Bertolaso | Rettet die Nachrichten! | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 6, 358 Seiten

Reihe: Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses

Bertolaso Rettet die Nachrichten!

Was wir tun müssen, um besser informiert zu sein

E-Book, Deutsch, Band 6, 358 Seiten

Reihe: Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses

ISBN: 978-3-86962-520-1
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wir müssen uns dringend um die Nachrichten kümmern. Demokratie, Rechtsstaat und individuelle Freiheiten wird es ohne verlässliche Information nicht mehr geben. Sie vertragen kein "postfaktisches" Verschwimmen von Wahr und Falsch. Der westliche Nachrichtenjournalismus steckt in der Krise, auch wegen eigener Fehler. Wenige Großkonzerne beherrschen die neue digitale Informationslandschaft. Ihre Algorithmen sind an Umsatz und Ertrag ausgerichtet. Sie begünstigen Konflikt und Krawall, nicht Austausch und Achtung. Autoritäre Staaten operieren erfolgreich mit den neuen Kommunikations- und Kontrollmöglichkeiten. Die Corona-Krise hat all dies deutlich ans Licht gebracht und sie hat gezeigt, dass der Nachrichtenjournalismus einen Neuanfang braucht. Redaktionen müssen sich in Frage, aus Fehlern lernen und ihre Arbeit öffentlich zur Diskussion stellen. Gefordert sind aber genauso Politik, Wirtschaft, Verbände und die gesamte Gesellschaft. Wir alle sind in der Verantwortung, wenn wir die Nachrichten retten wollen.
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Autoren/Hrsg.


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Einleitung
Teil eins: Die Krise der Nachrichten
Kapitel 1: Freie Nachrichten: Eine historische Ausnahme
Kapitel 2: Mehr Probleme als genug: Nachrichten unter Druck
Nicht klar definiert? – Was mit Nachrichten gemeint ist
Nicht mehr geliebt? – Die Sache mit dem Vertrauen
Nicht mehr repräsentativ? – Wenn Menschen sich nicht wiedererkennen
Nicht mehr gebraucht? – Die gefährlichen Umgehungsstrategien
Nicht mehr genutzt? – Netz und soziale Medien als neue Informationsquellen
Nichts mehr wert? – Die (scheinbar) kostenlose Ware Nachricht
Exkurs: Der Alltag der Nachrichten
Eine Redaktion im Lauf der Jahrzehnte
Das alltägliche Ziel: Konstruktion von Wirklichkeit
Teil zwei: Realistische Nachrichten – Neustart für den Informationsjournalismus
Kapitel 3: Wer wir sein wollen – Das Selbstverständnis der Nachrichten
Verzicht auf die Allwissenheit
Nachrichten und Wahrheit(en)
Abschied von der Objektivität
Probleme der Postobjektivität
Nachrichten und Emotionen
Die große Negativverzerrung
Nachrichten und Macht
Kapitel 4: Was sich ändern muss: Mehr Nachrichten wagen
Ein neues Verständnis von Aktualität und Relevanz
Ausweitung der Beobachtungszone
Gesellschaftliche Perspektiven
Internationale Sichtweisen
Komplexität und Vertiefung
Das A und O: Die Quellen der Nachrichten
Organisation, Ressourcen und Verbreitung der Nachrichten
Teil drei: Die Nachrichten retten: Eine Gemeinschaftsaufgabe
Kapitel 5: Realistische Nachrichten: Eine Zusammenfassung in zehn Punkten
Kapitel 6: Was die Gesellschaft tun sollte: Eine Wunschliste mit acht Punkten
Schlussbemerkung und Dank
Literatur und andere zitierte Quellen


