E-Book, Deutsch, Band 31, 88 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 200 mm
Reihe: Franziskanische Akzente
E-Book, Deutsch, Band 31, 88 Seiten, Format (B × H): 120 mm x 200 mm
Reihe: Franziskanische Akzente
ISBN: 978-3-429-06543-0
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer der ihr nachspürt, dem kann aufgehen, dass echte Dankbarkeit immer schon eine religiöse Erfahrung ist, auch wenn „Gott“ dabei nicht ausdrücklich vorkommt. Dabei ist Dankbarkeit nicht nur eine Sache für Kopf und Herz: Dankbarkeit prägt das Handeln. Sie kann eingeübt werden und wachsen. Sie ist die Quelle von Fest und Feier.
Zu solcher Dankbarkeit lädt gerade die franziskanische Spiritualität ein. Franz von Assisi war ein froher Mensch. Nicht, weil sein Leben unbeschwert war, sondern weil er sich ein dankbares Herz bewahrt hat.
Autoren/Hrsg.
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1.Dankbarkeit erfahren
Kluge Frauen und Männer haben über die Dankbarkeit nachgedacht. Schriftstellerinnen und Poeten haben über sie geschrieben. Fromme haben ihre Dankbarkeit in Gebeten und Ritualen zum Ausdruck gebracht. Was aber ist das denn eigentlich, Dankbarkeit? Wie und wann erfahre ich sie? Oder besser gefragt: Was erfahre ich, wenn ich mich dankbar erfahre? Beschenkt sein
„Ich kann das allein!“ Das ist ein wichtiger und notwendiger Satz im Leben eines Menschen. Was für ein grandioser Moment, wenn sich das kleine Kind erstmals am Stuhlbein vom Boden hochzieht, noch etwas wacklig auf eigenen Füßen steht und dann selbständig den ersten Schritt tut! Jugendliche müssen sich irgendwann von den Eltern abnabeln, selbst Entscheidungen treffen, den eigenen Weg finden. Wer im Leben seine Frau oder seinen Mann stehen will, muss eigenverantwortlich handeln und selbständig arbeiten können. Und wer möchte nicht im Alter möglichst lange selbstbestimmt leben, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein? Wie gut also, wenn jemand sagen kann: „Ich schaffe das allein!“ „Ich schaffe das allein!“ So wichtig dieser Satz auch ist, er ist nur die Hälfte der Wahrheit. Denn wir brauchen einander. Niemand ist autonom. Niemand genügt sich selbst. Am Beginn seines Lebens ist jeder Mensch viele Jahre auf die Sorge seiner Eltern angewiesen. Kein kleines Kind könnte allein überleben. Nur in der Beziehung zu anderen lerne ich sprechen und denken. Wie wichtig ist es, in einer Krise eine verlässliche Freundin, einen Partner, die Familie an seiner Seite zu wissen. Gemeinsam geht nicht nur vieles leichter. Vieles geht überhaupt nur gemeinsam! Es ist traurig, wenn jemand sagen muss: „Ich habe niemanden! Ich bin ganz allein!“ Wir brauchen einander. Schon, dass ich da bin, ist nicht meine Entscheidung. Ich verdanke mein Leben anderen Menschen. Sosehr ich an mir arbeiten und meine Fähigkeiten trainieren kann, letztlich wurden mir meine Talente „in die Wiege gelegt“. Darauf weist unser schönes deutsches Wort „Begabung“ hin: Ich habe eine Gabe erhalten, jemand hat mir etwas gegeben. Vieles, was mir wichtig ist, kann ich nicht „machen“: Vertrauen, Freundschaft, Liebe, Treue oder Versöhnung werden mir nur in Beziehungen geschenkt. Ich bin auch nicht einfach ich, ein für allemal fertig. Ich bin das, was zwischen mir und anderen geschieht. Meine Identität vollzieht sich in Beziehungen. Natürlich bleibt die andere Seite meiner Erfahrung, gerade in unserer Leistungsgesellschaft: Ich muss mich anstrengen, hart arbeiten und mir im Beruf und auch in meinen Beziehungen vieles mühsam verdienen. „Ohne Fleiß kein Preis“, sagen wir. „Was nichts kostet, taugt nichts“, davon sind viele Menschen fest überzeugt. Dabei geht es nicht nur um Geld. Wer es zu etwas bringen will, muss Zeit, Kraft und Ausdauer investieren. Die in Wissenschaft und Technik gewonnene Überzeugung, dass (fast) alles machbar ist, hat sich inzwischen tief in unserer Seele festgesetzt. Aber ist denn die Treue der Partnerin oder des Partners, der Zusammenhalt in der Familie, eine Freundschaft wirklich mein Verdienst? Habe ich ein Anrecht auf Zuwendung, auf tragende Fundamente, auf ein Grundvertrauen ins Leben? Ich investiere auch in meine Gottesbeziehung und pflege meinen Glauben – aber wenn ich immer noch glauben darf, ist das nicht meine Leistung, sondern Geschenk. Wer beschenkt wird, fragt schon einmal: „Womit habe ich das verdient?“ Wenn es wirklich ein Geschenk war, ist die Antwort einfach: Durch nichts! Du hast das überhaupt nicht verdient! Das ist dir geschenkt. „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“, fragt Paulus. „Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7). Dietrich Bonhoeffer schreibt 1943 aus dem Gefängnis Berlin- Tegel an seine Eltern: „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, schlechthin in allem auf die Hilfe der anderen angewiesen zu sein. Aber jedenfalls lernt man in solchen Zeiten dankbar zu werden und wird das hoffentlich nicht wieder vergessen. Im normalen Leben wird es einem oft gar nicht bewusst, dass der Mensch überhaupt unendlich mehr empfängt, als er gibt, und dass Dankbarkeit das Leben erst reich macht. Man überschätzt wohl leicht das eigene Wirken und Tun in seiner Wichtigkeit gegenüber dem, was man nur durch andere geworden ist.