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Buch, Deutsch, 392 Seiten, Format (B × H): 141 mm x 218 mm, Gewicht: 506 g
Oder wie Lernen mir half eine neue Heimat zu f¿inden
Buch, Deutsch, 392 Seiten, Format (B × H): 141 mm x 218 mm, Gewicht: 506 g
ISBN: 978-3-95768-269-7
Verlag: Olzog
Allein in Gyaamani ist die faszinierende Lebensgeschichte der Bildungsaktivistin und SchlauFox-Gründungsinitiatorin Gloria Boateng. Eine Geschichte voller Tragik, Hoffnung und Lebensbejahung. Gloria Boateng nimmt die Leser*innen mit auf eine Reise, die mit kleinen Schritten etwas Großem entgegensteuert. Eine Reise, die Mut macht.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
Prolog
Teil I: Lebensschule – Meine Kindheit in Ghana
Zerrissene Familienverhältnisse
Licht und Schatten in der frühen Kindheit
Me maame – Meine Mutter
Me papa – Mein Vater
Bei Aunty Adwoa in Kumasi
Nana Yeboah und der Tag, der alles veränderte
Reisevorbereitungen und die kreative Geburtsurkunde
Teil II: Ankunft in einer fremden Welt
Moin Moin, Gloria – Ama im Land der Obronis
Schule in Deutschland ist überhaupt nicht toll!
Mutterseelenallein
Plötzlich Pflegekind
Rassismus überall
Drei gegen eine
Familienleben mit Licht und Schatten
Goodbye, Reimers – Hello, Wohnheim
Umzug – again
Teil III: Glaube an dich selbst, wenn niemand an dich glaubt
Folgenreiche Begegnung
Bittere Erkenntnis
Wieder ein Tag, der alles verändert
In anderen Umständen zum Abitur
Back to school
Mein Sabbatical lichtet den Nebel
Der Plan zur Rückkehr
Back to Pramso – nach 14 Jahren
Aufgeben ist keine Lösung – Alltag unter Dreifachbelastung
Kein Stipendium, sondern
Eine Kerze, die an beiden Enden brennt
Ein Maulwurf unter den Föxen
Bleibt alles anders?
Staatsexamen – ich komme
SchlauFox e.V
Epilog
Bilderverzeichnis
Glossar
Danksagung
Prolog
Ghana, 2003. Ich sitze auf einer Bank mit einem mir unbekannten Jungen. Vor uns eine asphaltierte Straße, hinter uns eine Schule. Es ist eine Primary and Junior Secondary School, vergleichbar mit dem Schultyp Grundschule mit weiterführender Unterstufe in Deutschland.
Wir besuchen mein Geburtsland Ghana und sind in Kuntanase, einer kleinen Stadt in der Nähe von Kumasi in der Ashanti Region. Kumasi ist die zweitgrößte Stadt in Ghana. Der Junge ist hier zu Hause. Ich bin nur zu Gast. Ein Verwandter von mir unterrichtet an dieser Schule. Als ich ihn besuche, finde ich den Jungen auf dieser Bank. Auf dem Schulhof tobt gerade das pralle Leben, die Schüler haben Pause.
»Hello«, begrüße ich den Jungen. Er lächelt mich an und zeigt dabei eine Reihe blitzweißer, wohlgeformter Zähne. So weiß sind meine Zähne schon lange nicht mehr. »Hello ma’am.«
»How are you?«
»I am good. Thank you, ma’am.« Ich wundere mich, wie gut sein Englisch ist. In seinem Alter konnte ich längst nicht so gut Englisch sprechen.
»Warum sitzt du allein hier draußen?«, frage ich ihn. Wir sprechen weiterhin Englisch. Er mag vielleicht elf oder zwölf Jahre alt sein. Verlegen schaut er weg.
»Ich kann nicht zur Schule gehen.«
»Wieso nicht?« Er antwortet nicht gleich, sein Blick wandert an mir vorbei in die Ferne.
»Ist das dein Kind?«, fragt er.