KAPITEL 2
MEHR PROBLEME ALS GENUG: NACHRICHTEN UNTER DRUCK
Lange schien die Nachrichtenwelt in Ordnung. So war es zum Beispiel am Donnerstag, dem 8. Januar 1976. Damals versammelte sich in meiner kleinen westdeutschen Heimatstadt am Nachmittag eine Menschenmenge vor einem Schaufenster. Es gehörte zu einer der beiden Lokalzeitungen, die es auch in unserem Ort noch im Plural gab. Als ich endlich durchgekommen war, sah ich den Grund der Aufregung: Die Redaktion hatte eine Eilmeldung ins Fenster gehängt. Zhu Enlai war gestorben, der langjährige Premierminister der Volksrepublik China, Maos Vertrauter und Rivale. Ein abgerissenes Stück Fernschreibpapier mit Tesafilm in einem Fenster befestigt, so wurden ›Breaking News‹ 1976 verbreitet. Es sollte noch Jahre dauern, bis mit France Info das erste Nachrichtenradio in Europa oder der TV-News-Kanal CNN in den USA auf Sendung gingen. Smartphones, Nachrichten-Apps oder Twitter waren jenseits aller Vorstellungskraft. Dennoch elektrisierte die dürre Meldung aus dem fernen China die Passanten und brachte sie auf dem Bürgersteig unserer Kleinstadt ins Gespräch. Die meisten würden die Nachricht anderen weitererzählen. Später würden sie im Radio und abends in den Fernsehnachrichten mehr erfahren. Am nächsten Morgen wartete dann die Zeitung mit weiteren Hintergründen auf und vermutlich mit einem Kommentar zum Stand der Dinge in Peking aus weltpolitischer Perspektive. Die Aufgabenverteilung der Informationsmedien war klar und komplementär, die Geschäftsmodelle waren gut abgesichert. Kaum jemand wäre damals auf die Idee gekommen, die Nachrichtenanbieter grundsätzlich infrage zu stellen. Dabei war die gesellschaftliche Stimmung 1976 in der alten Bundesrepublik angespannter als heute. Der RAF-Terror hielt das Land in Atem. Der Kalte Krieg lastete schwer auf allem und auf allen. Erst nach einem langen und harten Wahlkampf sollte sich Bundeskanzler Helmut Schmidt knapp gegen seinen Herausforderer Helmut Kohl behaupten, der mit der polarisierenden Parole »Freiheit statt Sozialismus« angetreten war. Die gerade eingeführte Gurtpflicht für Autofahrer erregte die Gemüter ähnlich stark wie heute der Begriff ›Impfpflicht‹. Natürlich wurde über den Journalismus gestritten. Öffentlich-rechtliche Sender wurden als ›Rotfunk‹ oder ›Schwarzfunk‹ attackiert, Zeitungen wurden Lagern zugeordnet und entsprechend angegriffen. Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, ›Lügenpresse‹ zu rufen. Diese Zeiten sind erst einmal vorbei. Heute bekomme ich E-Mails wie diese vom 30.8.2020, in der ein Hörer mir mitteilt: »Ihren Sender wie auch die andere Lügenpresse, ARD, ZDF und andere staatskonforme Medien werde ich nicht mehr konsumieren. Ihr solltet euch [sic!] schämen, aber wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lügen sie [sic!] weiter so, und im Internet findet man die richtigen Informationen. Wir brauchen euch nicht!!!« Die Lage des Nachrichtenjournalismus ist schwierig geworden. Lassen Sie uns einen Blick auf einige Aspekte der Krise werfen. Beginnen wir aber mit der Frage, worum es bei den Nachrichten überhaupt geht. Nicht klar definiert? – Was mit Nachrichten gemeint ist
Die wunderbare Welt der Nachrichten ist reich und vielgestaltig, sie ist bunt und widersprüchlich. Nachrichtenkulturen haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Sie unterscheiden sich trotz global wirksamer Trends nach wie vor von Land zu Land erheblich, selbst unter ähnlich verfassten Staaten. Innerhalb der einzelnen Gesellschaften wiederum zeigt sich ebenfalls eine beachtliche Vielfalt im Informationsbereich. Diese Unterschiede machen allgemeine Urteile über ›die Nachrichten‹ fast unmöglich, wie auch die pauschale Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Rolle des Informationsjournalismus. Und dennoch will ich der Frage nicht ausweichen: Was genau meinen wir, wenn wir von ›den Nachrichten‹ sprechen? Fest steht, dass wir es nicht mit einem geschützten Begriff zu tun haben. Es gibt keine DIN-Norm, niemand hat ein Patent auf die Nachrichten, auf das man sich berufen könnte. Das deutschsprachige Standardwerk von Dietz Schwiesau und Josef Ohler schlägt folgende Definition vor: »Die Nachricht ist eine direkte, auf das Wesentliche konzentrierte und möglichst objektive Mitteilung über ein neues Ereignis, das für die Öffentlichkeit wichtig und/oder interessant ist« (SCHWIESAU/OHLER 2016: 1). Dieser sorgsam komponierte Satz verbindet Nachrichtenfaktoren wie Aktualität und Bedeutsamkeit mit dem Hinweis auf die kurze Form und den Anspruch auf Objektivität. Aus der angelsächsischen Welt kann man als Kontrast eine kürzere und entschiedenere Definition dagegenhalten, deren Quelle so unklar ist wie das Zitat bekannt: »News is something which somebody wants suppressed. All the rest is advertising« (QUOTEINVESTI-GATOR 2015). Diese Beschreibung nimmt eine völlig andere Perspektive ein, sie setzt radikal und ausschließlich auf das Moment des Investigativen und Enthüllenden. Die Liste der begrifflichen Annäherungen an die Nachrichten aus Wissenschaft und Praxis ließe sich beliebig verlängern, ohne die eine, abschließende Antwort zu bringen. Brüder Grimm und Duden