“2 Es gibt Momente, in denen ich spontan eine tiefe Dankbarkeit empfinde. Dennoch ist Dankbarkeit mehr als nur ein aktuelles Gefühl. Dankbarkeit ist eine Grundhaltung und vielleicht sogar eine Grundentscheidung. Das wird auch daran sichtbar, dass Dankbarkeit nicht unmittelbar an ein äußeres Wohlergehen gebunden ist. Es gibt dankbare Kranke ebenso wie ewig unzufriedene Nörgler, die alles haben. Aus welcher Grundhaltung heraus lebe ich? Bin ich der Macher-Typ, der alles allein schaffen möchte? Dann ist das, was gelingt, meine eigene Leistung und ein Erfolg, auf den ich stolz sein darf. Oder ist mir bewusst, dass ich beschenkt bin und in Beziehungen empfange, was ich mir selbst nie geben könnte? Dann sind Freude und Erfüllung immer neu eine Überraschung, die tief dankbar macht. Der selbstzufriedene Macher-Typ besitzt und verteidigt verbissen, was er in den Händen hat und nicht loslassen will. Dankbar Beschenkte empfangen staunend mit offenen Händen, die sie anderen entgegenstrecken. Für das, was mir zusteht, muss ich nicht danken. Das kann ich einfordern. Dankbar macht das unerwartete Geschenk. Man sollte denken, jeder Mensch wäre froh, wenn er beschenkt wird. Aber es gibt Menschen, die wollen und können sich nicht beschenken lassen: „Womit kann ich das denn wieder gutmachen?“, fragen sie dann. Wir sprechen selbstverständlich davon, dass jemand einem anderen „Dank schuldet“. Die Formulierung ist eigentlich unsinnig. Eine Schuld kann nur entstehen, wo eine Leistung vergütet werden muss. Wirkliche Geschenke sind Ausdruck von Wohlwollen, ohne egoistische Hintergedanken und auch ohne Recht auf Dankbarkeit. Es ist nicht leicht, ein Geschenk einfach nur dankbar anzunehmen, ohne sich gleich mit einem möglichst größeren Gegengeschenk revanchieren zu wollen. Es ist nicht einfach, nur zu empfangen und nicht sofort auch wieder zu geben. Wer gibt, ist in der stärkeren Position. Eine angebliche Verpflichtung zur Dankbarkeit kann missbraucht werden, um Menschen lebenslang zu binden und kleinzuhalten. Der Vorwurf, undankbar zu sein, kann ein Leben zerstören. Wer empfängt, ist abhängig von dem, der gibt. Wer will schon abhängig sein? Es gibt aber auch so etwas wie eine dankerfüllte Abhängigkeit, ein Verwiesensein aufeinander, das die eigene Hilfsbedürftigkeit anerkennt und doch die Schenkenden wie die Beschenkten frei lässt. Es erfordert Demut, ein Geschenk anzunehmen. „Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen“, schreibt Dietrich Bonhoeffer. „Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen. Lieber will er verdiente Strafe als unverdiente Güte, lieber aus eigener Kraft zugrunde gehen als aus Gnade leben. Er weist Gottes Liebe, die über das Gute und Böse die Sonne scheinen lässt, zurück. Der Dankbare weiß, dass ihm von Rechts wegen nichts Gutes zukommt, er lässt aber die Freundlichkeit Gottes über sich walten und wird durch unverdiente Güte noch tiefer gedemütigt.“3 Dass Dankbarkeit und Demut eng zusammenhängen, wusste auch schon Franz von Assisi: „Lobt und preist meinen Herrn“, heißt es am Ende seines Sonnengesangs, „und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut“ (Sonn 10, FQ 41). Staunen
Das Staunen gilt als Anfang der Philosophie. Immer wieder haben Menschen staunend gefragt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Es ist nicht selbstverständlich, dass es die Welt gibt. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich lebe. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen mich mögen und ihre Nähe mich mit tiefer Freude erfüllt. Wie wenig selbstverständlich etwas ist, merken wir oft erst dann, wenn es plötzlich fehlt. Dann vermisse ich auf einmal einen Menschen, eine Aufgabe, die Gesundheit, ein Grundvertrauen in das Leben, vieles, was ich bisher nicht wertgeschätzt und übersehen hatte, weil es immer da war. Wer nicht alles einfach als normal ansieht und sich wenigstens ab und zu verwundert die Augen reibt, weil ihm etwas Schönes und Unerwartetes begegnet, entdeckt eine völlig neue Welt voller Wunder und Überraschungen. Wer staunen kann, sieht mehr und tiefer. Das Staunen öffnet den Menschen. Es spannt ihn aus, über sich hinaus nach mehr. Und es hält ihn offen. Auch wenn der Mensch ein Gewohnheitstier ist und vieles, was ihm bei der ersten Begegnung interessant und aufregend erscheint, bald seinen Reiz verliert, so nutzt sich echtes Staunen doch nicht ab. In der Beziehung zu einem geliebten Menschen kann ich immer neu Überraschendes entdecken. Bei dem, was mich wirklich freut,...