E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: dtv- premium
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: dtv- premium
ISBN: 978-3-423-42272-7
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ihr Leben lang hat Emmas Mutter Paula von ihrer Kindheit und Jugend in Südafrika geschwiegen. Kurz vor ihrem Tod erzählt sie Emma zum ersten Mal davon. Sie war eines von acht Kindern eines gewalttätigen Vaters, der seinen Kindern Schreckliches antat. Nach dem Tod ihrer Mutter will Emma Licht in die Familiengeschichte bringen. Sie reist nach Johannesburg, verabredet sich mit Verwandten, versucht sie zum Reden zu bringen, studiert Gerichtsakten. Was sie dabei erfährt, ist schier unglaublich …
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Vorwort
Meine Großmutter dachte, sie heiratete einen lebensfrohen, aufregenden Menschen, einen Mann mit welligem Haar und unbändiger Energie. Er war ein begabter Handwerker, ein begabter Künstler, ein verurteilter Mörder und ein schlechter Dichter. Er arbeitete als Lokomotivführer und in den Goldminen, und als er meine Großmutter kennenlernte, irgendwann in den 1930er Jahren, war er wahrscheinlich auf dem Bahnhof angestellt, den sie als Lehrling täglich auf dem Weg zum Büro passierte. Meine Mutter sagte zwei Dinge über diesen Mann: Er sei »sehr clever« und »sehr sonderbar« gewesen. Außerdem habe er einen merkwürdigen Sinn für Humor gehabt – er mochte Slapstick –, was ihre hintersinnige Art war, ihn einen Afrikaaner zu nennen. Anscheinend war er eitel, was seine europäische Provenienz anging. Als meine Großeltern sich kennenlernten, gab es noch einen anderen Mann, der meiner Großmutter den Hof machte, Trevor, beziehungsweise »Bessie Everetts Bruder Trevor«, wie ihre Familie ihn nannte, um damit zu sagen, dass er Referenzen hatte. Der nette Trevor, der langweilige Trevor; ich stelle ihn mir vor, wie er eine Strickjacke trägt, Pfeife raucht und die weniger interessanten Artikel der Zeitung liest. Anscheinend hat Trevor meine Großmutter nur ein paar Mal ausgeführt. Trotzdem bleibt er unvergessen, noch siebzig Jahre später, weil Trevor im Lauf der Geschichte zum leuchtenden Symbol dessen wurde, was hätte werden können, wenn alles anders gekommen wäre. Meine Großmutter hieß Sarah Doubell, und wie alle, die jung gestorben sind, soll sie sehr schön gewesen sein. Sie hatte langes dunkles Haar, helle Haut, große braune Augen und schmale Fesseln. Sie sei »im Bus angesprochen« worden, sagte ihre ältere Schwester Kathy, von Männern aus besseren Kreisen. Bevor die Familie an die Küste zog, hatten die Doubells in der Halbwüste Karoo als Zaunflicker auf Straußenfarmen gearbeitet, und auf Gruppenfotos wirken ihre Geschwister bodenständig – Landvolk in festen Stiefeln und dreieckigen Kitteln, während Sarah immer wehende Kleider und unpassendes Schuhwerk zu tragen scheint. Sie heiratete Trevor nicht. Sie heiratete den anderen, auf dem Standesamt von Babanango im Beisein ihrer Schwester Johanna und ihres Schwagers Charlie, und dann zog sie in ein Ziegelhaus irgendwo auf dem Land. Zur Geburt des Babys fuhren sie in die Stadt. Es existiert nur ein einziges Foto aus der kurzen Zeit als Familie, eine Picknickdecke im Sonnenschein, der junge Vater in Hemd und Krawatte, die junge Mutter in einem hübschen Kleid und das Baby in einer Haube, dem Vater zugewandt. Im Vordergrund hechelt eine Bulldogge. »›Wir drei‹ und Bonza«, hatte Sarah auf die Rückseite geschrieben, »Wir