts. The theological concept of justification by God’s grace and its consequences for different dimensions of life serve as the main guiding principles for the essays, each one of which is accompanied by three questions that invite to further contextual reflection on the subject.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Kirchengeschichte
- Geisteswissenschaften Geschichtswissenschaft Geschichtliche Themen Kultur- und Ideengeschichte
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Christentum/Christliche Theologie Allgemein Christentum und Gesellschaft, Kirche und Politik
- Geisteswissenschaften Christentum, Christliche Theologie Christliche Kirchen, Konfessionen, Denominationen Protestantismus, evangelische und protestantische Kirchen
Weitere Infos & Material
DIE KIRCHE UND DER ÖFFENTLICHE RAUM – EINE LUTHERISCHE INTERPRETATION
Kjell Nordstokke DIE REFORMATION UND DAS KIRCHENVERSTÄNDNIS Es ist die zentrale Botschaft der lutherischen Reformation, dass mit der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben die Kirche steht oder fällt. Dieser Standpunkt gründet auf Luthers Lesung der Bibel und seine Interpretation des Wirkens Jesu. Man hat diese oft in Form der fünf sogenannten solae oder Grundsätze der lutherischen Theologie dargestellt: allein durch die Schrift (sola scriptura); allein durch den Glauben (sola fide); allein durch Gnade (sola gratia); allein durch Christus (solo Christo); und Gott allein die Ehre (soli Deo gloria). DAS WORT ALS EIN MÄCHTIGES, ÖFFENTLICHES WORT Die Unterscheidung zwischen dem Schwertamt und dem Wortamt hat in der lutherischen Theologie zur Formulierung der Zwei-Reiche-Lehre geführt und eine intensive Diskussion darüber hervorgerufen, wie diese Lehre in Zeiten zu interpretieren sei, die sich politisch und gesellschaftlich von der Lutherzeit sehr unterschieden. DIE BERUFUNG ZU AKTIVER BÜRGERSCHAFT Die Aufforderung, ein „lebendiges Wort“ zu sein, ist eine Ermahnung zu aktiver Bürgerschaft. Luther veränderte radikal das Verständnis von christlicher Berufung, er verlagerte den Schwerpunkt vom inneren Leben der Kirche auf den Dienst an der Welt – auf ein Dasein als christliche Bürger, die ihren Nächsten Liebe und Fürsorge angedeihen lassen. Er kritisierte vehement die damaligen religiösen Orden und die Idealisierung der Berufung zu einem Leben als Mönch oder Nonne, welche sich vom Alltagsleben zurückzogen und stattdessen ein abgeschiedenes Leben in einem Kloster lebten und sich dort religiösen Handlungen widmeten. Luther wusste aus eigener Erfahrung, dass ein solches Berufungsverständnis oft genug rein selbstbezogen war. Vor allem aber ignorierte es den Aufruf zum Dienst am Nächsten. „Aus dem allem ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe […]“2 Luther formulierte seine Ansichten über die Aufgaben eines Bürgers nach Maßgabe der gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Zeit. Diese gingen davon aus, dass jeder Bürger seiner gesellschaftlichen Rolle – als Bauer, Schneider oder Händler etwa – treu zu bleiben habe, ohne jeglichen Ehrgeiz auf Änderung der gesellschaftlichen Strukturen. Wenn Luther über eine aktive Bürgerschaft gesprochen hätte, dann innerhalb der Grenzen der für ihn natürlichen und zu respektierenden Ordnung der Gesellschaft, in der die Möglichkeiten des Dienstes am Nächsten aufzuspüren waren. Er hätte also wohl kaum den Frauen eine Rolle außerhalb des Hauses zugebilligt. Nichtsdestotrotz, neu und radikal ist seine Wertschätzung der Arbeit – innerhalb und außerhalb des Hauses. Ehrliche und gute Arbeit ist wahrhaftiger Gottesdienst, mehr noch als die Ausübung religiöser Handlungen. Sähen und Ernten des Feldes, der Bau von Wohnhäusern, die Herstellung von Kleidern und die Essensbereitung für arme Leute – aus christlicher Sicht sind solche Tätigkeiten aller Achtung wert, sie sind Wege, Gott und dem Nächsten zu dienen. DAS „LEBENDIGE WORT“ ALS DIAKONISCHE TÄTIGKEIT Für Luther war das „lebendige Wort“ in erster Linie das – vor allem von der Kanzel – gepredigte Wort. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass er die Bedeutung des Begriffs „Wort“ auf die mündliche Rede beschränkte. Als Bibelgelehrter war Luther sehr wohl vertraut mit dem biblischen Begriffsverständnis von „Wort“ (hebräisch dabar, griechisch logos, die sowohl im Hebräischen als auch Griechischen eine lebendige Wirklichkeit bezeichnen). Am deutlichsten wird dies in der Botschaft vom inkarnierten Wort ausgedrückt, so in 1 Joh 1,1: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens.