E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-13941-4
Verlag: Diederichs
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Das Ferkel Bilka
Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die waren ungefähr fünfzig Jahre alt. Eines Tages sagt die Alte zu ihrem Mann: »Was sollen wir beide machen, Alter, wir sind alt geworden. Gebe Gott, daß ich wenigstens ein Ferkel werfe und zur Welt bringe, damit wir eigene Nachkommen haben.« Eines Tages stand der Alte auf und ging zu der Alten, die in einem anderen Zimmer schlief; da hört er dort ein Ferkel quieken. »Alte, Alte, was ist das da bei dir?« »O weh, Alter, ich habe ein Ferkel geboren.« Und sie fütterten das Ferkel im Zimmer und hielten es bei sich im Hause. Da sagt die Alte zu dem Alten: »Alter, weißt du, was ich mir gedacht habe? Unser Nachbar, der Bursche Jozo, hütet Schweine; wie wäre es, wenn wir ihm auch unser Ferkel zum Hüten geben und ihm etwas dafür bezahlen würden.« Der Alte ging zu dem Nachbarn und sagte: »Gelobt sei Jesus Christus, Nachbar, ich bin zu euch gekommen, um zu fragen, ob euer Jozo nicht auch unser Ferkel hüten könnte?« »Nun, wenn er es will, ich verbiete es ihm nicht. Hör mal, Jozo, willst du das Ferkel des Nachbarn hüten?« »Ja«, sagt er, »aber wird es denn mit unseren Schweinen mitgehen?« Da kommt auch die Alte. »Jozo, mein Söhnchen, ich gebe dir ein Stückchen Brot und komme am ersten Tag mit dir, und du gibst dann dem Ferkel immer ein kleines Stückchen Brot, damit es sich daran gewöhnt, mit dir zu gehen.« So hütete der Bursche das Ferkel einige Jahre, und es wurde ein großes Schwein. Aber dieses Schwein mischte sich nie unter die anderen Schweine und suhlte sich nie mit ihnen zusammen. Es trank Wasser aus dem Trog und suchte sich dann ein abgesondertes Gebüsch, um dort allein zu schlafen. Der Schweinehirt aber hatte sein Lager zwischen den übrigen Schweinen und diesem; dort ruhte er sich immer über Mittag aus. Das Schwein der Alten hieß Bilka. Gewöhnlich hatte der Schweinehirt, wenn er schlief, sein Gesicht Bilka zugewandt. Eines Tages, als er ausgeschlafen hat, öffnet er die Augen und sieht in dem Gebüsch – ein Mädchen; das hat goldene Haare und kämmt sich mit einem goldenen Kamm. Er hebt die rechte Hand, um sich die Augen zu reiben und zu sehen, ob ihn seine Augen nicht täuschen. Aber kaum bewegte er seine Hand, da verschwindet das Mädchen. Er stürzt zu dem Gebüsch, um zu sehen, ob er geträumt hat, oder ob es Wirklichkeit ist, was er gesehen hat. Als er aber zu dem Gebüsch kam, grunzte Bilka ihn an wie eine Sau. Er erzählte niemandem etwas von dem, was er gesehen hatte, denn er wußte nicht, ob er es geträumt oder wirklich gesehen hatte. Am nächsten Tag kommt er wieder mit den Schweinen auf den Weideplatz, geht am Mittag zu seinem Lager und legt sich an derselben Stelle nieder, wo er auch tags zuvor gelegen hat; er wendet sich zu Bilka hin und tut so, als ob er schlafe, und schnarcht etwas – wie diese Alte hier –. Durch die Wimpern aber schaute er zu Bilka hinüber und sah, wie sich das Mädchen mit dem goldenen Haar mit einem goldenen Kamm kämmte, wie beim ersten Mal. Aber er wollte niemandem erzählen, was er bei Bilka gesehen hatte. Eines Tages sagt die Mutter zu ihrem Sohn: »Jozo, mein Söhnchen, ich bin alt und kann nicht mehr arbeiten; du sollst jetzt heiraten, damit wir Hilfe im Hause haben. Ich habe schon ein Mädchen für dich gefunden.« »Welches denn, Mama?« »Die Reiche da«, sagt sie, »Škiljas Tochter Mara.« »Die will ich nicht, Mama, ich werde schon heiraten, aber wen ich nehme, das werde ich bestimmen; sonst will ich überhaupt nicht heiraten. Ich will die Bilka der Alten heiraten.« »Geh, Söhnchen, bist du verrückt geworden, eine Sau zu heiraten?« »Eine andere aber will ich nicht, Mutter.« Am nächsten Tag drängt die Mutter ihren Sohn wieder zu heiraten; er aber will keine andere als die Bilka der Alten. Was soll die Mutter da machen? Sie geht zum Pfarrer, um sich bei ihm zu beklagen, daß ihr Sohn keine andere zur Frau nehmen wolle als die Sau Bilka von ihrer Nachbarin, der alten Frau. Als der Pfarrer die Messe beendet hat, kommt er zu ihnen nach Hause und will hören, was er sich da ausgedacht hat. Der Pfarrer fragt: »Wie hast du dir das gedacht, eine Sau zu heiraten; die ist doch nicht getauft.« Er aber antwortet: »Laß nur, eine andere will ich nicht.« »Was sollen wir da machen, Alte, wenn es so ist, muß ich es dem Bischof melden, der Bischof dem Erzbischof, der Erzbischof dem Heiligen Stuhl, und wir werden sehen, was man dort entscheidet.