drei« in Anführungsstrichen, in liebevoller Ironie, eine glückliche Verschwörung gegen den Rest der Welt. Ich nehme an, sie waren glücklich, und meine Großmutter wusste nicht, dass ihr Mann ein verurteilter Mörder war. Was bedauerlich ist. Es wäre eine wertvolle Information gewesen, als Sarah im Sterben lag und sich entscheiden musste, wem sie ihr zweijähriges Kind, meine Mutter, anvertraute. Nach ihrem Tod hielt Sarahs Familie ein paar Jahre den Kontakt zu ihm. Sie waren froh, als sie hörten, dass er wieder heiratete. Und dann war er eines Tages verschwunden. Es sollten fast vierzig Jahre vergehen, bis die Familie meiner Großmutter das kleine Mädchen wiederfand, das inzwischen in London lebte und mit meinem Vater verheiratet war. Kathys Tochter Gloria, die Cousine meiner Mutter, schickte ihr einen Brief, in dem sie sich als Nichte ihrer Mutter vorstellte und fragte, wo sie all die Jahre gewesen war. Ich frage mich heute, was meine Mutter geantwortet hat. In meiner Jugend sprach meine Mutter nicht viel über ihre Vergangenheit. Ich wusste, dass sie 1960 aus Südafrika nach England eingewandert und seitdem nur zweimal nach Hause zurückgekehrt war. Ich kannte keines ihrer sieben Geschwister und konnte höchstens die Hälfte meiner sechzehn Cousins und Cousinen aufzählen. Es gab ein paar Anekdoten: aus ihrer Kindheit, von der Arbeit, von Freundinnen, und die meisten klangen lustig. Hinter der offiziellen Version deutete sich jedoch noch eine andere Geschichte an, die weniger lustig war, auch wenn ich lange Zeit zufrieden war, sie zu ignorieren. Erst als meine Mutter im Sterben lag, erzählte sie mir mehr. Mit Mitte zwanzig, sagte sie, hatte sie ihren Vater verhaften lassen. Es habe einen aufsehenerregenden Prozess gegeben, in dem er sich selbst verteidigt, seine eigenen Kinder ins Kreuzverhör genommen und eins nach dem anderen zerstört hatte. Ihre Stiefmutter hatte ihn gedeckt. Er war freigesprochen worden. Ich blieb ruhig, als sie mir davon erzählte, anders als beim ersten Mal, als sie versucht hatte, darüber zu sprechen. Es stand gerade so viel auf dem Spiel, dass ich beschloss, die Sache wegzuschieben und für später aufzuheben, doch wie es manchmal ist, kam später früher als erwartet. Sechs Monate nach dem Tod meiner Mutter flog ich von London nach Johannesburg und versuchte, die fehlenden Teile ihres Lebens zusammenzusetzen. Es ist eine Tugend, heißt es, den Tatsachen ins Auge zu blicken, auch wenn ich mich jederzeit für das Verleugnen entscheiden würde, hätte ich die Wahl – würde Verleugnen bedeuten, nichts zu wissen. Doch man hat nicht die Wahl, ob man etwas weiß oder nicht, sondern nur, ob man etwas weiß oder ahnt, und damit hat man keine Wahl. Selbst als ich die wahre Geschichte aufdeckte, fiel es mir schwer, sie wahrzuhaben, vor mir selbst und vor anderen. Als mir jemand empfahl, beim Schreiben dieses Buchs »klinische Studien« zum Thema zu lesen, war ich empört. Ich wollte meine Mutter nicht zu einer Fallstudie machen. Ich wollte sie nicht in einen Topf werfen mit all den schrecklichen Typen, die immer nur jammern und über nichts anderes reden als über sich selbst, die heulend in Talkshows auftreten. Ich hatte etwas gegen die Sprache, die sie benutzen; »Überlebende«, wie sie sich manchmal nennen, schien mir ein Begriff, der allein ihre Identität als Opfer betonte. Die Idee, ein Überlebender zu sein, hatte in unserer Kultur einen so hohen Wert bekommen, war eine so gute Entschuldigung