Ein Umzugshelfer
E-Book, Deutsch, 207 Seiten
ISBN: 978-3-7615-6863-7
Verlag: Neukirchener
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses Buch ist ein Umzugshelfer zum Vorwärtsglauben und Weiterglauben. Es soll dabei helfen, den eigenen Glauben weiterzuentwickeln und in ihm ein neues Zuhause zu finden. Vor allem dann, wenn die bisherigen Glaubensüberzeugungen nicht mehr passen, keine Begeisterung wecken oder Antworten bieten. Martin Benz zeigt auf, wie viel Chance in diesem Entfremdungsprozess liegt, den viele Christ:innen aktuell erfahren: nämlich das zu entdecken, was wirklich glaubenswert ist.
Dabei geht der Autor auf Themen wie Gemeindemüdigkeit, Bibelverständnis, Gottesbild, Liebe und Wahrheit, Gesetzlichkeit und Sexualmoral ein. Ermutigend und mit persönlichen Erfahrungen angereichert, lädt er Leser:innen ein, zu hinterfragen, was sich geändert hat, was trägt, was neu dazukommt und was man hinter sich lässt - kurzum, was wertvoll genug ist, mit auf den Umzugswagen zu kommen.
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Teil 2 Glaubensveränderung Im zweiten Teil des Buches geht es darum, einzelne Themenbereiche des christlichen Glaubens ins Visier zu nehmen und der Frage nachzugehen, inwieweit sich Glaubensüberzeugungen weiterentwickeln und verändern können. Gibt es alternative Sichtweisen zum traditionellen Gottesbild, zu moralischen Fragen, zum Bibelverständnis oder anderen Themen, an denen Glaube so oft verzweifelt? Die folgenden Ausführungen stellen meine persönlichen Überzeugungen dar. Bestimmt denken viele ähnlich wie ich, aber ich habe mir das Recht genommen, vor allem persönliche Gedanken und Überzeugungen zu Papier zu bringen. Ich schildere, was in mir selbst gewachsen ist. Ich erhebe keinerlei Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit. Man kann und darf bei all diesen Themen auch zu ganz anderen Schlüssen kommen. Die Weiterentwicklung einzelner Themen oder das Formulieren neuer Überzeugungen war für mich selbst jedoch wie eine Brise frische Luft. Als hätte jemand das Fenster aufgestoßen, entstand plötzlich die Möglichkeit, Angestaubtes in einem neuen Licht zu sehen und sich von belastenden und krank machenden Sichtweisen zu trennen. Diese Glaubensveränderung hat mich nicht träge oder lau gemacht, sie hat im Gegenteil neue Leidenschaft und Energie freigesetzt. Und sie hat mich so begeistert und befreit, dass ich andere an dieser Entwicklung teilhaben lassen wollte. Daraus ist vor einigen Jahren mein „Movecast“ entstanden, ein Podcast, der diese Idee des Umzugshelfers über alle Episoden hinweg entfaltet. Dieser Podcast stellt auch die Grundlage der folgenden Kapitel dar. 3. Bibelverständnis Warum ein neues Bibelverständnis Glaubensveränderung erst möglich macht Dieses Kapitel ist das längste und ausführlichste im Buch. Und das hat seinen guten Grund: Fast alle weiteren Themen haben als Grundlage ein verändertes Bibelverständnis. Viele Glaubensüberzeugungen können sich nicht weiterentwickeln und stecken in der Sackgasse, weil das dahinterstehende Bibelverständnis solche Weiterentwicklungen von vornherein ausschließt. Um über bestimmte geistliche Themen anders denken zu können, müsste man auch bestimmte Bibelstellen anders verstehen dürfen. Aber das Bibelverständnis in vielen christlichen Kreisen impliziert eine ganz bestimmte Auslegung einzelner Bibelverse. Und diese eine gültige Auslegung von Bibelstellen zementiert dadurch auch die eine Sichtweise. Ende der Diskussion! In der theologischen Wissenschaft nennt man