Bartholomae | Das Wunder Winckelmann | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Bartholomae Das Wunder Winckelmann

Ein Popstar im 18. Jahrhundert

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86300-229-9
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) war der vermutlich berühmteste Deutsche seiner Zeit. Vor allem sein Leben, sein mühsamer Weg vom Schusterjungen zum Präsidenten der Altertümer Roms, und seine Begeisterung für die Schönheit griechischer Kunst faszinierte nicht nur adelige Sammler, sondern auch die gerade entstehende bürgerliche Öffentlichkeit. Als 'deutscher Grieche' wurde sein Hang zur 'griechischen Liebe' und einem rein männlichen Schönheitsideal allenthalben bereitwillig akzeptiert; seine Schriften gelten als Fundament des Klassizismus. Aus Anlass seines 300. Geburtstags präsentieren wir eine literarische Blütenlese mit Texten von Goethe, Casanova, Herder, Hauptmann, Pater und anderen, nicht zuletzt auch einer Auswahl aus den Schriften und (Liebes-)Briefen Winckelmanns.
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JOHANN JOACHIM WINCKELMANN – EIN POPSTAR IM 18. JAHRHUNDERT
Joachim Bartholomae
I Johann Joachim Winckelmann (oder Winkelmann, man nahm das nicht so genau) wird am 9. Dezember 1717 in Stendal als Sohn eines Schusters geboren. Schon früh erkennt man seine Intelligenz, und verschiedene Gönner ermöglichen ihm eine höhere Schulbildung. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Berlin und Salzwedel studiert Winckelmann einige Semester Theologie in Halle (1738-1740) und Medizin und Mathematik in Jena (1741-1742). Seine weitere Laufbahn gleicht der vieler Akademiker jener Zeit: Er arbeitet als Hauslehrer, ein Jahr in Osterburg und anderthalb Jahre in Hadmersleben, danach fünf Jahre als Konrektor der Lateinschule in Seehausen; 1748 bis 1756 lebt er als Bibliothekar des Privatgelehrten Graf Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden, wo er den Grafen bei der Abfassung einer «Kaiser- und Reichsgeschichte» unterstützt. Auf Schloss Nöthnitz lernt er den päpstlichen Nuntius und späteren Kardinal Archinto kennen, der ihn auffordert, als «Grieche» in Rom zu arbeiten. Die oft missverstandene Bezeichnung Winckelmanns als «deutscher Grieche» ist nicht etwa ein nationaler Ehrentitel, sondern bezieht sich einerseits auf dessen solide Kenntnis der griechischen Sprache und Literatur, und seine schöne griechische Handschrift andererseits – zwei zu jener Zeit in Deutschland wie in Rom eher selten anzutreffende Qualifikationen. Winckelmann lehnt zunächst ab, da ihm die Bezahlung zu gering erscheint, und zieht nach Dresden, wo er Zeichenunterricht nimmt und sowohl die kurfürstliche Antiquitätensammlung, als auch die dortige Künstlerschaft kennenlernt. Ausdruck seines frühen Dresdner Wissensstands sind seine 1755 veröffentlichten «Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst», die sofort nach Erscheinen vergriffen sind. Kaum sind die «Gedanken» erschienen, ärgern ihn diverse Lücken und Ungenauigkeiten der Gedankenführung, und er fasst den Entschluss, selbst eine anonyme Rezension seines Buchs zu schreiben, um diese Mängel zu benennen und zu beheben – das «Sendschreiben über die Gedanken Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst»; kurz darauf folgt – nun wieder unter seinem eigenen Namen, die «Erläuterung der Gedanken Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst; und Beantwortung des Sendschreibens über diese Gedanken». Diese Ungeduld ist typisch für ihn: Manuskripte werden bis zum letzten Moment korrigiert, bereits gedruckte Bücher vor dem Nachdruck