E-Book, Deutsch, 158 Seiten
ISBN: 978-3-638-22009-5
Verlag: GRIN Verlag
Format: EPUB
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Fachliteratur als Schlagwort für die neueste literarische und philosophische
Entwicklung. Die grobe Verallgemeinerung, die derartige Begriffe stets beinhalten,
darf nicht den Blick verstellen für die intendierte fundamentale Erschütterung vorherrschender
westlicher Erkenntniskonzepte und Blickwinkel der Selbstgewahrwerdung.
Die Anbindung jeglicher Erkenntnisfähigkeit an sinnliche Wahrnehmung und
(körperliche) Erfahrung bedeutet eine eminente Aufwertung der Leiblichkeit und damit
der Materie.
Es gilt aufzudecken, welche Positionen im Diskurs um die Wahrnehmung von Wahrnehmung
jeweils eingenommen werden. Das Feld wird einerseits abgesteckt durch
die Annahme, es handle sich um einen rein rezeptiven Akt, Wahrnehmung bestehe
sozusagen im Eindringen von Qualitäten existenter Entitäten in das psychische System
des Menschen, und der konstruktivistischen Auffassung andererseits, die davon
ausgeht, daß die neurologisch erzeugten Wahrnehmungsinhalte eine Interpretation
des Neuronencodes darstellen, die keinerlei Schlüsse auf die (möglicherweise vorhandenen)
Objekte zulassen. Wahrnehmung kann also durchaus nicht unproblematisch
als Fundament einer Erkenntnistheorie gesetzt werden.
Gleichzeitig legt das Attribut `neue´ nah, daß eine Abgrenzung von bisherigen Konzepten
stattfindet, die es qualitativ erlaubt, die Dichotomie `alt´ vs. `neu´ zu bemühen.
Natürlich handelt es sich nicht um eine gänzlich neue Denkfigur, die ohne historische
Vorläufer auskäme. Zu nennen wäre hier etwa das Prinzip der `sinnlichen Erkenntnis´
im ästhetischen Modell Baumgartens ebenso wie der Gegenpol Goethe als Vertreter
der `klassischen´ Sinneshierarchie. Beispielhaft können die Veränderungen an einzelnen
Motiven, wie dem des Spiegels, dargelegt werden.
Trotz aller Heterogenität sind die Linien – zumindest in der Theorie – recht deutlich zu
erkennen. Die traditionelle Sinneshierarchie mit dem Distanzsinn Auge als höchstem
Sinn erfährt eine radikale Umwertung. Die sogenannten niederen Sinne, die Nahsinne,
und hier insbesondere das Taktile, werden zur zentralen Größe des Selbstgewahrwerdens. Der Begriff der `Unmittelbarkeit´ tritt in seiner ganzen körperlichen Dimension
an die Stelle des Wahrheitsbegriffs. Die transzendentale Obdachlosigkeit
kann so durch die sinnliche Heimat wettgemacht werden. [...]