Aufstehen zum Leben - Ein spiritueller Weg
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-451-82652-8
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein poetischer und lebenskluger spiritueller Begleiter - nicht nur für die Fastenzeit.
Autoren/Hrsg.
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Die Königin in mir entdecken
Aschermittwoch
Liebe Königin, Du wirst Dich wundern, dass ich Dir schreibe, wo wir doch unter einem Dach leben und uns täglich begegnen. Ab und zu habe ich das Bedürfnis, wieder aufmerksam zu werden auf das Alltägliche, Gewohnte und auf vertraute Menschen, die zu meinem Leben gehören. Wenn sie mir genommen würden oder sie plötzlich gehen müssten, würde mir so vieles fehlen. Es ist wie mit der Luft zum Atmen. Nichts ist selbstverständlich! Und so hat mein Brief auch etwas mit meinem dankbaren Herzen zu tun und mit der Freude darüber, dass wir uns begegnet sind. Eigentlich warst Du ja schon immer in meinem Leben, vielleicht näher, als ich mir selber bin. Aber sich selbst kennenzulernen und sich immer vertrauter zu sein, das braucht manchmal Jahre. Wie froh war ich, als ich Dich endlich entdeckt hatte! Als ich Dich in der Künstlerwerkstatt von Ralf Knoblauch in Bonn stehen sah, schienst Du mir so etwas wie mein inneres Ebenbild zu sein. Wenn Ralf nicht in seiner Künstlerwerkstatt kreativ ist, ist er als Diakon und Seelsorger in seinem Brennpunktviertel unterwegs. Ihn bewegt das Anliegen, jedem Menschen seine eigene Würde sichtbar zu machen. Seine Kunst besteht darin, sogar aus einem alten Holzklotz noch ein lebendiges Gesicht, einen Menschen, eine Königin oder einen König werden zu lassen. Das ist wirklich eine ganz besondere Kunst! So sah ich bei ihm eine ganze Königinnenschar vor mir aufgereiht, auch Könige, und ich durfte aussuchen, welche Königin nun zu mir gehören sollte. Warum ich gerade Dich ausgewählt habe, meine Königin? Das kann ich nicht mehr genau sagen. Du bist weder auffallend groß noch schön. Vielleicht hatte ich gar keine andere Wahl. Jedenfalls trägst Du wie alle anderen ein schlichtes, weißes Gewand, hast Deine Augen geschlossen und ein Lächeln auf den Lippen. Ganz freundlich bist Du mir begegnet und eine tiefe Ruhe kam zu mir, als ich Dich ansah. Das war wohl ausschlaggebend. Denn ich habe Dich gebraucht nach diesem Winter. Der letzte Winter war hart. Du weißt, welche Lasten und Sorgen mich damals niederdrückten. Du kennst meine Familie, die Kirche, die Welt. Alle sind wir miteinander verwoben. Oft reicht meine winzige Kraft nicht aus, um dieses Chaos, ein Wirrwarr aus dem Machtgehabe der Mächtigen und der Not und dem Leid der Armen und Kleinen, zu ertragen. Es ist gut, Dich als Stütze an meiner Seite zu wissen, meine Königin! Gerade jetzt, wo eine besondere Zeit beginnt. Der Frühling kommt und das große Osterfest ist in Sicht. Geteilte Freude ist doppelte Freude, wenn wir gemeinsam das Gesicht den Sonnenstrahlen entgegenstrecken, die ersten zarten Blumen bestaunen oder uns aufs Fahrrad setzen und durch die Felder fahren, in denen hier und da frisches Grün zu sprießen beginnt. Und geteiltes Leid ist halbes Leid. Immer wieder werden liebe Menschen in unserer Nähe krank, alt und müssen sterben. Oder es gibt Katastrophen und Streit, selbst unter Geschwistern, ja weltweit gesehen eine unglaubliche Menge an Hass, Krieg, Elend und Hunger. Auch kommen Gier und Unachtsamkeit hinzu, die unseren wunderschönen Planeten zerstören und alle Kreaturen leiden lassen. Ich kenne einen großen König, der davon zutiefst betroffen war, den es sogar das eigene Leben gekostet hat, dieses Leid der Welt zu tragen. Lass uns gemeinsam gehen. Lass uns gemeinsam die Erinnerung pflegen an sein Königreich der Liebe und des Verstehens. Es kann auch heute noch unter uns wachsen. Wenn sein Reich unter uns wächst, wächst auch der Wert und die Würde eines jeden Menschenlebens und setzt uns eine goldene Krone auf, Dir und mir – von Herzen katharina Zum Weiterlesen
Jesus spricht von Gott als unserem Vater, der das Verborgene sieht. Nach innen sollen wir gehen, in die eigene Kammer, ins Verborgene. Da innen, im Herzen, sollen wir anfangen. Das ganze Leben, es wird nur von innen heraus gut. Vom Almosen und vom Fasten (Matthäus 6,1–6.16–18)