überarbeitet. Und so schreibt Lessing 1766 in seiner Schrift «Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie», die vielen Fehler in Winckelmanns Schriften seien reine Flüchtigkeitsfehler, die jedem unterlaufen könnten, deshalb verdienten sie keine ausführliche Kritik. Trotz seiner zwanzigjährigen «Fron» als Schulmeister und Bibliothekar ist Winckelmann kein Pedant geworden; sein Enthusiasmus, der von Anfang an den Stil seiner Schriften prägt, ist auf ein ganzheitliches Verständnis der griechischen Kunst gerichtet, das nicht allein durch Detailversessenheit, sondern in erster Linie durch eine umfassende Perspektive zu erlangen ist. Die «Gedanken» verschaffen ihm eine erneute, nachdrücklichere Einladung Archintos nach Rom, und noch im selben Jahr macht er sich, mit Reisegeld und einer jährlichen Pension des sächsischen Kurfürsten ausgestattet, auf den Weg nach Italien. Die Atmosphäre der ersten Jahre in Rom beschreibt er sehr anschaulich in seinen Briefen an den Freund Berendis, von denen drei in diesem Band wiedergegeben werden. Die sächsische Pension ermöglicht es Winckelmann, die niederen Anstellungen, die ihm angeboten werden, zunächst auszuschlagen. Sein Verhältnis zu Kardinal Archinto, der inzwischen zu einem der mächtigsten Männer des Vatikans aufgestiegen ist, gestaltet sich schwierig; schließlich bietet Winckelmann an, kostenlos für ihn zu arbeiten, und akzeptiert lediglich die Unterbringung in einem Palast des Kardinals. Gleichzeitig lernt er den obersten Bibliothekar des Vatikans, Kardinal Passionei, kennen, der ihn einlädt, ihn jederzeit zu besuchen und bei ihm zu essen. Den Durchbruch bringt 1758 schließlich die Freundschaft zu Kardinal Albani, der Winckelmann bei sich aufnimmt und ihm einige mit wenig Arbeit verbundene Posten verschafft, die es ihm ermöglichen, frei von äußeren Zwängen seinen Forschungen nachzugehen. Sein erster freigewählter Arbeitsschwerpunkt ist die Erstellung eines Verzeichnisses der in Rom befindlichen griechischen Skulpturen, ein Projekt, das schließlich in seine «Geschichte der griechischen Kunst» einfließt. Schon in Dresden war der gebürtige Protestant Winckelmann zum römisch-katholischen Glauben übergetreten. Als er 1757 die ihm von Archinto angebotene Stelle als Bibliothekar akzeptiert, entschließt er sich, die Kleidung eines Abbate, also eines Weltgeistlichen, anzulegen, das heißt Perücke, Beffchen und schwarzseidenen Gehrock. All seine Porträts zeigen ihn jedoch ohne Perücke und in legerer und farbenfroher Kleidung. 1763 ernennt der Papst Winckelmann zum Scrittore und Commissario delle Antichità della Camera Apostolica, was Winckelmann mit «Antiquar» und schließlich «Präsident der römischen Altertümer» übersetzt. Die Arbeit des Antiquars ist die eines Fremdenführers, in seinem Fall des päpstlichen Fremdenführers für Adelige aus allen Teilen Europas, die auf ihren Vergnügungsreisen Rom besuchten. Mitte des 18. Jhdts. ist auch ein berühmter Forscher, der nicht von Adel ist, eben in erster Linie Dienstbote. Die hohen Herrschaften suchen im freizügigen Rom oft vor allem das sinnliche Vergnügen, wie Winckelmann in mehreren Briefen beklagt; so nennt er den Herzog von Yorck «das größte fürstliche Vieh, welches ich kenne». Das Betreuen der hochwohlgeborenen Touristen hat jedoch auch sein Gutes: Zurück in der Heimat erzählen die Reisenden vom Herrn Winckelmann, der schnell zum international wohl bekanntesten bürgerlichen Deutschen avanciert. Auch seine Schriften über antike Kunst werden ins Französische, Italienische und Englische übersetzt. Kurz nach Winckelmanns Eintreffen in Rom besetzt Friedrich