für jedes durch ein Trauma ausgelöste Verhalten, war auf narzisstische Weise so einladend, dass selbst die, die nicht viel Schlimmes »überlebt« hatten, so lange in ihrer Erfahrung gründelten, bis sie etwas fanden. »Hard-hearted Hannah«, sagte meine Mutter manchmal zu mir, ein altes Lied zitierend. Nachahmer treffen oft den Stil, aber nicht das Herz einer Sache. Vor allem anderen aber wollte ich meine Erinnerung an sie nicht aufgeben und durch etwas Kaputtes, Pathologisches ersetzen. Meine größte Angst, als ich hiermit begann, war, dass ich ihre gute Arbeit zunichtemachen könnte. Irgendwann kaufte ich – eins der unzähligen Ablenkungsmanöver, wenn man ein Buch beginnt – eine Recherchearbeit online. Es war eine Studie kanadischer Psychologen über die Mängel in der Erziehungskompetenz von Frauen ihren Töchtern gegenüber – Frauen, die in ihrer Kindheit Opfer extremer sexueller oder physischer Gewalt geworden waren. Es gab die bekannten Wiederholungsmuster. Eine hohe Zahl von Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Was mich jedoch am tiefsten berührte, waren die Interviews mit den Frauen, die die Misshandlung nicht an ihren eigenen Kindern fortsetzten. Auszüge aus ihren Interviews spiegelten die Angst, ihre Kinder zu sehr zu behüten; sie witterten überall Gefahr; sie sprachen vom Misstrauen gegen jeden Mann, der mit ihren Töchtern in Kontakt kam, Ehemänner eingeschlossen, und von der Belastung für die Partnerschaft, die damit einherging. Sie sprachen von dem extremen Bedürfnis, das Umfeld ihrer Kinder zu kontrollieren und ihre Kinder unbesiegbar zu machen. In herzzerreißenden Worten sprachen sie von dem Verlangen, ihre Kinder zu beschützen, ohne ihnen zu schaden. Und in der Zwischenzeit hatten sie keine Möglichkeit, sich selbst zu helfen. Meine Mutter war nie gut darin gewesen, andere um Hilfe zu bitten. Sie schulterte lieber alles selbst, als sich helfen zu lassen. Gegen Ende ihres Lebens akzeptierte sie widerwillig, dass sie praktischen Beistand brauchte, doch sie gab die Oberhand nie ganz auf. Wenn eine Krankenschwester vom Hospiz kam, fragte meine Mutter sie nach ihrer Lebensgeschichte und begann, für sie mit Immobilienmaklern zu telefonieren. Wenn Nachbarn Suppe oder einen Ventilator vorbeibrachten, lächelte sie, als würde sie ihnen einen Gefallen tun. Es floss eine unglaubliche Energie in den Unterhalt des Bilds, das sie von sich hatte, und von mir, und es gab Zeiten, da ich dem Mechanismus zusehen konnte, der am Werk war. Ihr positives Denken grenzte ans Burleske. Als Kind nervte es mich. Ja, ja, dachte ich, ich habe es verstanden. In Wirklichkeit war es natürlich ihre elterliche Genialität, dass ich überhaupt nichts verstanden hatte. Wenn man sich die Landschaft, die irgendwann zum Vorschein kam, als die unwirtlichste vorstellt, die ich kenne – ein englischer Strand im Winter –, dann stand meine Mutter wie ein Windschutz über mir, und alles, was ich sah, waren bunte Farben. Ein Therapeut verglich die Vergangenheit meiner Mutter mit dem sprichwörtlichen Elefanten im Wohnzimmer – einem Problem, das eigentlich zu groß war, um es ignorieren zu können –, wogegen ich mich damals stark wehrte. Genau wie mein Vater, als ich ihm davon erzählte. Ich habe keine Ahnung, wo meine Mutter den Elefanten versteckte, doch bei uns im Wohnzimmer war er so gut wie nie. Und während ich nach einer Erklärung suche, wie ein Mensch, bis er fast dreißig ist, ein Leben führen kann und dann, wie im...