Achtet darauf, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der im Himmel ist. Wenn du also Almosen gibst, so lass nicht vor dir her trompeten, wie es die Heuchler in den Synagogen und in den Gassen machen, um von den Menschen gelobt zu werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon erhalten. Du aber, wenn du Almosen gibst, dann soll deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibt. Dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir vergelten. Wenn ihr betet, so seid nicht wie die Heuchler; denn sie beten gern, wenn sie in den Synagogen und an den Straßenecken stehen, um sich vor den Leuten zu zeigen. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon erhalten. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer und schließe deine Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir vergelten. […] Wenn ihr fastet, so schaut nicht finster drein wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon erhalten. Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haar und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir vergelten. Mit dem Evangelium in den Alltag gehen
Eine aufrechte Haltung einüben
Sie sitzt vor mir, schmächtig und schmal, irgendwie in sich zusammengesackt, vornübergebeugt, als sei die Last auf ihren Schultern viel zu schwer. Ich kenne sie schon eine ganze Weile, weiß, dass sie vor Kurzem die Entscheidung getroffen hat, ihren Mann nach vier Jahrzehnten Ehe zu verlassen. Ist ausgezogen aus dem gemeinsamen Haus, hat sich eine eigene Wohnung gesucht, auch wenn sie rechnen muss und ihr mit der kleinen Stelle nicht viel Geld im Monat zum Lebensunterhalt bleibt. »Ich komme mit wenig zurecht«, sagt sie, und dass ihr Mann sie gedemütigt und beschämt hätte. Jetzt frei zu sein, wiege alles auf. Ein Neuanfang, den sie sich gewünscht, der sie aber auch sehr viel Kraft gekostet hat. Erschöpft sieht sie aus und gebeugt. Unweigerlich muss ich an meine Königin und ihre aufrechte Haltung denken. Ich beginne, ihr von dieser Königin zu erzählen, wie sie mir begegnet ist und mir helfen kann, gerade und aufrecht meinen Weg zu gehen. »Eine innere Königin«, sage ich, »die auch in Ihnen lebt.« Sie schüttelt den Kopf. »Ich und eine Königin!? Undenkbar! Das ist so weit weg, das passt überhaupt nicht.« Ich widerstehe der Versuchung, sie von etwas zu überzeugen, was sie momentan nicht nachvollziehen kann, und zeige ihr ein Foto von meiner Königin, die so gar nicht den üblichen Queen-Klischees entspricht: »Schauen Sie, die hier ist anders …« Ich bemerke, wie aufmerksam sie jetzt hinschaut und wie überrascht sie ist. »Nächstes Mal werde ich sie mitbringen, meine Königin«, verspreche ich. Es ist die aufrechte Haltung meiner Königin, die auch mir helfen kann, besonders wenn ich erschöpft und niedergeschlagen bin. Dann schaue ich sie an, wie sie dasteht, ganz und gar nicht hochnäsig, aber erhobenen Hauptes. Auch ich könnte es versuchen, nicht den Kopf einzuziehen, sondern mich aufrecht zu halten. Mit entspannten Schultern Wirbel für Wirbel zu spüren, dass da eine Säule in mir ist, die mich tragen und aufrichten will, mir Halt, Haltung und Würde verleiht. Wie wäre es, in den nächsten Tagen …
die Königin in mir zu entdecken? wahrzunehmen, was mich mit Würde krönt? einmal dem nachzuspüren, was mein Leben wertvoll macht? das Wesentliche innen und nicht außen zu suchen? den eigenen inneren Reichtum kennenzulernen? Donnerstag nach Aschermittwoch
Er nimmt Balken vom Fachwerk, jahrhundertealt, das schon viel getragen, ertragen hat. Es strengt ihn an, wenn er dieses Holz bearbeitet, herausmeißelt in groben Zügen, was darinnen verborgen ist. Es sind kleine Königinnen und Könige, ganz einfach, sehr friedlich, oft lächelnd, von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt ist. Manchmal stellt er sich mit so einem König, so einer Königin, dem grob behauenen Klotz, der in seine Hand passt, in eine Fußgängerzone und wartet auf Reaktionen der Vorübergehenden. Der Künstler ist Theologe und Diakon und sieht seinen Dienst darin, den Ärmsten, den Kleinsten, denen, die vom Leben gebeutelt und benachteiligt sind, erfahrbar zu machen, welch königliche Würde in ihnen wohnt. Eine königliche Würde, die ihnen nichts und niemand nehmen kann. Stell Dir vor, Du gehst durch die Fußgängerzone Deiner Stadt und da steht ein Mann mittleren Alters, der Dir freundlich eine kleine Königin (oder einen kleinen König) in die Hand drücken will. Was geht Dir durch den Kopf? Freitag nach Aschermittwoch
Ja ich bin eine Königin obwohl vieles dagegenspricht rein äußerlich meint sie und denkt an ebenmäßige Züge eine formvollendete Figur aufwendige Kleidung Die Königin weiß aus welchem Holz sie geschnitzt ist uraltes Holz mit Rissen und Kanten das immerhin dazu taugte ein Haus zu errichten ein Dach zu tragen eine Herberge zu sein Ja ich bin eine...