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E-Book, Deutsch, Band 6456, 319 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Bernau Brennpunkt Westafrika

Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte

E-Book, Deutsch, Band 6456, 319 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-78247-3
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Bekämpfung von Fluchtursachen ist in Europa spätestens seit 2015 zu einer Art Mantra avanciert. Viele Politiker:innen versprechen sich davon eine deutliche Reduzierung der Ankunftszahlen afrikanischer Migrant:innen, auch in Verbindung mit einer immer stärkeren Überwachung der EU-Außengrenzen. Der Soziologe und Menschenrechtsaktivist Olaf Bernau widerspricht dieser verbreiteten Perspektive in seinem Buch vehement. Er zeigt, warum Menschen in Westafrika aufbrechen - und was die Dauerkrise dieser Region mit Europa zu tun hat. Dabei kommt auch das koloniale Erbe ausführlich zur Sprache.
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1. Europäische Afrika-Mythen
Wie Mythen Interessengegensätze unsichtbar machen
Wer aus einer europäischen Perspektive über Afrika spricht, findet sich unweigerlich in einem Dickicht aus Irrtümern, Stereotypen und Mythen wieder – meist angesiedelt zwischen den Polen «Katastrophismus» und «seligem Optimismus» (Felwine Sarr). Es ist daher kein Zufall, dass gleich auf der ersten Seite dieses Buches drei der gängigsten Afrika-Stereotype zur Sprache kommen. Gleichzeitig ist seit den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts eine gewisse Mäßigung zu beobachten, zumindest in Deutschland. In großen Teilen der Öffentlichkeit ist es mittlerweile üblich, halbwegs behutsam über Afrika zu reden. Auch rassistische Ressentiments werden seltener hingenommen. Als der Fleischfabrikant Clemens Tönnies im August 2019 bei einer öffentlichen Rede feixte, dass er sich von einer Elektrifizierung afrikanischer Dörfer mehr Licht in den Abendstunden und somit weniger Neugeborene erhoffe, war die Empörung groß. Viele wiesen die sexuell aufgeladene Assoziationskette als blanken Rassismus zurück, Tönnies musste seinen damaligen Chefposten im Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 für drei Monate ruhen lassen. Gleichwohl wäre es falsch, Entwarnung zu geben. Denn vieles deutet darauf hin, dass sich vor allem die Tonlage geändert hat, nicht aber die prinzipielle Haltung. So fällt auf, dass das durchschnittliche Wissen zu Afrika weiterhin äußerst begrenzt ist – nicht nur bei Journalist:innen und Politiker:innen. Dies bestätigt auch der Afrikanist Lutz Mükke, der 2009 eine viel beachtete Studie unter dem Titel Journalisten der Finsternis veröffentlicht hat. Danach gebe es in Deutschland ein eklatantes «gesellschaftliches Desinteresse» an Afrika, was wiederum mit einer «Dramatisierungsfalle» verknüpft sei: Nur wenn es um Katastrophen, Kriege und Krisen oder Themen mit starkem Deutschlandbezug gehe, komme afrikanischen Ländern ein relevanter Nachrichtenwert zu. Entsprechend sei knapp die Hälfte der 28 deutschsprachigen Afrika-Korrespondent:innen für sämtliche 49 Länder Subsahara-Afrikas zuständig, mit der Konsequenz, dass sie rund ein Drittel der Länder ihres Berichtsgebiets noch nie betreten hätten.[1] An diesen Verhältnissen hat sich seit Mükkes Recherchen kaum etwas geändert, zumal auch Kostendruck im Nachrichtenwesen eine wichtige Rolle spielt. Beispielsweise muss der Korrespondent des ARD-Hörfunkstudios Rabat aus 22 Ländern in Nord- und Westafrika berichten. Ein riesiges Gebiet nördlich und südlich der Sahara, in dem 487 Millionen Menschen leben, etwa 40 Millionen mehr als in der EU. Fehlendes Wissen ist nicht nur grundsätzlich problematisch. Es begünstigt auch jene Mythen, die eine realitätsnahe Beschäftigung mit der afrikanischen Vielfachkrise erschweren. Eigentlich sind Mythen voraussetzungsvoll, ich gehe allerdings von ihrem alltagssprachlichen Verständnis aus. Danach weisen Mythen zahlreiche Gemeinsamkeiten mit Stereotypen auf, doch Mythen gehen einen Schritt weiter. Sie sind Erzählungen. Sie interpretieren gesellschaftliche Sachverhalte auf eine einseitige und somit stereotypisierte Weise. Beispielsweise würde niemand bestreiten, dass das drastische Bevölkerungswachstum in einigen Sahelländern eine enorme Herausforderung darstellt, zumal die Bevölkerung vielerorts schneller wächst als das Bruttoinlandsprodukt. Wenn jedoch die demographische Frage auf Kosten anderer Problemlagen zum Dreh- und Angelpunkt der afrikanischen Vielfachkrise erklärt wird, dann sollte von einem Mythos gesprochen werden – schlicht deshalb, weil Entscheidendes übergangen wird: Zum einen, dass es von einer afrikanischen Warte aus respektlos und beleidigend ist, wenn Europäer:innen ständig darüber räsonieren, ob es zu viele Menschen in Afrika gebe. Zum anderen, dass hohe Geburtenraten in erster Linie mit Arbeitskräftemangel auf dem Land, mit unzureichender Alters- und Gesundheitsversorgung und mit fehlenden Selbstbestimmungsrechten von Mädchen und Frauen zu tun haben, nicht aber damit, dass aus traditionellen oder religiösen Erwägungen zu viele Kinder geboren würden. Deutlich wird also, dass Mythen Ausdruck von Interessengegensätzen sind. Häufig verneinen europäische Afrika-Mythen die Mitverantwortung Europas für die Vielfachkrise in Afrika, andere Mythen reklamieren einen europäischen Zivilisationsvorsprung und leiten daraus das Recht ab, belehrend und fordernd gegenüber Afrika aufzutreten. In diesem Kapitel möchte ich einige der wichtigsten Afrika-Mythen vorstellen. Alle haben mit zentralen Fragestellungen des Buches zu tun. Mythos «geistige Unbeweglichkeit»