Bibelverständnis auch Hermeneutik. Hermeneutik ist die Wissenschaft vom Verstehen biblischer Texte. Sie stellt die Grundlage für die Exegese dar, die Auslegung eines biblischen Textes. Hermeneutik ist der Exegese übergeordnet. Hermeneutik legt die Grundlagen für die Exegese. Hermeneutik liefert die Prinzipien, anhand derer ich die Bibel auslege. Würde eine Hermeneutik zum Beispiel behaupten, alle Texte in der Bibel seien reine Mythen, Märchen und Sagen, dann würde man daraufhin diese Texte anders auslegen, als wenn eine Hermeneutik behaupten würde, alle Texte in der Bibel seien naturwissenschaftliche und historische Tatsachen. Vielen Christen ist nicht bewusst, dass es nicht nur eine einzige Hermeneutik gibt, nicht nur ein einziges Bibelverständnis. Das Bibelverständnis hat sich im Laufe der Bibel selbst und auch in der Theologiegeschichte gewandelt und weiterentwickelt. Aktuell gibt es in der Theologie unterschiedliche Ansätze zum Bibelverständnis. Ihre Unterschiedlichkeit lässt die Bibel in vielfältiger Weise zu uns sprechen und eröffnet einen sehr breiten Horizont. Verschiedene hermeneutische Ansätze können sich ergänzen und bereichern. Problematisch wird es dann, wenn ein hermeneutischer Ansatz für sich in Anspruch nimmt, der einzig Richtige zu sein. Man trägt gewissermaßen den einzig wahren Schlüssel in Händen, und nur mit diesem Schlüssel kann man die biblischen Texte in ihrer eigentlichen Bedeutung erschließen. Dieser eine hermeneutische Ansatz wird dann schnell mit der Wahrheit gleichgesetzt. Mit dieser Hermeneutik ist man wahrhaftig bibeltreu. Erkenntnisse, zu denen man über diese Hermeneutik gelangt, entsprechen dann der Wahrheit. Jede andere Hermeneutik kann zwangsläufig nur zum Irrtum führen. Zugehörigkeit zu den wirklich „Gläubigen“ wird nicht nur an der Beziehung zu Jesus Christus festgemacht, sondern auch an der Zustimmung zu diesem einen hermeneutischen Ansatz. Christliche Kreise oder Traditionen, die von dieser allein gültigen Hermeneutik ausgehen, würde ich als fundamentalistisch bezeichnen. Auf den kommenden Seiten möchte ich für ein Bibelverständnis werben, das die Möglichkeit eröffnet, biblische Texte zutiefst ernst zu nehmen und doch Spielraum in der Auslegung dieser Texte zulässt. Ich zitiere dabei einige Bibelverse. Und obwohl ich selbst die Angewohnheit habe, in Büchern die zitierten Bibelverse zu überlesen, lohnt es sich in diesem Kapitel, die Bibelverse tatsächlich durchzulesen. Manches von dem, was ich in diesem Kapitel entwickle, ist nur sinnvoll, wenn man die Bibelverse dazu tatsächlich liest. A. Was ist eigentlich „bibeltreu“? Die Bibel ernst oder wörtlich nehmen? Einige Jahre nach meiner Scheidung lernte ich meine heutige Frau Nina kennen. Nina und ich verliebten uns ineinander, aber ich war ein geschiedener Mann. Als unsere Beziehung intensiver wurde und wir überlegten zu heiraten, bekam sie Post von einer besorgten Freundin. In ihrem Brief zitierte diese Matthäus 5,32: „Ich aber sage euch: Jeder, der sich von seiner Frau trennt – es sei denn, sie ist ihm sexuell untreu geworden –, treibt sie in den Ehebruch. Und wer eine geschiedene Frau heiratet, begeht auch Ehebruch.