II. Sachsen; der Siebenjährige Krieg beginnt, und Reisen in die Heimat scheinen nun wenig geraten. Erst Mitte der 1760er Jahre taucht in Winckelmanns Briefen öfters der Gedanke auf, nach Deutschland zu reisen und seine Freunde wiederzusehen. Er bespricht das Vorhaben einer Deutschlandreise mit dem befreundeten Bildhauer Cavaceppi, der Antiquitätenhandel im großen Stil betreibt. Cavaceppi wünscht sich, von Winckelmann an deutschen Höfen eingeführt zu werden, wo er eine immense Nachfrage nach antiker Kunst vermutet. Im Frühjahr 1768 brechen die beiden auf dem Landweg nach Deutschland auf. Die Reise erweist sich bald als Fiasko: je mehr sie sich Deutschland nähern, desto mehr verschlimmert sich Winckelmanns Laune, und als sie München erreichen, befürchtet Cavaceppi, sein Gefährte habe den Verstand verloren. Er bedrängt ihn, zumindest bis Wien weiterzureisen, wo beide vom Kanzler Kaunitz und Maria Theresia persönlich empfangen und beschenkt werden. In Wien erleidet Winckelmann einen völligen Zusammenbruch und muss im Hospital versorgt werden. Nicht einmal die Fürsprache des Kanzlers kann ihn zur Weiterreise bewegen: Er verlässt Cavaceppi und tritt die Rückreise an. Mit der Kutsche reist er nach Triest, um sich von dort nach Ancona einzuschiffen. In Triest wird er zwei Tage nach seiner Ankunft von einem vorbestraften Verbrecher namens Francesco Arcangeli ermordet, den er im Hotel kennengelernt hat und der ihn auf seinen Wegen durch die Stadt begleitet. Als man in Wien von seinem Tod erfährt, wird von höchster Stelle eine gründliche Untersuchung angeordnet. Arcangeli gesteht die Tat und gibt als Motiv an, er habe die kostbaren Münzen stehlen wollen, die Winckelmann mit sich führte. Er wird aufs Rad geflochten und hingerichtet. Doch die näheren Umstände bleiben rätselhaft: Wie kann es sich ein vorbestrafter arbeitsloser Koch leisten, im besten Hotel der Stadt zu wohnen, und wieso befreundet sich Winckelmann mit diesem mittelalten, unattraktiven Mann? Dass zwischen beiden eine sexuelle Beziehung bestanden haben könnte, gilt als unwahrscheinlich; Arcangeli hätte etwaige «unsittliche» Avancen im Prozess sicherlich zu seiner Entlastung angeführt. Winckelmann stirbt vor Vollendung des 51. Lebensjahres; sein Weg vom Schustersohn zum international gefeierten Archäologen und päpstlichen Fremdenführer war Anfang des 18. Jahrhunderts ohne Beispiel. Winckelmann prägte das europäische Geistesleben weit über seinen Tod hinaus; Goethe, Schiller und Herder fanden in seinen Schriften maßgebliche Impulse für eine philosophische und ästhetische Rückbesinnung auf die griechische Antike, die sie dem abgelebten Christentum entgegenstellten. Und nicht nur Wissenschaftler, sondern breite Teile des Bürgertums konnten sich für den Mann und seine Forschungen begeistern. Winckelmann war, was seit Martin Luther kaum ein deutscher Intellektueller von sich hatte behaupten können: populär. Die Verehrung seiner Anhängerschaft ging so weit, dass seine recht offen gelebte Homosexualität nicht nur schweigend in Kauf genommen, sondern als unverzichtbarer Teil seiner Persönlichkeit bereitwillig akzeptiert wurde. Jahrzehnte, bevor Goethe mit «Werther» und «Wilhelm Meister» den Bildungsanspruch des Bürgertums formulierte, erschuf Winckelmann den Typus des selbstbestimmt handelnden und empfindenden Individuums und wurde zur Lichtgestalt einer sich erst recht zaghaft entfaltenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Er war kein erfolgreicher Feldherr, kein Fürst und kein Künstler – er war ein Star. II In seinem...


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