E-Book, Deutsch, Band 6, 176 Seiten
Reihe: Magic Girls
E-Book, Deutsch, Band 6, 176 Seiten
Reihe: Magic Girls
ISBN: 978-3-7607-8690-2
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
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Nele war in großer Eile. Bestimmt hatte der Unterricht bereits begonnen. Sie rannte über den Schulhof, so schnell sie konnte. Die Luft stach in ihren Lungen. »Mist! Mist! Mist!« Nele ärgerte sich über sich selbst. Frau Treller, die Klassenlehrerin, hatte sie schon mehrfach wegen ihrer Unpünktlichkeit ermahnt und ihr gestern sogar angedroht, sie zum Direktor zu schicken, wenn es noch einmal vorkam. Und heute war sie schon wieder spät dran! Wenn Nele nur Elena oder Miranda träfe! Ihre beiden Freundinnen waren waschechte Hexen – was aber nur Nele und Jana wussten. Miranda konnte sicher einen kleinen Zauber durchführen, und damit wäre das Problem sofort aus der Welt. Aber Elena und Miranda saßen jetzt sicher im Klassenzimmer auf ihren Plätzen. Sie wurden meistens von Elenas Großmutter Mona zur Schule gefahren. Mona war eine lausige Autofahrerin, aber trotzdem schaffte sie es immer irgendwie, die Mädchen pünktlich vor dem Schultor abzuliefern. »Könnte ich nur selber hexen!«, murmelte Nele, als sie die Eingangstür aufriss. Weil sie zur großen Uhr an der Wand blickte – es war tatsächlich schon fünf Minuten nach acht –, übersah sie den Jungen, der im selben Moment von rechts kam. Die beiden stießen so heftig zusammen, dass Nele das Gleichgewicht verlor und auf dem Hintern landete. »Tut mir leid«, rief der Junge und streckte Nele die Hand hin, um ihr vom Boden aufzuhelfen. »Ich hab dich nicht gesehen.« Nele griff automatisch zu und ließ sich hochziehen. Der fremde Junge war groß, braunhaarig – und hatte die hellblausten Augen der Welt. Nele starrte ihn an. Normalerweise war sie nie um Worte verlegen, aber jetzt brachte sie keinen Ton heraus. »Es tut mir leid«, sagte der Junge noch einmal. »Hast du dir wehgetan?« Nele schüttelte den Kopf. Sie musste ihn noch immer ansehen. Er hatte eine Stupsnase, und eine braune Locke fiel ihm in die Stirn. »Ich bin Arne und neu an der Schule«, stellte er sich vor. »Kannst du mir sagen, wo das Oberstufenzimmer ist?« »Das Oberstufenzimmer«, wiederholte Nele und hatte das Gefühl, dass ihr Gehirn nicht richtig funktionierte. »Klar kann ich dir das sagen. Das Oberstufenzimmer … äh … das ist …« Sie schluckte, während sie in ihrem Gedächtnis nachforschte. »Äh … im zweiten Stock.« »Danke.« Arne lächelte und bewegte dann seinen Arm. Nele hielt noch immer seine Hand fest. »Ach so, ja.« Sie ließ ihn los, als hätte sie sich verbrannt. Das Blut schoss ihr in die Wangen. »Tschüs.« Er lächelte sie noch einmal an und ging dann mit langen Schritten zur Treppe. Nele blickte ihm hinterher. Endlich gelang es ihr, die Benommenheit abzuschütteln. Trotzdem fühlte sie sich noch immer wie auf Wolken, als sie zu ihrem Klassenzimmer lief. Etwas war geschehen, die Welt hatte sich von einem Augenblick zum anderen verändert … Frau Treller war nicht mehr wichtig. Schwungvoll öffnete Nele die Tür. Alle Köpfe fuhren herum. »Aha, Nele«, sagte Frau Treller, die gerade etwas an die Tafel geschrieben hatte. Ihr Tonfall klang leicht genervt, als sie hinzufügte: »Wer sonst?« »Tut mir leid«, sprudelte Nele heraus. »Ich wäre heute pünktlich gewesen, aber vor der Haustür ist mir der Schnürsenkel gerissen und ich musste noch mal zurück. Ich kann nichts dafür, ehrlich nicht. Sie können meine Mutter fragen, wenn Sie mir nicht glauben.« Die Lüge war ihr ohne jegliche Mühe über die Lippen gekommen. »Aha«, sagte Frau Treller noch einmal. Sie sah Nele streng an. »Na gut, ich glaube dir. Ausnahmsweise. Das war aber wirklich das allerletzte Mal, dass du zu spät zum Unterricht gekommen bist!« Nele nickte und ging auf ihren Platz, wo Jana sie schon erwartete. »Glück gehabt!«, zischte sie Nele zu. Nele zuckte die Achseln und packte ihre Sachen aus. In Gedanken sah sie noch immer Arnes Gesicht vor sich. Sie hatte noch nie einen so süßen Jungen gesehen … Jana stieß sie in die Rippen. »He, was soll das?« Sie deutete auf die Dinge, die auf Neles Pult lagen. Nele hatte ihr Pausenbrot und einen Apfel ausgepackt, ihren Zirkelkasten und das Geodreieck. Dabei hatten sie jetzt Englisch. »Oh ja, richtig.« Nele räumte die Sachen wieder ein und holte ihr Englischbuch und das Heft hervor. Sie versuchte, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, aber fünf Minuten später merkte sie, dass sie die ganze Zeit den Heftumschlag mit kleinen Herzchen verzierte. Jana kicherte. »Was ist denn mit dir los?«, flüsterte sie. »Ich muss dir was erzählen«, wisperte Nele zurück. »Aber nicht jetzt, sondern in der Pause.