E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-80-272-1349-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Vom Rabbiner und der Schneiderswitwe.
Inhaltsverzeichnis
»Mein Vater war Schneider in Wien und ein tüchtiger und angesehener Mann. In unserer Straße wohnte ein anderer Schneider, ein Anverwandter von uns, aber ein sehr schlechter Mann, als Schneider sowohl wie als Mensch. Durch Künste und Kniffe lockte er unsere Kunden an sich. Mein Vater machte schließlich Konkurs und starb bald daraus; ich kann sagen, an der Schmach. Denn solche Männer gab es noch zu jener Zeit. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt und hätte, weiß Gott, mein Brot erbetteln müssen, wenn meine gute Mutter sich nicht so für mich gerackert und abgeplagt hätte. Sie klöppelte die schönsten, feinsten Spitzen, die ich je gesehen habe, und ich ging in den Häusern herum und verkaufte sie. Anfangs bekam ich schlecht bezahlt, und obwohl ich weinte und sagte, ich und meine Mutter, die Klöpplerin, seien nahe daran, Hungers zu sterben, bekam ich darum doch nicht mehr, sondern eher weniger. Aber dann kam ich darauf, die Spitzen in einer alten Pappschachtel herumzutragen, auf deren Deckel sich ein paar venezianische Poststempel befanden. Da glaubten die Leute meiner Angabe, daß es venezianische Spitzen seien, und bezahlten dementsprechend. Auf diese Weise fristeten wir unser Leben, und ich bekam überdies eine gute Erziehung. So allmählich begann ich auch andere Artikel zu verkaufen, und es ging mir gut. Aber daß ich allen Versuchungen der Kindheit und Jugend entging, das habe ich der strengen Zucht und dem wachsamen Blick meiner Mutter zu danken. Und sie ließ mir wahrlich nicht viel Freiheit. Zu Lebzeiten meines Vaters wohnten wir in einem recht großen und schönen Hause nach der Straße zu; hinter dem Hause lag ein kleines Gärtchen, das durch eine Mauer von dem eigentlichen Hinterhause getrennt war. Nach dem Unglück mit meinem Vater mußten wir in dieses Hinterhaus ziehen. Und in unsere frühere Wohnung mit unserem lieben Garten zog ein gewisser Rabbi Schamil ein. Er war ein außerordentlich angesehener Mann und dazu recht vermögend. Er selbst war sehr anspruchslos und bescheiden, aber er hatte in seinen Diensten ein paar Mädchen, die wahrlich frech und übermütig waren, und bald gerieten sie in Zwist mit meiner Mutter. Einmal, als die beiden Mädchen im Garten Teppiche klopften und ich an unserem Fenster stand und ihnen nach Kinderart zunickte und Gesichter schnitt, stürzte meine Mutter plötzlich auf mich los, zog mich am Haar vom Fenster weg und rief: ›Schau nicht zu diesen Frauenzimmern hinaus! Die sind verderbt!‹ Und ich erschrak so, daß ich lange Zeit nicht wagte, einen Blick über die Gartenmauer zu werfen. Ich wußte nämlich, daß meine liebe Mutter überall ihre Augen hatte, wo sie auch ging und stand. Mit den Jahren wurde ich ja weniger ängstlich und etwas selbständiger, und bald begann ich recht lange Blicke über die Mauer zu werfen, denn es zeigte sich, daß Rabbi Schamil eine Tochter hatte, sein einziges Kind, und hold wie Judith, deren Namen sie trug. Ich guckte also, und nach und nach begann sie auch zurückzugucken, aber in größter Heimlichkeit, denn zu jener Zeit war ein solches Blickewechseln eine recht ernste Sache. Und wenn ein junges Mädchen sich von einem Fremden hätte ansprechen lassen, so wäre sie ebenso in Verruf gekommen, als wenn sie sich heutzutage vom erstbesten auf offenem Markte küssen ließe; vielleicht noch mehr. Wir gingen also sehr behutsam vor, und es dauerte ziemlich lange, ehe wir es wagten, ein paar Worte über die Mauer hinweg zu wechseln. Aber bald faßten wir großes Vertrauen zueinander, und ich fing Feuer und war ganz ausgewechselt, so daß ich es einmal ums andere wagte, meiner Mutter zu widersprechen, die mir vor lauter Verblüffung die Antwort schuldig blieb. Doch brachte sie den Schaden bald ein und führte mich zur Ordnung zurück. Eines Tages, als meine Mutter aus war, um Einkäufe zu besorgen, kamen Judith und ich überein, uns nach dem Mittagessen im Prater zu treffen. Ich war nun zwanzig Jahre und Geschäftsmann; ich hatte mehrere einträgliche Agenturen, und wenn ich einmal abends ausgehen wollte, brauchte ich nur zu meiner Mutter zu sagen: Der und der wünscht mich dem und dem vorzustellen, es handelt sich um ein Geschäft. Dann antwortete sie: Geh nur, aber komm beizeiten nach Hause. Länger als bis neun Uhr, wo das Haustor geschlossen wurde, durfte ich nicht ausbleiben. Von dieser Freiheit machte ich jetzt oft und oft Gebrauch, um zusammen mit Judith einige selige Stunden im Prater oder anderswo zu genießen. Meine Einkünfte lieferte ich regelmäßig meiner Mutter ab, aber ich hatte mir doch einen kleinen Sparpfennig beiseitegelegt, mit dem ich die Kosten unserer bescheidenen Vergnügungen bestreiten konnte. Was uns am meisten Spaß machte, war, die