E-Book, Deutsch, Band 30, 237 Seiten
2000-2024
E-Book, Deutsch, Band 30, 237 Seiten
Reihe: Kultur - Herrschaft - Differenz
ISBN: 978-3-381-12403-9
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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25 Jahre Kakanien revisited
Vorwort der Herausgeber Im Jahr 2000 fand das erste Symposion des sich konstituierenden Forschungsnetzwerks Kakanen revisited in der Grenzstadt Raabs an der Thaya im Nordosten Österreichs statt. Fünfzehn Kilometer davon entfernt blickten die Kakanier*innen 2022 im benachbarten Drosendorf, das übrigens in Franz Grillparzers Drama König Ottokars Glück und Ende zweimal Erwähnung findet, auf mehr als zwanzig Jahre transnationaler Zusammenarbeit zurück. Dass das Grillparzer-?Stück nicht nur bei Claudio Magris als Grundstein für den „habsburgischen Mythos“ in der österreichischen Literatur gilt, sei hier nur angemerkt. Der lange Atem von Kakanien revisited, das inzwischen als ein kaum zu vernachlässigender Beitrag zu den Central European Studies angesehen werden darf, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der vorliegende Band in unserer Buchreihe Kultur-?Herrschaft-?Differenz die Nummer 30 trägt – wobei nicht alle Bände dieser Reihe im Rahmen unserer Forschung, sondern auch zu verwandten Themen erschienen sind. Dabei sind die Beiträge in der inzwischen nur mehr als Archiv zugänglichen digitalen Publikationsplattform Kakanien revisited noch gar nicht mit eingerechnet. Kakanien revisited als der inoffizielle Titel von und Rahmen für insgesamt drei Forschungsprojekte ist mehr als nur eine launige Referenz an Robert Musil und das achte Kapitel seines Romans Der Mann ohne Eigenschaften, das eben diesen Titel trägt: Entfaltet doch der Autor hier, im Anschluss an seine früheren Aufsätze (Politik in Österreich, 1912; Politische Bekenntnisse eines jungen Mannes. Ein Fragment, 1913) einen überaus originellen Blickwinkel auf den durch die Habsburger Monarchie geprägten Raum in der Mitte Europas. Dabei verbindet sich die Diagnose einer retardierten Moderne, wie sie für Imperien des habsburgischen Typus charakteristisch ist, mit dem interessanten Befund, wonach die „Eigenschaftslosigkeit“ nicht bloß für den Protagonisten Ulrich, sondern eben auch für jene Monarchie gilt, die einmal mit großem K, einmal mit kleinem k und dann sogar mit einem großen und einem kleinen K. u. k. versehen wird, eben weil ihre Referenzen und Bezüge – kaiserlich-österreichisch, königlich-?ungarisch, k. u. k gesamtstaatlich) unscharf sind. Mit dieser Unschärfe geriet der habsburgische Vielvölkerstaat unvermeidlich in Konflikt mit all jenen, die auf Identität und Eigenschaften pochen, Nationalisten, Ideologen und Erlöser. Hinter all diesen fixierenden Etiketten und Prädikationen wird indes jene Leere sichtbar, die in der Moderne zum gar nicht so heimlichen Movens avanciert. (Ob Kakanien, wie Joseph Roth, ein Freundfeind Musils, einmal geargwöhnt haben soll, eine exkrementale Anspielung enthält, soll hier offenbleiben.) Damit leistet der Roman auch einen analytischen Beitrag zur Frage des Verhältnisses von pluri-?identischen Imperien und mono-?identischen ‚Völkern‘ bzw. Nationsprojekten. Gleichzeitig geraten in diesem Prozess die traditionellen Ordnungen ins Wanken, was der Roman anschaulich an jenen Menschen zeigt, die sich um die geplante sinnrettende und bedeutungsstiftende „Parallelaktion“ herum in Stellung bringen. Kakanien revisited steht nun für eine ganz bestimmte Sichtweise dieses so heterogenen und doch zugleich auch grenzüberschreitenden Raums – eine Sichtweise, die sich im Anschluss an Denker wie Georg Simmel, Sigmund Freud, aber eben auch an Robert Musil als Ambivalenz bestimmen lässt. Diese geht über das reine Weder-?Noch – Völkerkerker vs. vorweggenommene europäische Union – hinaus, auch wenn sie dieses voraussetzt. Ambivalenz meint also, dass Anziehung und Ablehnung, Liebe und Hass, Hoffnung und Zweifel auf merkwürdige und untrennbare Weise zusammenfallen. (Um diese Ambivalenz zu beschreiben, bedient sich Musils Roman der unmöglichen rhetorischen Figur, die Ja sagt und Nein meint. Und umgekehrt.) So besehen ist der neue Blick auf die Monarchie, das revisiting, auch ein Wiedersehen alter Sichtweisen, die freilich lange Zeit nicht zum Zug gekommen sind. In gewisser Weise hat Musil einen wesentlichen Punkt herausgearbeitet, der in den meisten neueren Theorien über Nation und Nationsbildung ungeachtet aller Unterschiede von Belang ist: die Modernität der erfundenen Nation und ihrer identitätspolitischen Setzungen. Ebenso hat Musil deren bedenkliche Seiten aufgezeigt und zugleich das befriedete imperiale Selbstbild, das sich dem nationalistischen Symbolhaushalt entgegenstellt, kräftig ironisiert. Einen kulturwissenschaftlichen Blick, der