« Sie machte ein unschuldiges Gesicht, weil Frau Treller sie streng ansah. »Nele«, sagte die Lehrerin, »würdest du uns bitte die Grammatikregeln erklären, die ich euch gestern beigebracht habe? In English, please!« Nele stöhnte, dann stand sie auf und ging an die Tafel. »Wie er mich angelächelt hat«, erzählte Nele in der Pause. »Gleich zweimal. Und diese Augen! Ich hab noch nie solche Augen gesehen, ich schwör’s.« »So was nennt man Liebe auf den ersten Blick«, meinte Jana und grinste. Elena und Miranda nickten. Sie waren zwar noch nicht sehr lange in der Menschenwelt und kannten noch längst nicht alles, aber von der Liebe auf den ersten Blick hatten sie auch schon gehört. So etwas Ähnliches gab es auch in der Hexenwelt, man nannte es Augenzauber – obwohl es genau genommen keine Magie war. Oder vielleicht doch. Jedenfalls keine Magie, hinter der eine Absicht steckte. Augenzauber passierte einfach … »Ja, ich glaube, du hast recht«, sagte Nele und wurde glühend rot. »Mich hat’s erwischt. Ich muss dauernd an Arne denken …« »Du hast seinen Namen auf dein Mäppchen geschrieben«, sagte Jana. »Drei Mal.« Augenzauber In der Hexenwelt kann ein Blick viel bedeuten. Es gibt den bösen Blick (Teil der schwarzen Magie), mit dem man dem anderen Unglück an den Hals zaubert. Im Gegensatz dazu existiert auch ein lieber Blick (manchmal auch Liebesblick genannt = falsche Schreibweise!). Er entzieht sich jedoch der Kontrolle. Liebe Blicke werden unabsichtlich abgeschickt – und sie lösen beim Empfangenden ein wohlig-warmes Gefühl und Interesse für den anderen aus. Manchmal kann es auch sein, dass sich zwei liebe Blicke begegnen – und dann entsteht das, was man Augenzauber nennt. In der Regel müssen sich die beiden andauernd anschauen, es ist fast unmöglich, sich voneinander zu lösen. Man ist wie verzaubert von der Gegenwart des anderen. Zauberer aller Zeiten haben versucht, diese Anziehungskraft zu erklären. Im 17. Jahrhundert kam Aloisius Bandelhohl (den man auch den Zittrigen Zauberfinger nannte) zu der Erkenntnis, dass es sich beim Augenzauber um eine »magische Entladung des Gehirns durch die Augen« handele. Es sei dann ein Überschuss an magischer Energie vorhanden, die nicht genutzt werde, und so wie ein voller Brunnen manchmal überläuft, »tröpfele« die Magie praktisch durch die Augen heraus. Paulus Plinfisch dagegen, ein berühmter Schabernackzauberer des 19. Jahrhunderts, behauptete, es handele sich um eine bakterielle Augenerkrankung, die das Auge durchlässig für magnetische Magie mache. Seine Theorie konnte niemals nachgewiesen werden. (Magnetische Magie wird angewendet, um Gegenstände aus Schränken und Regalen herbeizuholen, ohne dabei Muskelkraft anzuwenden. Während dieser Zauberhandlung sitzt die Magie auf den Fingerspitzen!) Im 20. Jahrhundert ging man dazu über, den Augenzauber als einen Teil des hexischen Fortpflanzungsverhaltens anzusehen. Es gab heftige Proteste. Etliche Hexen beschwerten sich, sie seien doch keine Menschen – und der Augenzauber sei auf keinen Fall etwas Ähnliches wie die »Liebe auf den ersten Blick«. Doch Fachleute sehen da durchaus Parallelen. Möglicherweise handelt es sich um dasselbe Phänomen, das noch aus einer Zeit stammt, in der der Homo sapiens sapiens und der Homo sapiens magus gemeinsame Vorfahren hatten. »Na und?«, gab Nele zurück. »Es ist mein Mäppchen, und da kann ich draufschreiben, was ich will.« »Da hast du instinktiv einen einfachen Zauber kopiert, Nele«, sagte Miranda. »Es ist der Versuch, Macht über die andere Person zu erlangen.« Sie erklärte, wie der Zauber funktionierte. »Man schreibt den Namen mehrmals auf ein Stück Papier und stellt sich vor, was diese Person machen soll. Dazu noch der passende Zauberspruch – und die Person tut, was du willst.« Miranda lächelte. »Außer, sie hat gerade etwas anderes vor oder die Person ist sehr willensstark, dann ist es wesentlich schwieriger.« Nele packte Miranda am Ärmel. »Dann verrate mir doch den Zauberspruch«, bettelte sie. »Ich will, dass Arne zu mir kommt und mich anspricht.« Miranda schüttelte den Kopf. »Ich habe es dir doch schon oft gesagt: Zauberei ist nichts für Menschen!« »Ist es doch«, maulte Nele. »Ist es nicht«, widersprach Miranda. »Das ist gemein«, sagte Nele. »Ihr Hexen dürft immer alles. Euer Leben ist viel einfacher.« »Wir dürfen gar nicht alles«, stellte Elena klar. »Und in der Menschenwelt sollen wir so wenig wie möglich hexen. Am besten gar nicht.« Aber Nele hörte gar nicht hin. Sie reckte suchend den Kopf. Plötzlich begann sie zu strahlen. »Dort hinten steht er!«, rief sie. Arne stand in einer Gruppe älterer Jungen und Mädchen und wirkte noch ein bisschen verloren. Immer wieder strich er sich...