Belustigungen anderer Menschen zu beobachten und zu sehen, wie leichtsinnig sie das Geld hinauswarfen. Wir beurteilten ihren Charakter und ihre Stellung und rieten und zankten und neckten uns. Und obgleich diese Ausflüge sich zwei Jahre lang mehrere Male in der Woche wiederholten und obwohl wir beide vergnügter miteinander waren als irgend jemand in ganz Wien, glaube ich nicht, daß sie mich alles in allem mehr als fünf Gulden gekostet haben. Ja, in Wahrheit, das waren die glücklichsten Jahre meines Lebens! Meine Mutter ahnte nichts; aber einmal war sie nahe daran, unser Geheimnis zu entdecken. Um unsere Zusammenkünfte zu erleichtern, hatten wir uns ein ganzes System von verschiedenen Pfiffen zurechtgelegt, mit denen wir fragten und antworteten, Zeit und Ort bestimmten. Eines Tages, als ich gerade im Hofe stand und pfiff, kam plötzlich meine Mutter herausgestürzt und fragte in zornigem Ton, was ich da treibe und warum ich so oft im Hofe pfeife. Vermutlich glaubte sie, ich stünde in irgendeiner Verbindung mit den Mägden des Rabbiners; so hoch, wie bis zu seiner Tochter, verstieg sich ihr Argwohn sicherlich nicht. Ganz erschrocken antwortete ich: ›Liebe Mutter, ich pfeife so gern, aber im Hause will ich es nicht tun, um mich dir gegenüber nicht respektlos zu zeigen.‹ ›Ach so‹, sagte die Mutter, nichts weniger als überzeugt. ›Aber wer ist denn das, der dir antwortet?‹ Noch erschrockener, suchte ich ihr zu erklären, daß das, was sie gehört hatte, nur das Echo von der Hausmauer gewesen war. ›Das Echo will ich hören‹, sagte meine Mutter und befahl mir, zu pfeifen. Mit zitternden Lippen formte ich einen Pfiff. Und horch! Ganz richtig antwortete ein Echo, schwach und gemessen, ganz entsprechend. Aber das Echo war niemand anders als mein Mädchen, das hinter der Mauer gestanden und alles gehört hatte. Da sagte meine Mutter: ›Wollen mal sehen, ob das Echo auch mir antwortet!‹ Und sie rief: ›Gemeines Luder!‹ ›Luder!‹ antwortete das Echo, und mit einer so guten Nachahmung der rauhen heiseren Stimme meiner Mutter, daß sie sich überzeugt fühlte und wieder in das Haus ging. Doch verbot sie mir, weiter im Hof zu pfeifen. Aber ich wußte mir zu helfen. Ich war damals, wie jetzt auch noch, Agent einer großen Spielzeugfabrik in Nürnberg und hatte ein kleines Lager von Spieldosen, singenden Vögeln und derlei. Einen dieser Vögel verehrte ich meiner Liebsten, und einen andern nahm ich für meinen eigenen Gebrauch. Wenn wir nun ein Stelldichein verabreden wollten, ließ ich meinen Vogel auf der einen Seite der Mauer singen, und der ihre antwortete auf der andern. Das ging vortrefflich und klang außerdem sehr hübsch, und ich habe seither immer eine gewisse Schwäche für diese kleinen Vögel behalten. Meine Mutter saß oft am Fenster und lauschte mit Wohlgefallen dem Vogelgesang. Und sie sagte: ›Das ist ein artiger Vogel, den du da hast. Und es klingt ganz, als hätte er zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche.‹ ›Ja‹, antwortete ich, ›es ist ganz so, wie du sagst. Dein Gehör ist ebenso scharf wie dein Gesicht.‹ So allmählich wurden unsere Gefühle tiefer und ernster; mein Mädchen wurde ganz versonnen, und ich sagte mir, daß sie wohl ans Heiraten denke. Das machte mir Kummer, und als sie das sah, sagte sie: ›Mache dir keine Sorgen wegen meines Vaters. Er tut alles, was ich will, und ich habe schon mit ihm gesprochen.‹ Ich wurde nur noch niedergeschlagener, weil ich an meine Mutter dachte. Denn sie pflegte zu sagen: ›Wenn ich einmal meine Augen schließe, ist es Zeit genug für dich zu heiraten.‹ Und ich wußte, wenn ich ihr einen Vorschlag machte, würde sie sofort nein sagen, denn sie wollte, daß alles immer nur von ihr ausgehe. Außerdem würde sie mich fragen, wie ich Judiths Bekanntschaft gemacht hätte, und es würde mir schwer fallen, dies zu erklären. Ich vertraute meine Sorgen Judith an, und sie sagte: ›Ist deine Mutter so geartet, dann müssen wir zur List greifen.‹ Wir grübelten hin und her, aber endlich sagte ich: ›Ehrlich währt am längsten, und mit der Wahrheit kommt man weit, wenn man sie richtig anzuwenden versieht.‹ Ich entwickelte Judith meinen Plan, und er fand ihren Beifall. Aber an diesem Abend blieb ich mit Absicht über die Sperrstunde aus und kam erst nach Hause, als die Uhr zwölf geschlagen hatte. Meine Mutter war ganz außer sich vor Angst um mich, und anstatt mich mit Vorwürfen zu empfangen, wie ich erwartet hatte, preßte sie mich heftig in ihre Arme und weinte an meiner Brust. Da schämte ich mich, aber ich sagte: ›Liebe Mutter, du rührst mich zu Tränen, und ich will dich nicht mit Ausflüchten betrügen, sondern dir die ganze Wahrheit sagen. Ich liebe ein Mädchen, und mit ihr habe ich mich im Prater vergnügt, wenn auch in der unschuldigsten Weise. Was wir heute abend taten, das haben wir schon an vielen Abenden getan; aber das Unglück wollte, daß wir uns verspätet...