« Als der Pfarrer nach einiger Zeit vom Heiligen Stuhl Bescheid erhielt, ging er in Jozos Haus und sagte zu seinem Vater und zu seiner Mutter: »Wenn er keine andere will, soll er mit der Sau zum Aufgebot kommen.« Es wurde Sonnabend; da ging Jozo zu der Alten, und er sagte: »Großmutter, ich habe die Sau liebgewonnen und um sie gefreit; heute gehe ich mit ihr zum Aufgebot.« »Alles Gute, mein Söhnchen.« Als er am Nachmittag wegen des Aufgebots zum Pfarrer ging, sprach sich das im Dorf herum; die alten Weiber erzählen sich, daß der Pfarrer eine Sau zum Aufgebot eintragen will. Als sie zum Pfarrer kamen, sagten sie: »Gelobt sei Jesus Christus, Hochwürden.« »In Ewigkeit, Söhnchen Jozo; du kommst also mit der Sau zu mir zum Aufgebot!« »Ja, Hochwürden, eine andere will ich nicht heiraten.« Der Pfarrer trug sein Geburtsjahr ein und fragte, wann sie, die Sau, geboren wurde: »Weißt du, Jozo, wann sie geworfen wurde?« »Ich weiß es, Herr!« Als er das Jahr, in dem sie geworfen worden war, eingetragen hat, fragt er die Sau: »Bilka, weißt du, daß du in diesem Jahre geworfen worden bist?« Sie aber antwortet ihm: »Hrr, hrr, hrr!« – dreimal. Und sie gehen vom Pfarrer fort und nach Hause. Nach drei Wochen versammelten sich bei Jozo die Hochzeitsgäste. Das ganze Dorf war zur Hochzeit eingeladen, und auch die Verwandtschaft war gekommen. Die Leute aus dem Dorf aber kamen aus Neugier, um zu sehen, wie man die Sau und Jozo trauen würde. Es kam der Tag der Trauung, und die Hochzeitsgäste versammelten sich vor dem Frühstück, um den Trauzeugen und den Hochzeitsältesten abzuholen. Die Hochzeitsfrauen stellten das Frühstück auf den Tisch. Nachdem die Hochzeitsgäste gefrühstückt hatten, sagte der Trauzeuge zu dem Brautführer: »Komm, Brautführer, leg das Handtuch um den Hals und laß uns zu der alten Frau in den Schweinestall gehen und die Braut abholen. Und ihr Musikanten, spielt lustig auf, auch wenn die Braut eine Sau ist!« Die Hochzeitsgäste kommen zu der Alten, die sich wie eine junge Braut gekleidet hat, und auch der Alte ist festlich angezogen. Fröhlich empfingen die Alte und der Alte ihren Schwiegersohn. Der Trauzeuge sagt zum Alten und zur Alten: »Laßt uns sofort die Braut holen, gleich ist Mittag, sie soll noch vorher getraut werden.« Da gehen die Hochzeitsgäste alle zum Schweinestall. Bilka hat ihren eigenen Stall und ist so sauber, als hätte sie sich mit Seife gewaschen. Als die Hochzeitsgäste kamen, trat der Brautführer als erster in den Verschlag. »Komm her, junge Braut, hier ist das Tuch.« Er steckt ihr das Tuch in den Mund, und sie packt es mit den Zähnen und geht neben ihm her zur Trauung in die Kirche. Der Pfarrer trat vor den Altar und empfing die Hochzeitsgäste. Er sagt: »Kniet nieder, Brautleute.« Der Bursche kniet nieder, die Sau aber setzt sich auf den Hintern. Der Pfarrer fragt ihn, ob er die Braut liebe, und erzählt ihm alles, wie es der Hochzeitsbrauch verlangt, und der Bursche antwortet auf alles. Als er die Sau fragte, ob sie den Bräutigam liebe, macht sie: »Hrr, hrr, hrr!« Und was er auch fragt, auf alles antwortet sie so dreimal. Dann nimmt der Pfarrer die Ringe und steckt ihm den seinen an die rechte Hand; ihr aber kann er den Ring nicht auf die Klaue stecken; da streckt sie die Zunge heraus, und er steckt ihr den Ring auf die Zunge. Als sie getraut waren, gingen sie von der Kirche geradewegs nach Hause. Die Hochzeitsfrauen hatten sie schon erwartet und stellten das Essen auf den Tisch. Da sagt der Trauzeuge: »Brautführer, setz du dich zwei Stühle weiter von mir, zwischen uns aber soll die Braut Bilka sitzen.« Und zu den Hochzeitsgästen sagt er: »Niemand darf sich etwas vom Essen nehmen, bevor ich nicht der jungen Braut etwas gegeben habe.« Er nahm von der ersten Speise und sagt: »Hochzeitsgäste, nehmt nichts, bevor das Essen der Braut nicht abgekühlt ist. Trinkt etwas und singt.« Als sich das Essen der Braut abgekühlt hatte, sagt der Trauzeuge : »Nehmt jetzt auch ihr alle, Hochzeitsgäste, jetzt können auch wir essen.« Und zu der Braut sagt er: »Nun iß, junge Braut.« Da sagt der Hochzeitsälteste: »Trauzeuge, wir alle trinken Schnaps, vielleicht möchte auch die Braut etwas trinken.« Der Trauzeuge nimmt ein Glas und eine Flasche mit Schnaps und füllt das Glas voll. »Braut, mach den Mund auf, dann werde ich dir Schnaps geben.« Die Braut macht den Mund auf, und der Trauzeuge schüttet ein Glas Schnaps in Bilkas Schnauze. »Braut Bilka, möchtest du noch ein Glas Schnaps?« Sie aber klappert immer nur mit den Zähnen, bewegt die Ohren hin und her und schlägt sie sich vor die Augen zum Zeichen, daß sie keinen Schnaps mehr trinken will. Nachdem man zu Abend gegessen hatte, vergnügten sich die Hochzeitsgäste bis Mitternacht. Da...