Vielleicht helfen die Wörterbücher weiter. Sie stehen im Ruf, in knapper Form für Klarheit zu sorgen. Der deutschsprachige Nachrichtenjournalismus ist besonders stolz auf die Erwähnung im ehrwürdigen Grimmschen Wörterbuch. Es lässt uns wissen, dass das Wort ›Nachricht‹ erst seit dem 17. Jahrhundert belegt sei und zunächst eine »mittheilung zum darnachrichten« bezeichnet habe. Zweitens sei die Nachricht »überhaupt (die) mittheilung einer begebenheit.« Die berühmte Definition, eine Nachricht sei dafür da, dass man sich danach richte, ist ambivalent. Denn wenn auch ein Element der Zuverlässigkeit und Orientierung mitschwingt, so scheint es mir doch eher um eine Durchsage von oben zu gehen, also um etwas, nach dem sich die Menschen richten sollen. Nebenbei erwähnt: Selten zitiert und nicht ganz so ruhmbringend für unser journalistisches Metier ist, was die Grimms als dritte Möglichkeit für »die Nachricht« erwähnen, nämlich den »gegensatz zu vorricht: nach der eigentlichen mahlzeit noch angerichtete und aufgetragene speise, der nachtisch« (GRIMM 1854-1961). Mehr als 150 Jahre nach den Brüdern Grimm listet der Duden heute zwei Bedeutungen für ›Nachricht‹ auf: »1. Mitteilung, die jemandem in Bezug auf jemanden oder etwas [für ihn persönlich] Wichtiges die Kenntnis des neuesten Sachverhalts vermittelt. 2. Nachrichtensendung« (DUDEN). Hier wird spürbar, wie fließend der Übergang ist zwischen individueller, zwischenmenschlicher und alltäglicher Kommunikation auf der einen Seite sowie der journalistischen Information auf der anderen. Nachrichten sind nichts, um das herum ein Berufsstand wie die Glasbläser oder eine Wissenschaft wie die Astrophysik einen Zaun errichten könnte. Jede und jeder einzelne wirkt an der Herstellung und Verbreitung von Nachrichten mit, hat eigene Expertise und will mehr oder weniger stark mitreden. Von daher ist der vielbeschworene Effekt der sozialen Medien, uns alle zu potenziellen Nachrichtenanbietern zu machen, gar nicht neu. Eher wird heute ein Grundzug wieder stärker erkennbar, der in der Hegemoniephase der elektronischen Massenmedien vorübergehend in den Hintergrund getreten war. Noch einmal zurück zum Duden. Die Definition des Begriffs ›Nachricht‹ wird dort durch Beispiele für den Sprachgebrauch veranschaulicht. Sie lassen deutlich werden, dass der Plural ›die Nachrichten‹ im Gegensatz zum Singular ›Nachricht‹ eng mit dem Journalismus verbunden ist. Damit gemeint ist eine Nachrichtensendung oder allgemein die Nachrichtenlage eines Tages, übermittelt durch Medien verschiedener Art. Für diese Unterscheidung spricht auch, dass wir die Bestandteile von Nachrichtensendungen zumeist Meldungen nennen. Kaum jemand würde da von einzelnen Nachrichten sprechen. Man könnte also sagen, der Singular von ›Nachrichten‹ heißt Meldung, so wie eben auch die kürzeste und aktuellste Information Eilmeldung genannt wird und nicht etwa ›Eilnachricht‹. Im werblichen und dröhnenden Journalismus, aber auch in Angeboten für jüngere Menschen, hat sich im deutschsprachigen Bereich der Begriff ›News‹ breit gemacht. Auch in diesem Fall soll der Anglizismus vermutlich Weltläufigkeit, Professionalität, Modernität und Frische suggerieren. Außerdem ist der Begriff anschlussfähig an die aus dem späten 20. Jahrhundert bei vielen kulturell noch nachwirkende große Zeit der US-Nachrichtenkanäle mit den dramatischen ›Breaking News‹. Warum es Nachrichten gibt
Nähern wir uns der Frage von einer anderen Seite, werfen wir einen Blick auf die...


Marco Bertolaso, Dr., (Jg. 1964) ist seit 2007 Nachrichtenchef des Deutschlandfunks in Köln. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Philosophie in Köln, Bonn, Paris und Oxford. Nach der Mitarbeit im Büro eines Bundestagsabgeordneten wechselte er als Redakteur zum Deutschlandfunk und schrieb berufsbegleitend seine Dissertation in Neuerer Geschichte. In den vergangenen Jahren hat er sich insbesondere mit der digitalen Transformation im Medienbereich beschäftigt sowie mit der Krise des Informationsjournalismus und den Auswirkungen auf Demokratie und Rechtsstaat.


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