»Ja, das ist Saraphina. Ich bin Gloria.«
»Spricht sie Twi?«
»Leider nicht. Ich habe mal Twi gesprochen. Aber ich habe es verlernt, deshalb konnte ich es ihr nicht beibringen.«
»But I speak English«, sagt meine Tochter.
»Sie ist süß. Saraphina. Sehr hübsch.«
»Thank you«, antwortet Saraphina. »What’s your name?«, will mein kleines Mädchen wissen.
»I’m Benjamin.«
»Also, Benjamin, ist das deine Schule?«, setze ich noch mal an. Er nickt.
»Ich bin hier sechs Jahre lang zur Schule gegangen.«
»Und jetzt gehst du nicht mehr in die Schule?«
»Ich würde ja gerne«, sagt er und weicht meinem Blick erneut aus.
»And why don’t you go?«, fragt Saraphina.
»Ich darf nicht. Wir können das Schulgeld nicht mehr bezahlen.«
Ich bin nicht vorbereitet auf die Wucht seiner Worte. Sie treffen mich hart und ich bin für einen Moment sprachlos. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne es nur allzu gut.
»Möchtest du denn zur Schule gehen?«, frage ich vorsichtig.
Er strahlt über das ganze Gesicht. »Ja, und wie. Ich möchte unbedingt. Ich bin immer gern gegangen«, sprudelt es aus ihm heraus.
»Und wie gut warst du in der Schule?«
»Sehr gut. Einer der besten in meiner Klasse. Ich lerne schnell.«
»Dann solltest du damit weitermachen.«
»Würde ich ja gern, aber das geht nicht. Schon lange nicht mehr.«
»Don’t worry, Benjamin. Das wird sich jetzt ändern.«, sage ich und streichle ihm über die Hand.
»Wie? Ich verstehe nicht.« Er schaut irritiert erst Saraphina an, dann mich.
Saraphinas und mein Blick treffen sich. Ich weiß, was sie denkt, sie kennt mich sehr gut. Ich nicke ihr zu. Dann zögere ich kurz, auf der Suche nach den richtigen Worten.
»Du wirst ab jetzt wieder zur Schule gehen.«
»Das ist nicht …«, beginnt er.
»Das ist möglich. Weil ich für dich das Schulgeld zahlen werde. Jedes Quartal. So lange, bis du die Schule beendet hast. Auch die Senior Secondary School.«
Eine Weile sagt Benjamin nichts. »Warum solltest du das tun?«, fragt er schließlich unsicher. Seine Stimme bebt ein bisschen dabei. Sein Blick ist unruhig. Er hat Tränen in den Augen.
»Weil es dein Recht ist. Es ist dein Recht, in die Schule zu gehen. Es ist dein Recht, zu lernen. Es ist das Recht eines jeden Kindes!«
»Ja, aber warum du? Warum willst du die Schule für mich bezahlen?«
»Ich war auch mal in der Situation, in der du jetzt bist, Benjamin.«
Ich bin Gloria. Früher hieß ich Ama. Ich war ein kleines Mädchen aus dem ghanaischen Dorf Pramso. Heute bin ich Gloria, Hamburgerin. »Mit Migrationshintergrund« würden viele Menschen in Deutschland hinzufügen. Erste Generation. Als ich 2003 auf Benjamin treffe, kehre ich zum ersten Mal seit meiner Auswanderung 1989 nach Deutschland in meine Heimat Ghana zurück. Die Begegnung mit Benjamin hat nicht nur sein, sondern auch mein Leben verändert: Er kann wieder zur Schule gehen und ich unterstütze seitdem noch mehr Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg. In Ghana vor allem finanziell, in Deutschland überwiegend ideell. Es ist ein Privileg, das tun zu können und zu dürfen. So wie Bildung noch immer ein Privileg in den meisten Ländern dieser Welt ist. Sogar im reichen Deutschland. Inzwischen setze ich mich beruflich wie privat für Bildung, Teilhabe und Teilgabe von jungen Menschen ein. Mein Weg hierhin war lang und beschwerlich. Dies ist meine erlebte Geschichte. Folge mir auf meine biografische Reise, die sich über zwei Kontinente erstreckt, und erfahre, wie aus Ama Gloria wird.