tendenziell schon in Musils Roman obwaltet, kann auch das methodische Besteck, dessen sich das Netzwerk Kakanien revisited bedient, schwerlich verleugnen: die Bezugnahme auf bestimmte Prämissen der britischen Cultural Studies, die Imperien- und Nation(alismu)sforschung, Postkolonialismus, die Dynamik von Zentrum und Peripherie, medientheoretische Überlegungen, die kritische Reflexion von Fremd- und Selbstbildern oder die Einbeziehung psychoanalytischer, narratologischer und semiotischer Perspektiven. Im vorliegenden Sammelband werden nun die Ergebnisse des Symposiums präsentiert, das unter dem Titel Kakanien revisited. Rückblicke und Ausblicke auf Mitteleuropa vom 22. bis zum 24. April 2022 stattgefunden hat. Diese Drosendorfer Veranstaltung wurde von den Organisatoren als Bilanz, Rückschau, Reflexion und Fortführung des Projektes Kakanien revisited konzipiert, welches zu den erfolgreichsten kulturwissenschaftlichen Forschungsvorhaben gehört, die von Österreich aus initiiert wurden und einen großen internationalen Widerhall gefunden haben. Kakanien revisited begann als ein FWF-?Forschungsprojekt sowie als ein vom österreichischen Wissenschaftsministerium finanziertes Internet-?Pilotprojekt; es folgten zwei weitere von staatlichen funding agencies finanzierte Forschungsprojekte in Wien und Zagreb, an denen sich viele Human- und Sozialwissenschaftler*innen aus verschiedenen Herkunftsländern beteiligt haben. Parallel dazu liefen auch mehrere bilaterale Kooperationen zwischen Österreich auf der einen sowie Tschechien, Ungarn, Rumänien und Kroatien auf der anderen Seite. Hinzuzufügen wäre auch, dass Kakanien revisited zu zahlreichen Partnerschaften und Initiativen führte, die von den theoretischen und thematischen Fokussierungen der Forschungsgruppe beeinflusst worden sind; darüber hinaus hat es in den universitären Alltag vieler Länder Eingang gefunden. Die seit der Gründungstagung in Raabs 2000 erschienenen Sammelbände und Monographien im Rahmen von Kakanien revisited kreisen jedenfalls um die kulturelle Beschaffenheit eines so faszinierenden Raumes, wie ihn eben jener mittlere Teil des Kontinents darstellt, in dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts – Erster Weltkrieg, Zusammenbruch der Doppelmonarchie, Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg, Genozide, Kalter Krieg der Systeme und der Zusammenbruch der totalitären Regime in Mittel- und Osteuropa – vielfältige Spuren hinterlassen haben. Auf diese post-?kakanische Region trifft zu, was Jurij Lotman generell über den semiotischen Raum gesagt hat: dass er „sowohl ungleichmäßig und asymmetrisch als auch einheitlich und homogen“ ist. Kakanien revisited operiert bis heute grosso modo mit einem Konzept von Kultur, dass diese durch Phänomene wie Differenz und Macht gezeichnet sieht. Dabei spielen und spielten Begriffe wie ‚postimperial‘ und die Frage der Anwendbarkeit postkolonialer Ansätze eine maßgebliche Rolle in der Suche nach einem dritten Weg jenseits von historischer Nostalgie und der Fortschreibung national(istisch)er Identitäts- und Opferkonzepte. Ein ganz wichtiger Nebeneffekt ist, dass in diesem Versuch einer kulturellen Zusammenschau des post-?kakanischen Raumes (Österreich und die „Nachfolgestaaten“) Korrespondenzen zwischen den einzelnen Literaturen und Kulturen zutage treten, die durch die Betrachtungsweise nationaler Literatur- und Kulturgeschichten oft verschüttet oder zumindest verschattet geblieben sind. Dies soll sich nun auch im Aufbau des vorliegenden Jubiläumsbandes spiegeln. * Die erste Sektion des vorliegenden Buches stellt unter dem Titel Herrschaftsformen in Zentraleuropa die Habsburger Monarchie in den methodischen Rahmen der Imperienforschung. Dabei kommt auch die Bedeutung des Postimperialen zur Sprache. In seinem Eröffnungsbeitrag vertritt Pieter Judson (Florenz) die anregende These, dass der Übergang vom Imperium zu den Nationalstaaten in Zentraleuropa in vieler Hinsicht fließend sei: Die Nationen, deren Entstehungsprozess sich innerhalb des habsburgischen Vielvölkerreichs im 19. Jahrhundert vollzog, waren zwar nicht formal anerkannt, konnten aber ihre Existenz durch die Gründung ihrer wichtigsten Institutionen durchaus behaupten – ein Umstand, der die oft vorgetragene Annahme dementiere, die Donaumonarchie wäre ein „Völkerkerker“ gewesen. Auf der anderen Seite lasse sich nicht übersehen, dass die Nationalstaaten, die aus der Konkursmasse der k. u. k.-Monarchie hervorgegangen sind, viele Kennzeichen imperialer Praktiken behalten und daher wie eine Art ‚kleiner Imperien‘ ausgesehen haben: In der post-?kakanischen Zeit lassen sich zwar, so Judson, einige wichtige Brüche, insbesondere in der binnenstaatlichen Beweglichkeit sowie im Wirtschafts- und Bildungssektor festhalten; weitaus bedeutender...