“ (NEÜ). Im weiteren Verlauf des Briefes versuchte diese Freundin Nina klarzumachen, dass sie gerade dabei war, einen schweren Fehler zu begehen. Einen Geschiedenen zu heiraten war in ihren Augen Ehebruch. So stand es zumindest klar in diesem Vers. Und weil sie sich an die Bibel halten wollte und sich als bibeltreu verstand, sah sie sich verpflichtet, Nina vor diesem Fehltritt zu warnen. Das war bestimmt gut gemeint von dieser Freundin. Sie wollte Nina davon überzeugen, dass ein solcher Schritt Sünde war und sicher nicht unter dem Segen Gottes stand. Anhand dieses Briefes wird deutlich, welches Bibelverständnis diese Freundin hatte. Für sie war die Bibel Gottes gültiges Wort, und sie nahm diesen Vers aus Matthäus 5 wortwörtlich. Die buchstäbliche Anwendung dieses Verses war für sie Ausdruck ihrer Treue zur Bibel. Ja, das kann man so machen. Bibeltreue kann sich darin ausdrücken, dass man die Bibel wörtlich nimmt. Aber ist es immer so einfach? In Matthäus 5,32 wird ein Mann angesprochen. Ein Mann, der eine geschiedene Frau heiratet, begeht Ehebruch. Im Fall von Nina war es nun aber eine Frau, die einen geschiedenen Mann heiraten wollte. Davon steht in diesem Vers nichts. Es ist nur die Heirat mit einer geschiedenen Frau verboten. Wenn man die Bibel wörtlich nimmt, wären bei diesem Vers Frauen, die einen geschiedenen Mann heiraten wollten, aus dem Schneider. Mit welcher Begründung dreht die Freundin die Personen in diesem Vers einfach um? Ist das legitim? Ist das bibeltreu? Und wenn ja, welches Bibelverständnis steckt dahinter? Nach welchen Kriterien darf man so mit diesem Vers verfahren? Es wird aber noch komplizierter: Nur drei Verse zuvor, im selben Abschnitt, in derselben Rede sagt Jesus: „Wenn dich also dein rechtes Auge zur Sünde verführt, dann reiß es heraus und wirf es weg! Besser, du verlierst eins deiner Glieder, als dass du unversehrt in die Hölle geworfen wirst. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, so hack sie ab und wirf sie weg! Es ist besser, verstümmelt zu sein, als unversehrt in die Hölle zu kommen.“ (Matthäus 5,29–30 HfA). Nimmt die Freundin diese Verse auch wörtlich? Erstreckt sich ihre Bibeltreue auch auf diese Verse? Die Tatsache, dass sie Nina einen handgeschriebenen Brief sandte, macht zumindest deutlich, dass sie noch im Besitz ihrer rechten Hand ist (es sei denn, sie ist Linkshänderin). Warum folgte sie im Glaubensgehorsam dieser Bibelstelle gegenüber nicht Jesu Anweisung zur Selbstverstümmelung? Warum meldete sie sich nicht zur Enukleation10 im Krankenhaus an, nachdem sie immer wieder neiderfüllt und missgünstig auf die sexy Figur ihrer Nachbarin herabschaute? Offensichtlich ist allen Bibellesern klar, dass wir diese Verse nicht wörtlich nehmen sollten und Jesus hier nicht zur Selbstverstümmelung als Schutz vor Sünde rät. Besonders beim Auge wird deutlich, dass das Herausreißen des einen Auges nicht vor Sünde bewahren würde, denn man hätte ja immer noch das andere. Aber hier wird bereits deutlich, dass von dieser Freundin verschiedene Auslegungskriterien für verschiedene Verse angewendet wurden. Das Problem ist nur, dass in der Bibel die entsprechenden Fußnoten fehlen, die ein für alle Mal klären, wie ein Vers ausgelegt werden sollte. Wie schön wäre es, wenn jeder Vers oder Bibelabschnitt mit einer göttlichen Erklärung ausgestattet wäre, die uns sagen würde: Das hier wörtlich nehmen; jenes ist bildlich gemeint; das muss historisch oder naturwissenschaftlich verstanden werden; dieser Vers ist zeitbedingt; jener Vers zeitlos gültig; dieser Vers gilt nur der darin erwähnten Person; jener Vers gilt trotz der darin erwähnten Person allen Menschen; diesen Vers zählen wir zum biblischen Kanon, weil er durch viele griechische Handschriften gut belegt ist; jenen Abschnitt setzen wir in Klammern, und rechnen ihn nicht zum biblischen Kanon, weil er in entscheidenden biblischen Handschriften fehlt,...