“ Auf einzigartige Weise kündigte Jesus das Evangelium nicht nur an, sondern verkörperte es auch. Sein Wirken als das Wort des Lebens umfasste sowohl die Lehre als auch die Sorge für notleidende Menschen. Es wäre sinnlos, zwischen seinen Worten und seinen Taten einen Unterschied zu machen, sie sind beide integraler Bestandteil seiner Mission. den Dienst der Fürsorge der Kirche. Sie ist das in die Tat umgesetzte Evangelium und äußert sich in der Nächstenliebe, der Schaffung inklusiver Gemeinschaften, der Sorge um die Schöpfung und dem Einsatz für Gerechtigkeit.3 Diese Definition sagt ganz deutlich, dass Diakonie mehr ist als nur eine aus dem Evangelium gezogene mögliche Konsequenz, eine rein optionale Tätigkeit aufgrund äußerer Umstände. Diakonie ist ein integraler Bestandteil des Evangeliums. Es ist unabdingbare Notwendigkeit, das lebendige und befreiende Wort Gottes tätig sichtbar werden zu lassen und es als solches zu einem integralen Teil zu machen von dem, was die Kirche als Leib Christi in Gottes Namen zu sein und zu tun berufen ist. Dies geschieht nicht durch eigenes Verstehen oder eigene Kraft, sondern, wie Luther im „Kleinen Katechismus“ sagt: „[…] der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt […].“4 ADVOCACY – FÜRSPRACHE Die Veröffentlichung der 95 Thesen im Jahr 1517 kann auch aus der Perspektive der Advocacy-Arbeit interpretiert werden. Als Pfarrer in Wittenberg hatte Luther beobachtet, dass die Menschen ihr Geld für Ablassbriefe verschwendeten. Seine Thesen stellen eine vehemente Kritik am Missbrauch religiöser Macht dar, die die einfachen Leute ausnutzte und ihren Glauben manipulierte. Zugleich wollen sie für die Würde der Gläubigen eintreten und ihr Recht auf das Hören von Gottes Wort verteidigen. Mission als Eintreten für Gerechtigkeit meint ein Handeln der Kirche in der Öffentlichkeit, durch das die Würde menschlichen Lebens, und zwar im Blick auf den/die Einzelne/n wie die Gemeinschaft, sowie ein umfassendes Gerechtigkeitskonzept für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt immer wieder neu bezeugt wird.5 Advocacy-Arbeit unterscheidet sich von Lobby-Arbeit, die versucht, Regierungen oder andere Leitungsorgane zum Nutzen oder im Interesse der eigenen Organisation zu beeinflussen. Bei der Advocacy-Arbeit geht es um die Lage, in der sich andere, vor allem marginalisierte Gruppen in Kirche und Gesellschaft, befinden: diejenigen, die unfähig sind, ihre eigenen Interessen selbst zu vertreten, oder aus verschiedenen Gründen in der Gesellschaft zum Schweigen gebracht werden. Dies bedeutet nicht, dass Advocacy eine stellvertretende Fürsprache ist, die die Stimme derjenigen, für die sie eintritt, ignoriert. Im Gegenteil, Advocacy setzt Zuhören und Solidarität voraus. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Stimme, die viele Kirchen den Menschen gegeben haben, die durch die HIV- und AIDS-Pandemie betroffen sind. Seitdem die Kirche angefangen hat, den Menschen, die mit HIV und AIDS leben, einen Raum zu gewähren – ihren Lebensgeschichten und ihrem Kampf für Gerechtigkeit – hat ihre Advocacy-Arbeit stetig an Bedeutung gewonnen. ZUFLUCHTSORT Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ gehört auch heute noch zu den am häufigsten in den reformatorischen – und nicht nur den lutherischen – Kirchen gesungenen Liedern. Angelehnt an Psalm 46 drückt es das Vertrauen in Gottes Fürsorge und Schutz gegen alle Formen des Bösen aus. Gott bietet Schutz, einen sicheren Hafen. Das erste Beispiel bezieht sich auf die Lage im Jahr 1993, als Hunderten von Asylsuchenden aus dem ehemaligen Jugoslawien eine dauernde Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde und sie Norwegen verlassen sollten. Viele suchten damals Zuflucht in Kirchengebäuden, und da der Staat diese Räume als heilige Orte respektierte, wurden die Asylsuchenden nicht von der Polizei festgenommen. Manche harrten dort monatelang aus, andere sogar Jahre, viele Fälle wurden neu begutachtet und vielen wurde dann in der Tat vom Staat Asyl gewährt. Andere wiederum kehrten freiwillig in ihr Herkunftsland...