Am 26. Juli 2007 hielt der frisch gewählte französische Präsident Nicolas Sarkozy in der senegalesischen Hauptstadt Dakar eine an die afrikanische Jugend adressierte Grundsatzrede. Er hatte einen Neuanfang in den französisch-afrikanischen Beziehungen angekündigt, doch die prahlerisch anmutende Rede bediente sich zahlreicher, tief im Kolonialismus verwurzelter Stereotype. Hierzu gehörte auch der Mythos geistiger Unbeweglichkeit, der den Kolonialmächten bereits im 19. Jahrhundert als Vorwand diente, ihre Eroberungszüge als Akte der Zivilisierung und Humanität zugunsten des afrikanischen Kontinents zu inszenieren. Sarkozy beginnt seine Rede mit einem historischen Rückblick. Er verurteilt Sklaverei und Kolonialismus, nur um in einem zweiten Schritt die historisch längst widerlegte These zu präsentieren, Frankreich habe in Afrika Straßen, Krankenhäuser und andere Infrastruktur geschaffen. Der Kolonialismus könne, so betont er, nicht für «alle Schwierigkeiten im heutigen Afrika» verantwortlich gemacht werden. Diese Schwierigkeiten hätten vielmehr mit dem «Drama Afrikas» zu tun, dass «der afrikanische Mensch nicht ausreichend in die Geschichte eingetreten» sei: «Der Afrikanische Bauer […] kennt nichts anderes als die ewige Wiederkehr der Zeit, die ihren Rhythmus durch die unendliche Wiederholung der ewig gleichen Gesten und ewig gleichen Worte erfährt. In dieser Vorstellungswelt, wo alles immer wieder von neuem beginnt, ist kein Platz für das Abenteuer Mensch, für die Fortschrittsidee. […] Die Herausforderung besteht für Afrika darin, mehr in die Geschichte einzutreten. In sich selbst die Energie, die Kraft, den Wunsch und den Willen zu finden, die notwendig sind, um seiner eigenen Geschichte zuzuhören und sie sich anzueignen.»[2] Diese Sätze stehen stellvertretend für die gesamte Rede, auch für den zweiten Teil, in dem Sarkozy schulmeisterliche Ratschläge erteilt, einschließlich der Empfehlung an junge Menschen, nicht als Migrant:innen nach Europa zu kommen. Die Rede löste überall in Afrika einen Sturm der Entrüstung aus. Nicht nur Offizielle reagierten verärgert, auch Intellektuelle zeigten sich schockiert. In französischen Verlagen erschienen mehrere Bücher, unter anderem der Sammelband L’Afrique répond à Sarkozy – Afrika antwortet Sarkozy. Der lesenswerte Sammelband ist in gekürzter Fassung auch auf Deutsch erschienen – mit dem Untertitel Afrikanische Antworten auf europäische Bevormundung. Die Autor:innen sezieren nicht nur die Rede mit beißendem Spott, etwa wenn der kongolesische Linguist Mwatha Ngalasso-Musanji von «einer neokolonialen Rede in der Kautschuk-Sprache» spricht. Sie nehmen auch Sarkozys Rückgriff auf koloniale Denkmuster zum Anlass, mit der Selbstherrlichkeit französischer Afrikapolitik abzurechnen. Bei aller berechtigten Kritik an Frankreich sollte nicht aus dem Blick geraten, dass der Mythos der geistigen Unbeweglichkeit auch in Deutschland gang und gäbe ist. Allerdings weniger brachial als bei Sarkozy. Beispielsweise wurde ich 2018 nach einem Vortrag gefragt, ob Afrika nicht eines Mentalitätswandels bedürfe, um wirkliche Fortschritte machen zu können. Der Fragesteller war mittleren Alters, SPD-Mitglied und Schulbuch-Didaktiker, wie ich später erfuhr. Am deutlichsten kommt diese Haltung in der mangelhaften Bereitschaft zum Ausdruck, das Gespräch mit afrikanischen Wissenschaftler:innen, Journalist:innen oder Vertreter:innen der Zivilgesellschaft zu suchen. Afrikaner:innen werden kaum als Intellektuelle wahrgenommen. Entsprechend kritisieren Migrant:innen-Organisationen schon seit langem, dass sie viel zu selten als Experten für ihre Länder zu Rate gezogen werden. Allenfalls intellektuelle Stars wie der schon zitierte Achille Mbembe oder die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie kommen in der europäischen Öffentlichkeit regelmäßig zu Wort. Das Problem ist schlicht: Bis heute hat Europa nicht zur Kenntnis genommen, dass schon in der ...


Olaf Bernau ist Soziologe. Er hält sich jedes Jahr mehrere Wochen in Westafrika auf, wo er im Rahmen eines transnationalen Netzwerks mit Migrant:innen, bäuerlichen Gemeinschaften und Menschenrechtsgruppen zusammenarbeitet. Er veröffentlicht und bloggt insbesondere zum Sahel.


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